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Ingrid Allwardt

Drei Studiengänge im Portrait: Detmold, Hamburg, Bremen

Erste Veröffentlichung am 01.11.2008
Eingestellt am 01.11.2008

Musikvermittlung erfährt seit Ende der 1990er Jahre sowohl in künstlerischen als auch in musikpädagogischen Kontexten eine interessante Entwicklung. Die Frage, wie man lernen kann, Musik zu vermitteln, beschäftigt nicht nur die bereits umtriebigen Vermittler, sondern auch die Stätten der Ausbildung. Die Hochschule für Musik in Detmold reagierte als erste bereits vor gut zehn Jahren auf den Impuls der Szene. Heute hat sich die Situation verschärft: Kaum ein Orchester kommt ohne pädagogisches Programm aus. Orchester, Konzerthäuser, Städte schaffen Stellen für Musikvermittler und für die Musikhochschulen wird es „höchste Zeit, ihren Studierenden das für dieses Feld nötige Handwerkszeug in vielfältigen Zusammenhängen und Kontexten zu vermitteln“ (Ernst Klaus Schneider).

Die Hochschulen reagieren tatsächlich: In Linz, Zürich, Hamburg sind neue Studiengänge geplant. Die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart richtete bereits 2006 eine Juniorprofessur für Musikvermittlung (Hendrikje Mautner) ein, die ein kontinuierliches Lehrangebot gewährleistet. Die Musikvermittlung wurde so in alle Bachelor- und Masterstudiengänge integriert; besondere Studienprofile ermöglichen darüber hinaus die Spezialisierung in den Bereichen Musikvermittlung/Musikmanagement.

Wie künstlerische, pädagogische, musikwissenschaftliche, konzertpädagogische Inhalte sowie kulturmanagement-spezifische Fähigkeiten im Zuge der Bologna-Konventionen in die unterschiedlichen Curriculae der modularisierten Bachelor- und Masterstudiengänge an den bundesdeutschen Musikhochschulen einzuführen sind, darüber streiten sich die konzeptionellen, administrativen und künstlerischen Geister. Die kontroverse Diskussion über das „Was“ und „Wie“ solcher Ausbildungsangebote wird unterschiedlich beantwortet und differenziert nicht nur die praktische Herangehensweise an das Thema Musikvermittlung aus, sondern auch das Feld der Ausbildungskonzeptionen.

An der Hochschule für Künste Bremen hat man sich diesen Fragen im intensiven Dialog mit Lehrenden und Studierenden aller Studienrichtungen gestellt und ein viersemestriges Pflichtmodul der Musikvermittlung entwickelt, das zukünftig alle Bremer Musikstudierenden vom ersten Studientag an absolvieren. An der Hochschule für Musik und Theater Hamburg hat das Modul Musikvermittlung als Pflichtfach bereits 2005 Einzug gehalten, ihr „ENSEMBLE 21 für aktuelle Musik“ entwickelt neue Vermittlungs- und Veranstaltungsformate, im Sommersemester 2009 werden nun die unterschiedlichen Angebote mit städtischen Kulturinstitutionen auf das Angebot für Kinder und Jugendliche abgestimmt und in einem Masterstudiengang für Musikvermittlung gebündelt und erweitert. Die Hochschule für Musik in Detmold reagiert als Hochschule für Musikvermittlung der ersten Stunde mit der Gründung eines eigenen Instituts für diesen Bereich.

Ernst Klaus Schneider, bis zum Wintersemester 2008 Leiter des Masterstudiengangs „Musikvermittlung-Konzertpädagogik“, Janina Schaefer, Professorin für Musikvermittlung und Schneiders Nachfolgerin, Elmar Lampson, Präsident der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, und Barbara Stiller, Professorin für Elementare Musikpädagogik und Studiendekanin in Bremen, skizzieren Sinn und Ansinnen der neuen Ausbildungsangebote.

Ingrid Allwardt


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Vom Pilotprojekt zum Doppelmaster
Der Studiengang „Musikvermittlung“ an der Hochschule für Musik Detmold

Für die Ausbildungslandschaft in Deutschland war die Gründung des Studiengangs im Jahr 1998 etwas ganz Neues: Musikvermittlung im Konzert. Der Impuls dafür kam von außen, von Orchestern, Musikdramaturgen, Musikschulen: Wo können wir lernen, qualitätvoll Konzerte für Kinder und Familien zu planen und durchzuführen? Die hinter dieser Frage stehende Sorge artikulierte Mauricio Kagel damals in einem Brief: „Unsere Kunden laufen uns weg und dies auch, wenn wir glauben, dass sie ganz im Konzertsaal sitzen. Sie laufen uns geistig weg […]. Wir brauchen diese unaufhörliche Vermittlung. […] Die meisten Musiker und Komponisten in meinem Alter sind noch Erben einer schrecklich hochnäsigen Haltung: (Unsere) Musik ist für die Menschen so gut, dass sie keine Werbung, keine Vermittlung braucht. Das Gegenteil ist der Fall.“

Die damals getroffenen Grundentscheidungen für einen künstlerisch orientierten Studiengang mit Praxisnähe und enger Verknüpfung mit dem späteren Berufsfeld gelten bis heute. Das Angebot des Weiterbildungsstudiengangs „Musikvermittlung/Konzertpädagogik“ erstreckt sich von den theoretischen Grundlagen einer neuen Art der Musikerschließung über Moderations- und Bühnenpräsenztraining bis hin zu Konzertplanung und -durchführung eigener Konzertreihen. Eine besondere Herausforderung bieten die konzeptionelle Vorbereitung und die Durchführung großer Kindermusikfeste wie dem 1. Kindermusikfest des Schleswig-Holstein Musik Festivals in Salzau, den Kindermusikfesten auf Schloss Wendlinghausen, dem 1. Kindermusikfest im Festspielhaus Baden-Baden, den Veedel-Konzerten der Philharmonie Köln.
Die Reihe „Concertino piccolino“ für Vorschulkinder, die im Detmolder Studiengang seit 2003 entwickelt wurde, ist inzwischen ein Exportartikel der Hochschule geworden, der in Berlin, Hamburg, Hannover, München, Münster oder Wien in ähnlicher Form durchgeführt wird.

Musikvermittlung als ein Weg lebendigen Musikerlebens, der scheinbar Altbekanntes neu entdecken lässt und den Dialog mit anderen Künsten sucht, hat seit Gründung des Studiengangs in der Musikwelt immer mehr an Bedeutung gewonnen. Neue Vermittlungsformen haben über Kinder- und Jugendkonzerte hinaus ihren Siegeszug durch die Konzerthäuser angetreten. Mit den Veränderungen im Konzertwesen wird die Musikvermittlung für Erwachsene neu zur Aufgabe. Es eröffnet sich ein immer breiter werdendes Berufsfeld.

Die Hochschule Detmold hat daher den Bereich der Musikvermittlung mit der Gründung eines eigenen „Instituts für Musikvermittlung“ zum Studienjahr 2008/09 weiter ausgebaut. Die künstlerisch-konzeptionelle Arbeit und der Bereich der Forschung in Zusammenarbeit mit der Universität Paderborn werden erweitert und neben dem Weiterbildungsstudiengang „Musikvermittlung/Konzertpädagogik“ wird ein zweiter Weiterbildungsstudiengang „Musikvermittlung/Musikmanagement“ angeboten.
Beide Master-Studiengänge können berufsbegleitend in Wochenendseminaren absolviert werden. Sie setzen unterschiedliche Schwerpunkte, ergänzen sich aber inhaltlich, sodass sich künstlerisch-konzeptionelle Themen auch im Musikmanagement-Studiengang und Management-Themen im Konzertpädagogik-Studiengang finden. Denn gerade die Verbindung von künstlerischem, konzeptionellem und wirtschaftlichem Denken wird für eine aktive Gestaltung der Musikvermittlung im Musikleben der Zukunft eine entscheidende Rolle spielen. Die juristisch-organisatorischen und betriebswirtschaftlichen Kompetenzen werden hierbei von einem Dozententeam sowohl mit Blick auf größere Kulturinstitutionen als auch mit Blick auf ein erfolgreiches Selbstmanagement vermittelt. Anknüpfungspunkte sind die Fragen, vor denen die Teilnehmer der Studiengänge in ihrer konkreten beruflichen Situation im Orchester, am Theater, als Solist, als Musikpädagoge oder als Musikwissenschaftler stehen.

Module aus den beiden Studiengängen werden auch in die künstlerischen Bachelor- und Masterstudiengänge der Hochschule integriert. Zur individuellen Unterstützung der Studierenden wurde ein hochschuleigenes Karrierezentrum gegründet.

Wie erfolgreich eine solche Ausbildung sein kann, zeigen die ehemaligen Absolventen des Studiengangs Musikvermittlung in Detmold, die heute an herausragenden Stellen des Musiklebens tätig sind: in Wien bei den Philharmonikern, in Basel bei der Leitung des Education-Programms der Stadt, in Hamburg, Hannover oder München beim Rundfunk, in Düsseldorf bei der Tonhalle, bei der Kronberg-Academy und in Baden-Baden am Festspielhaus.

Ernst Klaus Schneider/Janina Schaefer


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Musikvermittlung als Zusatzqualifikation im Sinn einer „Musik als Beziehungskunst“. 
Fragen zum geplanten Masterstudiengang an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg an den Präsidenten Elmar Lampson

Die Ausbildung zum Profimusiker ist streng und auf den Erfolg mit dem jeweiligen Instrument gerichtet. Dieser Prämisse zufolge beschäftigen sich die herangehenden Musiker vornehmlich mit ihrem Instrument. Treten die hervorragend ausgebildeten Musiker dann in den beruflichen Alltag, so müssen sie feststellen, dass sie nur bedingt auf das sich erweiternde Feld des Musiklebens im oder außerhalb des Orchesters vorbereitet sind. Denn Musiker agieren heute längst nicht mehr nur auf der Bühne; sie vermarkten sich selbst, leisten im Rahmen unterschiedlicher Vermittlungsansätze und Education-Projekte Jugendarbeit oder stehen in Publikumsgesprächen Rede und Antwort. Wie kann eine Hochschule hier auf die Berufspraxis unterstützend vorbereiten?

Zum Musiker wird man durch die Musik. Der Weg vom hochbegabten Jugendlichen zum Profimusiker ist eine Entwicklung, in der viele Aspekte zusammenwirken müssen. Im Zentrum steht aber die Musik selbst. Letztlich entscheidend ist es, wie weit die Musik Teil der Persönlichkeit geworden ist, oder einfacher gesagt: Es kommt immer darauf an, was jemand musikalisch kann. Aber dieses musikalische Können ist keine einseitig instrumentale Angelegenheit. Es wird abgestützt durch benachbarte Disziplinen wie Musiktheorie, Musikwissenschaft und Pädagogik. Über sein virtuoses Können hinaus braucht ein Musiker diese Disziplinen, um sein künstlerisches Tun zu reflektieren, zu kontextualisieren und weiterzugeben – zu vermitteln.

Ich stehe für die Auffassung, dass Musik sich selbst vermittelt, und zwar ganz unmittelbar. Das Aktionsfeld Musik fächert sich gegenwärtig in unterschiedliche und weite Felder auf. Der Musiker, der sich darauf einlassen kann, der weiß, wie er sich vermarkten kann, der Education-Projekte entwickeln, fantasievolle Jugendarbeit leisten und intelligente Interviews geben kann, ist klar im Vorteil. Dafür ein Bewusstsein zu schaffen, halte ich für notwendig, warne aber davor, alle diese Inhalte zu fakultativen Lerninhalten zu machen. Mehr und mehr wird es darauf ankommen, in den verschiedenen Konzerten, ob im Rahmen der Hochschule oder auch außerhalb, experimentierfreudig zu werden und interessante neue Präsentationsformen zu entwickeln. Flankieren diese Themen darüber hinaus Wahlangebote, kann Musikvermittlung mehr und mehr zum selbstverständlichen Bestandteil der Ausbildung werden. So wird man der Gefahr entgehen, die Bachelor-Studiengänge zu überfrachten und zu verschulen.

Die Bereiche Dramaturgie, Konzertpädagogik, Entwicklung neuer Konzertformate, unterschiedliche Vermittlungsmethoden und nachhaltige Kommunikationsstrategien haben ihr Schattendasein verlassen. Doch fallen Konzepte und Ideen nicht vom Himmel. Halten diese praktischer Anwendbarkeit stand? Wie lässt sich der Praxisbezug schon während der Ausbildung erproben? 

Auch hier gibt es natürlich unterschiedliche Lösungsansätze. Wir in Hamburg bauen an der Hochschule für Musik und Theater gerade ein so genanntes „Career Center“ auf, in dem die Studierenden auf die verschiedenen Facetten des musikalischen Berufslebens vorbereitet werden: vom Auftrittstraining, Aspekten der Selbstvermarktung und des Selbstmanagements über die Entwicklung von moderierten Konzerten bis hin zur Durchführung von Veranstaltungen in verschiedenen Einrichtungen wie Schulen, Krankenhäusern, Kindergärten etc. In diesem Programm soll das angeboten werden, was für das spätere Berufsleben wichtig ist. Neue Konzepte für Musikvermittlung können so im unmittelbaren Bezug zu konkreten Projekten entwickelt werden. Eine Musikhochschule wird so zu einem Ort der Entwicklung und Erprobung neuer Vermittlungsformen, die als beispielhaft angesehen und von anderen Institutionen übernommen werden können.

Stichwort „musikalischer Selbsterkenntnisprozess als Grundlage für die Entwicklung von Vermittlungsansätzen“: Wie lässt sich dieser im Rahmen einer Weiterqualifikation befördern?

Musikvermittlung ist für mich nichts Additives. Sie ist nicht als etwas zu begreifen, das dem „eigentlich“ Musikalischen hinzugefügt oder übergestülpt wird. Sie ist vielmehr eine Form der Gestaltung, über die Musiker Lust und Freude empfinden, mit unterschiedlichen Menschen zu kommunizieren und ihre Kunst in ganz verschiedenen Zusammenhängen zu präsentieren. Es ist eine große Herausforderung an die Ausbildung, eine musikalische Art zu entwickeln und zu erproben, zur Musik zu sprechen. Eine „musikalische Sprache“, die derjenige sprechen kann, der gelernt hat, seine musikalische Praxis zu reflektieren. Um diese besondere Sprache zu lernen, gewinnt gerade im Ausbildungsbereich die sich ergänzende Zusammenarbeit von wissenschaftlich-theoretischen und den künstlerisch-praktischen Ansätzen nicht nur an Bedeutung, sie wird immer dringlicher.

Wie kann sich die Hochschule für Musik und Theater und ihr Masterstudiengang Musikvermittlung im Zusammenspiel stadtspezifischer Strukturen positionieren? 

Die Hochschule für Musik und Theater Hamburg entwickelt vor diesem Hintergrund einen neuen Masterstudiengang „Musik als Beziehungskunst“. Es wird ein Projektstudiengang, der in Praxisprojekten neue Vermittlungsformen erarbeiten soll. Im Zentrum wird aber eine vertiefte phänomenologische Reflexion musikalischer Prozesse stehen, als Anregung, Musik so zu reflektieren und zu analysieren, dass neue Ideen für das Musikleben entstehen.

Interview: Ingrid Allwardt


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Musikvermittlung als neues Pflichtmodul
An der Hochschule für Künste Bremen entwickeln Studierende und Lehrende ein neues Handlungsfeld für einen erweiterten künstlerisch-praktischen Umgang mit Musik

Ziel der gemeinsamen Planung in Gesprächen mit den Studierenden war es, dem dringenden Wunsch gerecht zu werden, dass künstlerische Ansprüche, pädagogische Verantwortung und organisatorische Kompetenzen unter dem „Dach der Musikvermittlung“ zukünftig mehr vereint sind und sich im Rahmen der studienspezifischen Anforderungen unmittelbarer durchdringen.
Die jeweiligen Kontexte der Musikvermittlung sind außerordentlich vielfältig, geht man davon aus, dass der populäre Terminus gleichermaßen für Tätigkeiten, Berufsfelder und Institutionen Anwendung findet. Musikvermittlung vereint unterschiedliche Verfahrensweisen produktiver, interpretativer, reflexiver, intellektueller, vereinender, übertragender und koordinierender Art im Umgang mit Musik ebenso wie berufliche Tätigkeiten, welche ausgeübt werden von Menschen in Berufen als konzertierende Künstler, Musikerzieher, Konzertpädagogen, Komponisten, Kirchenmusiker, Kulturjournalisten, Rundfunk- und Fernsehredakteure, Kulturpolitiker, Dramaturgen, Dirigenten und andere. Diese Berufsgruppen arbeiten wiederum an zahlreichen Orten, an denen Musikvermittlung in Institutionen wie Konzerthäusern, Kulturvereinen, Rundfunk- und Fernsehanstalten, Musikschulen, Kirchen, Musikverlagen und Orten der freien Musikszene stattfindet.

Insbesondere bei Konzertveranstaltern rückt die Sorge um mangelnde soziale und intellektuelle Voraussetzungen zur Teilnahme an Kunst und Kultur zunehmend und nahezu zwangsläufig in den Fokus des Interesses. Als Reaktion darauf verlangen sie von ihren konzertierenden Künstlern zunehmend mehr Inszenierungskompetenz hinsichtlich der Vermittlung ihrer Musik.

Schon heute spüren die Absolventen musikbezogener Studiengänge, wie schwer es ist, auf die tief greifenden gesellschaftlichen und kulturellen Wandlungen sowie sich verändernden bildungspolitischen Gegebenheiten (welche insbesondere durch den vielfach festzustellenden Sozialabbau, sich neu formierende Familienstrukturen, einen erhöhten Medienkonsum in Verbindung mit neuen Erlebensstrategien sowie einen vielerorts nicht mehr erteilten Musikunterricht in den allgemein bildenden Schulen hervorgerufen wurden) mit ansprechenden Angeboten unmittelbar reagieren zu können: Unkonventionelle Programmgestaltung, Wechsel der Aufführungsorte sowie eine Orientierung an bestimmten Zielgruppen kennzeichnen das Bemühen, die Attraktivität von Konzerten für die vermeintlich traditionelle Hörerschaft zu erhöhen und parallel neue Publikumszielgruppen zu gewinnen.

Gemäß der Annahme, dass Kommunikation bei der Vermittlung von Musik dabei eine über alle Maßen zentrale Rolle spielt, muss der Förderung kommunikations- und interaktionspsychologischer Fähigkeiten künftig auch in der Ausbildung konzertierender Musiker eine noch größere Bedeutung eingeräumt werden, als es bislang in den meisten Ausbildungskonzepten der Fall war.

Die oben genannten Überlegungen bildeten die Basis, anhand derer folgende Fächerkombination für das Modul der Musikvermittlung entstanden ist:
> Wahrnehmen/Kommunizieren/Üben
> Didaktische Grundlagen der Musikvermittlung
> Konzertpädagogik
> Kreatives Schreiben.

Die Studierenden verfügen mit Abschluss des Moduls über umfassende kommunikative Grundlagen. Letztere bilden das Fundament, um den immer umfangreicher werdenden Anforderungen an eine professionelle Musikausübung mit all ihren musikalisch-künstlerischen, rhetorischen, kommunikativen, sprachlichen, planerischen und musikpädagogischen Kompetenzen sowie allgemein kreativen Anlagen gerecht zu werden. Darüber hinaus verfügen die Studierenden über die Bereitschaft, sich in experimentelle Spiel- und Auftrittssituationen zu begeben. Auf diesem Wege erfahren sie eine erhöhte Sensibilität bei Vorgängen des eigenen Musizierens in Verbindung mit dem Verstehen und Reflektieren künstlerischer Prozesse und erwerben die Fähigkeit, Übevorgänge auf Grundlage von wahrnehmungspsychologischen Erkenntnissen zu reflektieren.

Mit Abschluss des Musikvermittlungsmoduls sind die Studierenden imstande, konzertpädagogische Konzepte zu entwickeln, ein Konzert unter musikdramaturgischen Prämissen zielgruppenorientiert zu planen, durchzuführen und neben werkimmanenten Sachverhalten auch subjektive Hörperspektiven anschaulich zu kommunizieren. Prinzipien des Konzertmanagements und Kulturjournalismus lernen sie für eigene Projekte anzuwenden sowie Musik vermittelnde Tätigkeiten und gesellschaftliche Phänomene aufeinander zu beziehen.

Der Anspruch ist hoch. Was bislang vielerorts unter „naturgegebenen Begabungen“ verbucht wurde, rückt jetzt in den Fokus harter Arbeit. An der Hochschule für Künste Bremen ist man jedoch guter Hoffnung, dass die Studierenden schon während ihres Studiums spüren können, dass das hier geforderte Engagement für ihr weiteres Leben außerhalb der Hochschule nicht umsonst sein wird.

Barbara Stiller


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Musikvermittlung – durch wen? Wer ist Musikvermittler? Welche fachlichen und persönlichen Kompetenzen verlangt erfolgreiche Vermittlungsarbeit? Wie kann man lernen, Musik zu vermitteln?

Andreas Peer Kähler, Dirigent und Komponist, Berlin
Alle sind Musikvermittler. Es geht letztlich nicht um Musikvermittlung, sondern um Musik!

Michael Kaufmann, ehemaliger Intendant Philharmonie, Essen 
Ich bin sicher, jeder Mensch kann Musik vermitteln – er muss nur den für sich authentischen Weg finden: Wer die Mission in sich spürt, anderen Menschen das unbegreifliche Glück, das die Musik uns schenkt, weiterzugeben, ist ein Musikvermittler. Völlig gleichgültig, ob er die richtigen Worte und Fachtermini benutzt.

Dietmar Flosdorf, Musik zum Anfassen, Wien  
Weniger Wissen – mehr Persönlichkeit; weniger Lehrer – mehr faszinierendes Vorbild; weniger Bühne – mehr Begegnung

Christoph Thoma, Künstlerische und kaufmännische Geschäftsführung der Grazer Spielstätten GmbH 
Die Vorbereitung eines vermittelnden Programms ist mindestens ebenso intensiv wie die Einstudierung eines Konzertprogramms. Handwerkliche Fähigkeiten für die Vermittlung von Musik können ebenso erlernt werden wie das „Handwerk Instrument“. Moderation, Konzeption oder Dramaturgie bedürfen der Liebe zum Detail, der Nähe zum Publikum und der Auseinandersetzung mit dem Zielpublikum. Die Lust auf das permanente Suchen nach neuen Ideen kann hingegen nicht erlernt werden, sie bedarf einer Offenheit für Neues und einer sozialen Kernkompetenz.

Stefanie Fricke, Flötistin, verantwortlich für die Kinderkonzerte der Hamburger Symphoniker 
Die Verbindung von hervorragenden Musikern und gut ausgebildeten Konzertpädagogen verspricht den größten Erfolg. Aber trotz aller wichtigen, innovativen und engagierten Konzepte gilt auch: Manchmal ist ein Konzert einfach ein Konzert, nicht mehr und keinesfalls weniger.

Karl Heinrich Ehrenforth, ehem. Dekan der Musikhochschule Detmold und Bundesvorsitzender des Verbandes Deutscher Schulmusiker, Hamburg  
Der Urvater der Musikvermittlung bleibt Leonard Bernstein. Seinen Spuren sollten wir folgen.

Christoph Gotthardt, Leiter der Musikvermittlung/Schülerkonzerte der Stadt Frankfurt am Main und Fachberater Musik am Staatlichen Schulamt 
Das Verständnis von dem, was/wie ein Musiker heute ist, orientiert sich sehr am Geniekult des 19. Jahrhunderts und gaukelt uns vor, der Musiker als Künstler habe mit dem Musiker als einem Vermittler und Pädagogen wenig zu tun. Dieses unzulängliche Musikerbild gilt es – bereits in der Ausbildung – zu korrigieren und auf eine breitere Basis zu stellen, die künstlerische und pädagogische Anteile selbstverständlich vereint. Folglich sollten in beiden Bereichen erfahrene Ausbilder/innen in den musikbezogenen Studiengängen unterrichten und die Professionalisierung von Musikvermittlung voranbringen.

Rainer O. Brinkmann, Musiktheaterpädagoge an der Staatsoper Berlin 
Der Musikvermittler muss ein Gespür für Töne, Zwischentöne und Untertöne haben, ahnen, was der Künstler wollte, und erforschen, was die Zeit mit dem Kunstwerk anstellt. Er macht eine Institution darauf aufmerksam, dass sie möglicherweise den Sinn für die Alltagsrealität verloren hat. Er vermittelt zwischen Alltag und utopischem Gehalt.

Stephanie Riemenschneider, Konzertdramaturgin und Konzertpädagogin am Theater Krefeld und Mönchengladbach 
Für alle musikvermittelnden Aktivitäten, sei es durch die „erste Garde“ (Eltern, Lehrer, Musiker, Komponisten) oder durch die „ergänzenden Helfer“ (Konzertpädagogen, Dramaturgen, Veranstalter), gelte frei nach Klaus Zehelein: „Glaube nicht, dass das, was dir keinen Spaß macht, anderen Spaß macht.“

Thomas Oesterdiekhoff, Geschäftsführer der MusikFabrik 
Es ist für uns von besonderer Bedeutung, dass auch Künstler in dieser Vermittlung tätig sind. Diese haben zum Teil komplett andere Vorgehensweisen und Ziele und besitzen oft mehr künstlerische Überzeugungskraft als die Pädagogen. Es gibt kein Berufsbild, es gibt keinen definierten Typ des Musikvermittlers, also auch mehrere Wege um Musikvermittler zu werden.

Romy Sarakacianis, Konzertpädagogin des Gürzenich-Orchesters, Köln 
Ein guter „Musikvermittler“ muss gleichermaßen das Handwerkszeug in der Musik beherrschen wie auch emotional offen sein. Mitentscheidend für seinen Erfolg ist, dass er seine Gruppe da abholt, wo sie steht.


zuerst erschienen in: "das Orchester" 11/2008
Mit Genehmigung der SCHOTT MUSIC GmbH & Co. KG, Mainz - Germany


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