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Corina Kolbe

"Wir müssen Musik anders vermitteln als früher"

Erste Veröffentlichung am 02.10.2009
Eingestellt am 02.10.2009

ZEIT ONLINE: Herr Dudamel, von dieser Saison an sind Sie Musikdirektor des Los Angeles Philharmonic Orchestra. Was planen Sie Neues? 

Gustavo Dudamel:
Wir haben sehr viel vor. Ich betrachte es als Ehre, mit einem so hervorragenden Orchester arbeiten zu dürfen. Mein Vorgänger Esa-Pekka Salonen hat in den vergangenen 17 Jahren großartige Arbeit geleistet. Als erstes werden wir am 3. Oktober in der Hollywood Bowl ein Gratis-Konzert vor 18.000 Zuhörern geben. Mit den Philharmonikern führe ich Beethovens Neunte auf. Es wird aber nicht nur Klassik gespielt, sondern auch Pop und Jazz. Außer uns treten zum Beispiel Herbie Hancock und Flea von den Red Hot Chili Peppers gemeinsam mit Nachwuchsmusikern auf.

ZEIT ONLINE:
In Venezuela sind Sie in dem bereits legendären Jugendorchestersystem groß geworden. Wollen Sie El Sistema nun auch nach Kalifornien exportieren?

Dudamel:
An so einem Projekt arbeiten wir. Vor anderthalb Jahren haben wir in einem Stadtteil das Youth Orchestra Los Angeles (YOLA) gegründet, in dem inzwischen etwa 120 Kinder bis 13 Jahre musizieren. Sie werden von Mitgliedern des Los Angeles Philharmonic und Studenten verschiedener Konservatorien unterrichtet. In der Hollywood Bowl führe ich mit YOLA Beethovens Ode an die Freude auf – es wird unser erster gemeinsamer Auftritt sein.
Das venezolanische Orchestersystem, das jungen Leuten seit Jahrzehnten kostenlos Instrumente bereitstellt, ist unser direktes Vorbild. Auch in Los Angeles wollen wir den neuen Generationen Wege zur Musik eröffnen. Das berührt mich wirklich sehr. Viele Kinder und Jugendliche hätten doch sonst kaum Zugang zur Kunst. Das liegt nicht nur an materieller Not, sondern auch an geistiger Armut, die leider auf der ganzen Welt verbreitet ist.

ZEIT ONLINE:
In Venezuela hat die Musik die Gesellschaft stark verändert.

Dudamel:
Mein Land ist so reich an Kultur – und das verdanken wir ganz entscheidend El Sistema von Maesto José Antonio Abreu! In Venezuela ist Musik inzwischen ein soziales Grundrecht. In Los Angeles möchte ich deshalb nicht nur das traditionelle Publikum, sondern die gesamte Stadt erreichen. Wenn Jugendliche Freude an der Musik finden, beginnt für sie ein völlig neues Leben. Das YOLA-Projekt ist schon so erfolgreich, dass zwei weitere Jugendorchester geplant sind.

ZEIT ONLINE:
Wo werden Sie als Musikdirektor künstlerische Schwerpunkte setzen?

Dudamel:
Mit dem Los Angeles Philharmonic werde ich ein breites Repertoire aufführen, das alle möglichen Epochen und Stile umfasst. Bei der Eröffnungsgala am 8. Oktober in der Walt Disney Concert Hall stehen Mahlers Sinfonie Nr. 1 und die Welturaufführung von John Adams City Noir auf dem Programm. In meiner ersten Saison sind neun Premieren geplant – Werke von Mozart, Beethoven, Schubert und Verdi sind ebenso vertreten wie zeitgenössische Kompositionen.

ZEIT ONLINE:
Werden Sie sich auch dafür einsetzen, lateinamerikanische Komponisten in den USA bekannter zu machen? Wie mitreißend diese Musik ist, kann man auf Ihrem Album Fiesta hören.

Dudamel:
Mir liegt sehr viel daran, Grenzen zu überwinden. Im nächsten Jahr wollen wir bei dem Festival Americas and Americans die Musik des gesamten Kontinents präsentieren, vom äußersten Norden bis zum Süden. Amerika ist musikalisch bisher nie als gemeinsames Ganzes wahrgenommen worden. Dabei haben sich viele Komponisten gegenseitig beeinflusst. Carlos Chávez kannte beispielsweise Antonio Estévez und Aaron Copland. Viele dieser Künstler verbindet außerdem die Liebe zur Natur. Estévez dachte bei seiner Cantata Criolla an die Tiefebene Venezuelas, Adams sieht beim Komponieren die Landschaften Kaliforniens vor sich. Dort leben wegen der Nähe zu Mexiko auch viele Lateinamerikaner. Wir möchten sie gern näher an unser Orchester heranführen.

ZEIT ONLINE:
Neue Medien wie das Internet werden immer wichtiger, um der klassischen Musik junge Publikumsschichten zu erschließen. Welches Verhältnis haben Sie zur Technik?

Dudamel:
Ehrlich gesagt bin ich kein großer Freund von Mobiltelefonen (lacht). Die neuen Technologien sind aber sehr hilfreich, wenn es darum geht, junge Leute zu erreichen. Wir müssen unsere Musik anders vermitteln als früher und dabei ein hohes künstlerisches Niveau beibehalten. Wichtig ist, dass die Musik lebendig bleibt und keine Routine spürbar wird. Die Eröffnungsgala wird live im Internet übertragen und später in mehreren Ländern – auch in Deutschland – im Fernsehen gesendet. Fast alle meine Konzerte können außerdem bei iTunes heruntergeladen werden. Großartig finde ich auch die Live-Übertragungen der Berliner Philharmoniker in der Digital Concert Hall. So etwas haben wir in Los Angeles bisher nicht.

ZEIT ONLINE:
Über Facebook, Twitter und YouTube können sich auch Musiker und Orchester miteinander vernetzen.

Dudamel:
Witzigerweise habe ich den Tenor Juan Diego Flórez über YouTube kennengelernt. Ich hatte ihn vorher nie live gehört, und auch er hat mich dort zum ersten Mal erlebt. Man kann heute auf vielen neuen Wegen miteinander kommunizieren, die Welt hat sich dadurch weiter geöffnet. Das alles ist sehr vielversprechend. Als José Antonio Abreu in diesem Jahr in den USA den TED-Preis erhielt, wurden seine Dankesrede und ein Konzert venezolanischer Musiker über Satellit live von Caracas aus übertragen.

ZEIT ONLINE:
Wie werden Sie El Sistema künftig unterstützen?

Dudamel:
Ich werde weiterhin einen Teil des Jahres in Venezuela verbringen, um mit dem Simón Bolívar Orchester und anderen Musikern zusammenzuarbeiten. In diesem Jahr war ich viel in aller Welt unterwegs, doch in der nächsten Saison konzentriere ich mich auf Los Angeles, Venezuela und meine Auftritte mit den Göteborger Symphonikern, deren Chefdirigent ich vorerst bleibe.


Das Interview erschien zunächst am 2. Oktober 2009 auf ZEIT ONLINE. 

 

 



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