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Corina Kolbe

Gemeinsam etwas Großes angehen

Erste Veröffentlichung am 01.10.2010
Eingestellt am 18.10.2010

Rainer O. Brinkmann ist Leiter der „Jungen Oper“, der Education-Abteilung der Staatsoper Unter den Linden Berlin. Er ist ausgebildeter Musik- und Theaterpädagoge, Schauspieler und Regisseur und lehrt an Hochschulen, Akademien und Lehrerfortbildungsinstituten im In- und Ausland. Rainer O. Brinkmann hat zur szenischen Interpretation von Musiktheater geforscht und veröffentlicht. Er gründete das Institut für Szenische Interpretation von Musik + Theater (ISIM). Darüber hinaus ist er Initiator zahlreicher Kinder- und Jugendoper-Projekte.

Wie sind Sie auf die Idee zu dem Kinderopernprojekt in Berlin-Lichtenberg gekommen?
Regina Lux-Hahn, die Regionalleiterin der Caritas Berlin Süd-Ost, schlug mir vor, in dem Lichtenberger Stadtteil Frankfurter-Allee-Süd eine Oper mit Kindern und für Kinder aufzuführen. Inhaltlich war anfangs noch nichts genau definiert. Die Staatsoper Berlin hat bei „Sternzeit F:A:S“ zum ersten Mal mit einem Sozialverband und verschiedenen Stadtteilorganisationen zusammengearbeitet. Mich reizte daran besonders, gemeinsam etwas Großes anzugehen, für das wir mehr Zeit haben würden als für unsere üblichen Schulprojekte. Die logistischen Herausforderungen waren allerdings erheblich: Wir mussten zwischen verschiedenen Probenorten pendeln, zwei verschiedene Bühnen einrichten und für die Betreuung einer großen Zahl von Kindern sorgen.

Die Vorbereitungen haben insgesamt 13 Monate gedauert. Mitgemacht haben 120 Kinder aus zwei Grundschulen des Stadtteils. Was haben Sie bei den Proben beobachtet?
Ich muss zugeben, dass wir die Kinder zunächst unterschätzt haben. Man kann mit ihnen viel weiter kommen, als man zunächst annimmt. Ausgehend von Emmanuel Chabriers Opéra bouffe L’Étoile, die ebenfalls im Mai an der Staatsoper unter Leitung von Sir Simon Rattle aufgeführt wurde, wollten wir ursprünglich fünf oder sechs kleinere Szenen entwickeln, die mit dem Alltag und den Erfahrungen der Kinder in Zusammenhang stehen.
Wir stellten dann aber fest, dass die Schüler auch starkes Interesse an dem historischen Hintergrund des Stückes hatten. Sie wollten die Oper nach ihren Lese- und Hörerlebnissen lieber originalgetreu umsetzen. Daraufhin haben wir unser erstes Konzept geändert. Da die Kinder und das Musikschulorchester eine unglaubliche Spielfähigkeit entwickelten, konnten wir an vielen Stellen viel mehr machen als geplant.
Das Ergebnis ist ein fast zweistündiges Stück, in das wir eigene Szenen und Musiknummern eingebracht haben. Solisten unseres Opernstudios waren ebenfalls an dem Projekt beteiligt und sangen auf der Bühne gemeinsam mit den Kindern. 

War es für die Kinder schwierig, als Gruppe zusammenzufinden? 
Das war am Anfang tatsächlich ein größeres Problem. Die Schüler verhielten sich nicht leise, wenn andere sprachen, und lernten erst nach und nach, ein gemeinsames Interesse an einem Thema zu entwickeln. Wir haben mit ihnen bestimmte Rituale eingeübt und auch festgelegt, wer welche Funktionen in der Gruppe übernimmt.

Brachten alle die nötige Disziplin für die Proben auf?
Wir mussten den Kindern zunächst klarmachen, dass Kunst nur durch ständiges Üben entstehen kann. Das haben wir auf allen Ebenen praktiziert: bei der Bewegung, beim Singen und beim Musizieren. Instrumentalisten wissen am besten, dass man nur durch Üben und Wiederholen weiterkommt. Für die Kinder war das ein längerer Lernprozess. Erst als wir zu den Endproben kamen und Zuschauer im Publikum saßen, haben alle gemerkt, dass es ernst wurde. Man hat dann deutlich gemerkt, dass sie mit größerer Aufmerksamkeit bei der Sache waren. Bei vielen hat sich großer Ehrgeiz geregt. Mit der Konzentrationsfähigkeit gab es von vornherein kaum Probleme. Die meisten waren auf den Punkt genau da, wenn ihr Einsatz gefordert war.

Wie haben sich die Schüler der Gattung Oper genähert? War das für die meisten nicht eine völlig neue Erfahrung?
Die meisten Kinder waren vorher kaum mit klassischer Musik in Berührung gekommen. Vor allem die hohen Gesangsstimmen in der Oper haben sie anfangs sehr irritiert. Als wir ihnen sagten, dass sie das auch ausprobieren sollten, fingen sie laut an zu lachen. Das ist eigentlich eine natürliche Reaktion, denn Singen ist etwas Künstliches, das in unserem Alltag eine geringe Rolle spielt. Wir haben dann einen kleinen Wettbewerb veranstaltet, in dem die Kinder testen konnten, wer am höchsten singen kann und warum ihnen das leichter fiel als Erwachsenen.
Auf ein Casting haben wir verzichtet, obwohl wir beim Unterricht rasch feststellten, wer die Töne am besten traf. Da viele Kinder nicht nur im Chor singen wollten, haben wir die Solo-Rollen in jedem der drei Akte neu besetzt.

Wie reagierten die Kinder, die die Aufführungen vom Publikum aus miterlebten?
Mir war es sehr wichtig, dass wir ein Stück für Schüler und nicht für deren Eltern, Tanten und Onkel produzierten. Oft wird etwas mit Kindern inszeniert, das Gleichaltrige überhaupt nicht anspricht. In die letzte Vorstellung von „Sternzeit F:A:S“ kamen fast 500 Kinder, die alles konzentriert bis zum Schluss mitverfolgten. Sie mussten sich auf eine Musik und eine Handlung einlassen, die mit ihrem Leben auf den ersten Blick nur wenig zu tun hatten. Viele sagten hinterher, dass sie das Stück gern noch einmal sehen würden. „Unseren“ Kinder war es außerdem wichtig, für ein Publikum ihrer Altersgruppe auf der Bühne zu stehen. Einige Eltern waren am Anfang zwar etwas skeptisch, unterstützten uns aber zunehmend, als sie merkten, dass ihre Kinder von dem Projekt profitierten.

Konnten Sie über die kulturelle Arbeit hinaus auch einen neuen sozialen Zusammenhalt zwischen den Kindern in dem Stadtteil stiften?
Davon bin ich überzeugt. Die Kinder der einen Schule kommen aus bildungsbürgerlichen Familien, die anderen eher aus bildungsfernen Schichten. Sie waren zwar Nachbarn, hatten aber untereinander keinen Kontakt. Wir wollten eine stärkere Vermischung erreichen, was uns letztlich auch gelungen ist. Inzwischen verabreden sich viele dieser Kinder nach der Schule, um gemeinsam etwas zu unternehmen.

Erwarten Sie, dass „Sternzeit F:A:S“ darüber hinaus eine breite nachhaltige Wirkung hat?
Ich hoffe sehr, dass dieses „Leuchtturmprojekt“ auch auf anderen Ebenen fortwirken wird. Neben den beiden Schulen waren auch Jugend- und Stadtteilzentren sowie die katholische Kirchengemeinde beteiligt. Unterschiedliche Institutionen und Organisationen miteinander ins Spiel zu bringen, war für uns ein zentraler Gedanke. Dass diese Zusammenarbeit erfolgreich war, zeigt sich daran, dass in dem Stadtteil nun ein Kinderopernhaus entstehen soll. Das bedeutet, dass die Kinder ihre künstlerische Arbeit fortsetzen können und noch weitere Teilnehmer dazu kommen. 

www.musiktheaterpaedagogik.de
Rainer O. Brinkmann: Tel. 030/20354489, E-mail: r.o.brinkmann@ staatsoper-berlin.de


zuerst erschienen in: "das Orchester" 10/2010
Mit Genehmigung der SCHOTT MUSIC GmbH & Co. KG, Mainz - Germany


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