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Matthias Nöther

Aufräum- und Abwaschlieder

Erste Veröffentlichung am 27.08.2009
Eingestellt am 27.08.2009

Singen gehört in den Schulalltag. Wie erklärt man das Politikern?

Wenn Kinder singen, reflektieren sie die Erfahrungen ihres Alltags. Wenn es also nach den Kindern ginge, wäre Musik etwas für jeden Tag. Erzieherinnen wussten das zu allen Zeiten. Alte und neue Lieder sind deshalb in unserer sing-unlustigen Zeit am ehesten noch in Kindergärten und Grundschulen ein Teil von Lebenswelt: Morgenlieder, Geburtstagslieder, Tischlieder, Jahreszeitenlieder, Abschiedslieder, Aufräum- und Abwaschlieder, Schlaflieder. Seit kurzem verleiht der Deutsche Chorverband den "Felix". Er ist ein Gütesiegel für singende Kindergärten und zugleich eine Warnung. Unsere Gesellschaft droht, stumm zu werden.

Regelmäßiges Singen stärkt das Sprach- und das Zuhörvermögen, den sozialen Zusammenhalt, die Fähigkeit, zu entspannen und sich zu konzentrieren. Kindergärtnerinnen wissen längst, was Hirnforscher erst mühsam herausfinden mussten. Wer die Basismusikalisierung von Kindern stur für einen bildungsbürgerlichen Atavismus hält, der sollte hier, wenigstens hier, aufhorchen.

In der Musikvermittlung an Kinder und Jugendliche kann viel bewegt, aber auch viel falsch gemacht werden. Leuchtturmprojekte wie die Education-Arbeit der Berliner Philharmoniker vermitteln das Glück des kreativen Prozesses und geben einen Anreiz zum Musizieren. Die Garantie, dass Musik künftig einen Platz im Alltag des Schülers haben kann, geben sie von sich aus nicht. Dafür kommt der Input meist zu spät. Teenager erleben Musik in ihrer Umwelt oft nur noch als Konsumgut, produziert von Stars, die ihrer Alltagswelt weit enthoben sind.

Und doch lockt es die Politiker, Erziehungs-Projekte, die in große Events münden, als neue Variante der Basismusikalisierung misszuverstehen. Nur ein Beispiel: Nachdem der Berliner Senat den schulischen Musikunterricht kürzte und damit musikalische Bildung als schulischen Alltag schwächte, stärkte er sie als Event, mit großem Tamtam und ein paar zusätzlichen Millionen Euro: Der Projektfonds Kulturelle Bildung, welcher die befristete Arbeit von Schulklassen mit freien Künstlern ermöglichen soll, ist sozusagen das preiswerte staatliche Versprechen auf kreative Euphorie à la "Rhythm is it!". Nur, dass Musik so nichts Selbstverständliches mehr ist und sich noch dazu neben Theater, Bildender Kunst und vielem Anderen behaupten muss.

Es ist nicht leicht, die guten Ideen zur musikalischen Breitenbildung, die es in Deutschland zuhauf gibt, sinnvoll in Institutionen zu kanalisieren. Oberstes Ziel sollte sein, dass man eine Normalität des Musikalischen erzeugt - im geschützten Raum und auf breiter Basis. Da stößt selbst ein so ambitioniertes Großprojekt wie "Jedem Kind ein Instrument" in Nordrhein-Westfalen an seine Grenzen. Die Instrumente sind gekauft, die Lehrpläne angepasst, doch es fehlt in manchem Winkel des Landes an Instrumentallehrern, die wissen, wie man normale Mittelstufler ohne musikalische Vorbildung unterrichtet. Nachhaltigkeit und Breite in der musikalischen Bildungsarbeit setzen bereits eine gewachsene musikalische Infrastruktur voraus, die man nicht in wenigen Jahren schafft, auch nicht mit viel Geld.

Der erste Schritt ist also, diese Infrastruktur vom Punkt Null wachsen zu lassen - womit wir wieder beim Singen und bei den Kindern wären. Allerdings traut sich auch nicht jede Kindergärtnerin und jeder Grundschullehrer heute ohne weiteres zu, mit seinen Schützlingen zu singen. Doch das ist der einzige gangbare Weg: "Im Alter von sechs bis zehn, also in der Grundschule, können wir die Kinder für einen langfristigen Zugang zur Musik gewinnen. Danach ist dieses Fenster ziemlich bald geschlossen." Das sagt Stefan Simon, Projektleiter der Initiative "Singen macht Sinn" in Ostwestfalen-Lippe.

"Singen macht Sinn" liegt in Nordrhein-Westfalen im Schatten des großen Projekts "Jedem Kind ein Instrument", und es geht ihm dort prächtig. Der Marsch durch die Institutionen ist ihm bisher erspart geblieben - weil es noch nicht öffentlich gefördert wird. Die kleine Familie-Osthushenrich-Stiftung in Gütersloh hat über 600 000 Euro gegeben. Das ist der Großteil dessen, was das Projekt bis zu seinem Etappenziel 2011 kosten wird. "Singen macht Sinn" - der nicht ganz astreine Name führt immerhin zur flotten Abkürzung "SMS" - kann man als musikbildnerische Graswurzelbewegung bezeichnen, die in einigen Jahren Modellcharakter haben könnte.

SMS umschifft alle Strukturprobleme öffentlich geförderter Musikvermittlung. Die Initiative erfindet das Rad, während es bereits rollt, sie schafft aus sich heraus die Infrastruktur, mit der sie auch ihre Inhalte vermittelt. Lehramtsanwärtern für Deutsch, Mathematik und andere musikfremde Grundschulfächer werden von vokalpädagogischen Fachleuten unterrichtet, mit Kindern zu singen: die ideale Tonhöhe für die Kinderstimmen einzuschätzen, die Kinder auf der Gitarre zu begleiten, neue Lieder und Singspiele einzuführen. Die Vokalpädagogen von SMS bringen den Studenten in einem Seminar mit dem trockenen Titel "Basiskompetenz Stimme" den Umgang mit dem eigenen Organ sowie Lieder für all die Sing-Gelegenheiten bei, die es in einer Grundschulklasse gibt. Die gleichen Vokalpädagogen aber begleiten auch aktive Musiklehrer in der Grundschule und geben ihnen neue Anregungen für das Singen mit Schülern - das im deutschen Musikunterricht nach wie vor viel zu kurz kommt. Die dritte Säule ist ein Master-Studiengang an der Musikhochschule Detmold, der neue professionelle Vokalpädagogen für die Arbeit mit Grundschullehrern ausbilden soll.

Eine Graswurzelbewegung, ein Schneeballsystem. Geht das nur im strukturstarken, eigenbrötlerischen Ostwestfalen? Burghard Lehmann, Geschäftsführer der Familie-Osthushenrich-Stiftung, blickt aus dem Fenster seines Gütersloher Büros auf einen so schmuck wie schick sanierten mittelalterlichen Kirchhof. Übernimmt die private Stiftung Aufgaben der öffentlichen Hand? Lehmann schüttelt lächelnd, aber energisch den Kopf. "Wir waren überzeugt, dass das Land so ein Projekt niemals bezahlen würde. Deswegen haben wir es angestoßen. Nach 2011 muss NRW das selber wuppen."

So wie Lehmann das sagt, können einem kaum Zweifel kommen, dass die Landesregierung dies tun wird. Nach nur wenigen Monaten Laufzeit sind rund hundert Bewerbungen aus Schulen der Region beim SMS-Büro in Detmold eingegangen. Es ist die Nachfrage nach etwas Alltäglichem. Singen wird bei SMS nicht als hippes Event, sondern als Lebensmittel angeboten. Mit dem Verlust eines Events könnte sich jeder abfinden, dann geht man eben ins Kino. Wenn Singen aber zur alltäglichen Lebenswelt gehört, würde die Abschaffung Wählerstimmen kosten, und das verstehen Politiker. Wäre so etwas nicht auch in Berlin möglich?

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Kindergärtnerinnen wissen längst, was Hirnforscher erst mühsam herausfinden mussten.


zuerst erschienen in: Berliner Zeitung (Feuilleton, 27. August 2009)

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