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Corina Kolbe

Der Ton macht die Politik

Erste Veröffentlichung am 23.07.2009
Eingestellt am 20.08.2009

Alessio Allegrini hat es weit gebracht. Acht Jahre lang war er unter Riccardo Muti Solo-Hornist an der Scala, bevor er nach Rom ins Orchestra di Santa Cecilia wechselte. In der ersten Saison von Simon Rattle konnte man ihn mit den Berliner Philharmonikern erleben, und Claudio Abbado engagiert ihn regelmäßig für Auftritte mit seinem Orchestra Mozart und dem Lucerne Festival Orchestra.

Auf Starruhm aber legt Allegrini wenig Wert – er will mit der Kraft der Musik die Gesellschaft verändern. Der 36-Jährige aus Poggio Mirteto nahe Rom hat kürzlich gemeinsam mit Profi-Musikern aus mehreren Ländern ein Netzwerk gegründet, um weltweit für die Einhaltung der Menschenrechte einzutreten.

Politische Bezüge fehlen nicht

Künstler wie Abbado, Daniel Barenboim, Martha Argerich und Hélène Grimaud unterstützen die Bewegung, die sich bislang „Musicisti senza frontiere“ (Musiker ohne Grenzen) nennt. Um Verwechslungen mit anderen Gruppen zu vermeiden, wird zurzeit allerdings ein neuer Name gesucht. Zu der Organisation gehört das neu gegründete Human Rights Orchestra, das an diesem Freitag und Sonnabend beim Festival Musica sull’Acqua am Comer See auftritt. Auf dem Programm stehen Werke von Mendelssohn-Bartholdy, Tschaikowsky und zeitgenössischen Komponisten, auch politische Bezüge fehlen nicht. „Randas Traum“, ein Stück für Orchester und eine Sprechstimme, handelt vom Flüchtlingselend in den palästinensischen Lagern Schabra und Schatila im Libanon.

Im September will Allegrini mit dem Orchester auf der Insel Lampedusa musizieren, um auf die Situation der Menschen im dortigen Auffanglager hinzuweisen. Noch verhandelt er mit den Behörden: „Wir wollen nicht gegen die Politik der Berlusconi-Regierung Front machen, sondern vor allem erreichen, dass die UN-Menschenrechtscharta respektiert wird“, betont er.

Instrumente lernen, um einen Ehemann zu finden

Begonnen hatte alles eigentlich vor 18 Jahren, als er seine ersten Auftritte mit dem Scala-Orchester hatte. In der Mailänder Innenstadt begegnete er dem japanischen Soziologen Shizuo Matsumoto, aus der Zufallsbekanntschaft entwickelte sich ein freundschaftlicher Dialog über Humanismus und Menschenrechte. Mit japanischen Musikern organisierten die beiden im Laufe der Jahre Konzerte in beiden Ländern. Auch Allegrinis Brüder, ein Hornist und ein Trompeter, machten mit. „In Osaka spielten wir zunächst auf Straßen, Plätzen, in U-Bahnschächten und sogar in Tempeln. Das war eine kleine Revolution“, erinnert sich Allegrini.

Vor drei Jahren trat er dann mit einem neuen Orchester aus rund 90 japanischen Jugendlichen sowie einem Ensemble aus 88 Hornisten in der ausverkauften Symphony Hall in Osaka auf. Allegrini ist stolz darauf, vor allem Musikerinnen wichtige Unterstützung geleistet zu haben. „Frauen werden in Japan nach wie vor diskriminiert und lernen meist nur deshalb ein Instrument, um leichter einen Ehemann zu finden“, erzählt er. Der Erfolg der Projekte habe den weiblichen Ensemble-Mitgliedern dabei geholfen, öffentliche Anerkennung zu finden.

Alessio Allegrini hat auch Kontakte zu Musikern in Lateinamerika und im Nahen Osten. Seit einigen Jahren begleitet er Claudio Abbado, wenn dieser im Winter mit Nachwuchsmusikern des Jugendorchestersystems in Venezuela arbeitet. Dem Human Rights Orchestra gehört inzwischen auch der venezolanische Kontrabassist Edicson Ruiz an, der 2003 als bis dahin jüngstes Mitglied zu den Berliner Philharmonikern kam. Eine lange Freundschaft verbindet Allegrini mit dem Palästinenser Ramzi Aburedwan, der in Barenboims West-Eastern Divan Orchestra spielt und sich für die Musikförderung im Westjordanland einsetzt.

Die Musiker nehmen keine Gage
Die Liste der Musiker, die Allegrinis Aufruf gefolgt sind und ohne Gage auftreten wollen, ist bereits lang. Nicht alle werden überall dabei sein, die Organisation soll flexibel bleiben. Der Hornist wünscht sich, dass überall auf der Welt spontan kleinere Ensembles entstehen, die unter dem Namen Human Rights Orchestra die Grundrechte verteidigen. Ob Klassik, Rock, Pop oder Folklore – nach Ansicht von Allegrini kann stilistische Vielfalt nur dazu beitragen, Grenzen zu überwinden. Um die Projektarbeit auszubauen, suchen die Organisatoren nach Sponsoren. In Japan werden sie bereits vom Touristikkonzern JTB unterstützt.

An konkreten Plänen mangelt es nicht. Anfang September findet ein Konzert in der Benediktinerabtei Farfa bei Rieti statt, im Mai 2010 spielen die Musiker beim Internationalen Menschenrechtsforum in Luzern. Im August 2010, so hofft Allegrini, wird das Orchester zum 65. Jahrestag der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki auftreten können. „Und wenn Daniel Barenboim einmal eines unserer Konzerte dirigieren würde, wäre das einfach großartig.“

Dieser Text erschien erstmals im Kulturteil des Tagesspiegel am 23. Juli 2009

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