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Klaus Siebenhaar/Vera Allmanritter

Migranten und Kulturinstitutionen Theorie, Forschung, Praxis

Erste Veröffentlichung am 01.07.2010
Eingestellt am 01.07.2010

(Achtung: die erwähnten Grafiken sind in der folgenden Textdatei nicht enthalten)

Deutschland ist seit jeher ein Land, das stark von Zuwanderung geprägt ist. Die Integration von Zuwanderern ist heute und in Zukunft ein umfassendes gesellschaftspolitisches Themenfeld, das sowohl empirisch-sozialwissenschaftlich als auch im Hinblick auf damit einhergehende Transkulturationsprozesse einer systematischen Aufarbeitung harrt. Dabei ist von drei grundlegenden Stufen im Rahmen von Eingliederungsprozessen auszugehen: „Akkulturation“, „Integration“ und „Assimilation“. Akkulturation ist als ein stufenweiser Angleichungsprozess in Form von Lernvorgängen zu verstehen, bei dem neue Sozialisationsmuster, Werte und Normen in unterschiedlicher Intensität übernommen werden. Integration hat stattgefunden, wenn diese Werte verinnerlicht sind und der Migrant sowohl bei sich selbst als auch in seinen Umweltbeziehungen einen Zustand relativer Spannungsfreiheit erreicht hat. Der Begriff Assimilation beschreibt den „Zustand der Ähnlichkeit“ des Migranten in Verhaltensweisen und Handlungsorientierungen im Verhältnis zu Einheimischen.

Immerhin sind mittlerweile rund zehn Prozent der Gesamtbevölkerung Deutschlands von diesen abgestuften Eingliederungsprozessen betroffen, wobei Menschen mit türkischem Migrationshintergrund die größte Gruppe ausmachen. Diese vielschichtige Entwicklung ist von einem polaren Spannungsverhältnis gekennzeichnet: Auf der einen Seite drohen sich gänzlich abschottende Parallelkulturen (mit minimaler Akkulturation), auf der anderen Seite bieten sich Chancen einer produktiven, zukunftsweisenden „Durchmischung“ der Kulturen mit den dafür typischen „hybriden Identitäten“: Hybride Identitäten sind kulturelle Identitäten im Übergang, die aus einem dynamischem „Spiel der Zugehörigkeiten“ („Games of Belonging“ im Sinne von Edward Said) resultieren. Menschen mit hybrider Identität haben in der Regel einen Migrationshintergrund (zweiheimisch, bi- oder trinational), gelten als inter-, trans- und multikulturell (resp. als „andere Deutsche“) und leben in Auseinandersetzung, zum Teil im Konflikt mit unterschiedlichen Kulturen.

Dabei kommt es zur Infragestellung der Kriterien traditioneller Zugehörigkeit sowie zur „Delokalisierung von Identität“, die nunmehr in einem „Dritten Raum“ zu verorten ist. Da Träger hybrider Identitäten nicht in den Rahmen eines traditionellen homogenen Kulturverständnisses einer Nation passen, sind sie häufig von Diskriminierung und Benachteiligung betroffen. Sie gelten in der öffentlichen Wahrnehmung als „Ausländer“ (Probleme: Desintegration, Radikalisierung, Herausbildung von „Gegenidentitäten“ als Reaktion auf mangelnde Integrationsleistungen moderner Gesellschaften). Umso wichtiger erscheint es vor diesem Hintergrund, die Spielarten der kulturellen „Durchmischung“ nicht mehr nur aus sozial- oder politikwissenschaftlicher bzw. soziolinguistischer Perspektive in der Folge der Postcolonial Studies zu betrachten und zu bewerten, sondern sie auch in ihrer kulturellen Dimension verständlich zu machen.

Rezeption des deutschen und deutschsprachigen Kulturangebots
Am Beispiel der türkischen Bevölkerungsgruppe ließe sich die diesbezügliche Aufgabenstellung in etwa so darstellen:

> die systematische Aufarbeitung der historischen Entwicklungslinien, die zur Herausbildung hybrider Identitäten beigetragen haben; dazu zählt u.a. der Stellenwert der Türkei (insbesondere Ankaras und Istanbuls) für deutsche Exilanten in der Zeit des Nationalsozialismus, aber auch die Perspektiven, die sich – in beiden Richtungen – aus dieser Verbindung ergeben haben,

> die Beschreibung und Bewertung von „Heimat“-Bildern, wie sie von Rückkehrern sowohl aus Deutschland in die Türkei als auch umgekehrt konzipiert wurden (etwa auch im Film oder in der Literatur),

> hiervon abgeleitet stellt sich die – ebenfalls historisch zu fundierende – Frage nach den Einfluss so genannter Gastarbeiter auf die türkische Kultur sowie nach den „prägenden“ kulturellen Einflussfaktoren in Deutschland. Wie und in welcher Verlaufsform hat der Aufenthalt in einem anderen Kulturkreis zur Modifikation der Ursprungskultur beigetragen?

> Untersucht werden müssen zudem Formen der kulturellen Durchmischung respektive der Hybridisierung innerhalb der populären Kultur seit Mitte des 20. Jahrhunderts, insbesondere im Hinblick auf medientechnologische und -kulturelle Entwicklungsprozesse.

Versuche, eine interkulturelle Öffnung im Kulturbereich in die Tat umzusetzen, finden gegenwärtig ohne statistisch gesicherte Erkenntnisse über das kulturelle Nutzungsverhalten und den Integrationsstand der Migranten, die zum Teil seit Jahren oder Jahrzehnten hier leben, statt. Nachfragen bei thematisch mit dem Thema Migration befassten Experten und Instituten zeigen, dass die Rezeption des deutschen und deutschsprachigen Kulturangebots an deutschen Kultureinrichtungen durch Migranten für Deutschland bisher nicht ansatzweise systematisch erfasst und analysiert wurde. Ein einziger Aufsatz von Rudolf Graser von 2006 skizziert das Thema und beschreibt die Forschungsdesiderate.1 Die einzige bislang vorhandene Studie zu kulturellen Interessen und Gewohnheiten von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte ist regional angelegt und stammt aus Dortmund.2

Die Zeit scheint nun endlich reif, von allen Seiten her bisher Versäumtes nachzuholen:

> als kulturpolitischer Auftrag durch den Paradigmenwechsel hin zu „kultureller Bildung“ mit einer Flut von nationalen, regionalen und lokalen (Einzel-)Aktivitäten,

> im Rahmen der „Audience-Development-Forschungsansätze“ des Fachs Kulturmanagement3 und

> von der Anbieterseite, den öffentlichen und privat-gemeinnützigen Kulturinstitutionen her, durch geschärftes Problembewusstsein und die wachsende Notwendigkeit, neue Zielgruppen zu erschließen.
Alle Sparten des Non-Profit-Kultur-Bereichs sind gefordert, denn neben der Frage nach neuem Publikum stehen die Legitimation von Zuwendungen, der Anspruch auf gesellschaftlichen Mehrwert (Public Value) auf dem Spiel. Auch der Orchesterbereich und die Musiktheater haben dies erkannt und tasten sich systematisch in dieses Feld vor (wie etwa die roc in Berlin mit der Reihe „Klangkulturen“ beispielsweise in Kooperation mit dem Konservatorium für Türkische Musik). Für eine nachhaltige strategische Ausrichtung bedeutet dies allerdings viel mehr als nur verdienstvolle Einzelaktivitäten. Die Institutionen müssen sich ganzheitlich neu verständigen und positionieren. Das erfordert für viele Klangkörper ein radikales Umdenken: „Gerne werden terminlich, programmatisch, besetzungstechnisch induzierte Entscheidungen als publikumsorientiert etikettiert, jedoch: Der Betrieb wird viel zu wenig um das Publikum, den Zuhörer, Zuschauer, Kunden und Besucher herum gebaut, basiert zu wenig auf einer umfassenden Besucher- und Nicht-Besucherforschung, ist nicht nachfrage-, sondern angebotsorientiert.“4

Aus diesem Grund beschäftigt sich auch das Zentrum für Audience Development (ZAD) am Institut für Kultur- und Medienmanagement an der Freien Universität Berlin seit dem Jahr 2008 intensiv mit dem Forschungsschwerpunkt „Migranten als Publikum in öffentlichen deutschen Kulturinstitutionen“. Durchgeführt wurde in diesem Rahmen zunächst eine Vorstudie, bei der deutsche (Hoch-) Kulturinstitutionen aus den Bereichen Theater/Oper, Orchester, Museen/Gedenkstätten nach ihren bisherigen Aktivitäten bezüglich Migranten befragt wurden.5 Erstmalig wurde hierbei erforscht, inwieweit sich Kulturinstitutionen mit dem Thema „Migranten“ beschäftigen, inwiefern sie für die Ansprache von Migranten gesonderte Marketinginstrumente einsetzen, welche dieser Instrumente sich als besonders erfolgreich erwiesen und ob sie ihre Bemühungen auf bestimmte Migrantengruppen fokussieren. Die Kulturinstitutionen wurden in diesem Rahmen auch nach dem derzeitigen sowie dem zukünftigen Stellenwert von Migranten als Zielgruppe ihrer Institution gefragt und gebeten, das Themenfeld „Migranten als Publikum“ generell zu bewerten. Die im Folgenden vorgestellten Ergebnisse stellen den aktuellen Status quo des Themas „Migranten als Publikum in deutschen Kulturinstitutionen“ aus Sicht der Angebotsseite, sprich der Kulturinstitutionen, dar.

Ergebnisse
Das erste augenscheinliche Ergebnis dieser Befragung ist, dass das Thema „Migranten als Publikum in öffentlichen deutschen Kulturinstitutionen“ für die angeschriebenen Kulturinstitutionen offenbar eine hohe Relevanz hat. Die für eine E-Mail-Befragung ausgesprochen gute Rücklaufquote von insgesamt 31,8 Prozent spricht für ein hohes Interesse an den Befragungsinhalten (Theater und Opern 29,4 %; Orchester 24,8 %; Museen und Gedenkstätten 34,4 %). Aufgrund der insgesamt leider nicht sehr großen Fallzahlen im Bereich der Orchester und der Problematik der Mehrfachnennungen auf die Frage, für welche Art von Institution sie arbeiteten, mussten Theater, Opern und Orchester für die Auswertungen der Befragung allerdings zu einer Gruppe zusammengefasst werden.

Zu den zentralen Ergebnissen der Studie gehört, dass der Status Deutschlands als Einwanderungsland offenbar inzwischen auch im (Hoch-)Kulturbereich „angekommen“ ist. Über 55 Prozent der befragten Kulturinstitutionen gaben an, dass sie sich mit dem Themenfeld „Migranten“ in unterschiedlicher Intensität auseinandersetzen und weitere 16 Prozent hatten dies zukünftig vor. Dabei zeigten sich signifikante Unterschiede zwischen den Sparten: Der Anteil derjenigen Kulturinstitutionen, die sich mit dem Thema „Migranten“ bereits beschäftigten, lag bei den Theatern, Opern und Orchestern höher und im Bereich der sehr intensiven Beschäftigung (25,5 %) mehr als doppelt so hoch als bei den Museen (10,7 %). Zählt man jedoch diejenigen Institutionen hinzu, die sich künftig mit diesem Thema beschäftigen wollen, lag das Interesse bei Kulturinstitutionen aus dem Bereich Museen/Gedenkstätten insgesamt höher (72,5 %) als aus dem Bereich Theater, Oper, Orchester (67,0 %, Grafik 1).

Kulturinstitutionen – unabhängig welcher Sparte –, die sich mit diesem Themenfeld beschäftigen, möchten nach eigenen Angaben mit ihrer Aktivität mit/für Migranten primär einen Beitrag zu deren Integration leisten (70 %) und – im Sinne ihrer eigenen Existenzsicherung – gleichzeitig neue Zielgruppen für ihre Häuser erschließen (55 %). Aber obwohl spartenunabhängig fast 80 Prozent der Kulturinstitutionen dies für sinnvoll hielten, sprachen zum Zeitpunkt der Befragung nicht einmal die Hälfte von ihnen Migranten gezielt mit gesonderten Marketinginstrumenten an. Dabei waren auch hier Spartenunterschiede feststellbar: Der tatsächliche Einsatz gesonderter Marketinginstrumente für die Zielgruppe der Migranten war bei den Museen mit 28,0 Prozent geringfügig ausgeprägter als bei den Theatern, Opern und Orchestern (23,5 %). Der Anteil derjenigen Kulturinstitutionen, die bislang noch keine gesonderten Marketinginstrumente einsetzten, dies aber vorhatten, war bei der Gruppe der Museen mit 32,6 Prozent sogar mehr als doppelt so hoch als bei den Theatern, Opern und Orchestern (11,8 %). Gerade bei Letzteren besteht offenbar eine Diskrepanz zwischen (intensiver) theoretischer Beschäftigung mit Migranten als Publikum auf der einen Seite und dem praktischen, gezielten Einsatz spezifischer Marketinginstrumente für diese Zielgruppe auf der anderen Seite (Grafik 2).

Immerhin rund 60 Prozent der für bzw. mit Migranten aktiven Kulturinstitutionen gaben an, ihre für die Ansprache von Migranten individuell gesetzten Ziele zumindest ansatzweise zu erreichen. Als hierbei besonders erfolgreich wurden der Einsatz gesonderter Programmformate, insbesondere gesonderter Veranstaltungen oder Veranstaltungsreihen (29 %) sowie mehrsprachiger Führungen und die Zusammenarbeit mit Migrantenorganisationen (23 %) genannt. Die Institutionen bewegen sich bei ihrer Arbeit mit bzw. für Migranten nach eigenen Angaben allerdings oftmals noch auf neuem Terrain. Der Einsatz verschiedener Marketinginstrumente müsse erst noch ausgetestet und evaluiert werden. Vielerorts scheinen mangelnde Kenntnisse über migrantische Zielgruppen dazu zu führen, dass von Versuchen, auf diese zuzugehen, zunächst abgesehen wird.

Entsprechend können Kenntnisse der derzeitigen Aktivitäten von Kulturinstitutionen mit und für Migranten nur ein erster Schritt in Richtung dieser Zielgruppe sein. Das ZAD wird daher seinen Forschungsschwerpunkt „Migranten als Publika in deutschen Kulturinstitutionen“ zukünftig weiter ausbauen. Im Entstehen ist eine Publikation von vertiefenden Gesprächen mit Kulturinstitutionen, die bei ihrer Arbeit mit bzw. für Migranten positiv hervorstechen und über ihre Erfahrungen berichten.6 Aktuell führt das ZAD eine Umfrage unter Personen mit türkischem Migrationshintergrund in Berlin durch. Deren Ziel ist es, an spezifische Informationen u.a. zu deren Kenntnissen, Interessen und Nutzungsverhalten hinsichtlich kultureller Angebote zu gelangen. Kulturinstitutionen werden damit erstmals gesicherte statistische Daten zur Hand gegeben, auf deren Basis sich eine gezielte, an den Bedürfnissen der Zielgruppe der türkischen Migranten in Berlin ausgerichtete Marketingstrategie entwickeln ließe.

Diese Befragung wird dabei als Pilotstudie verstanden, die zukünftig inhaltlich sowohl auf weitere Migrantengruppen als auch im Hinblick auf den geografischen Befragungsraum ausgeweitet werden soll. Realisiert ist zudem eine Kooperation mit der Bahçes¸ehir Universität Istanbul in den Bereichen der Forschung (auch und gerade in Bezug auf das Kulturnutzungsverhalten türkischer Migranten in Deutschland) und der Kulturmanagementausbildung am Institut für Kultur- und Medienmanagement. Denn in Deutschland wächst der Bedarf an interkulturell qualifizierten Kulturmanagern, um die in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund verstärkt als Publikum für (Hoch-)Kulturinstitutionen zu gewinnen.

1 Rolf Graser: „MigrantInnen als Publikum“, in: Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft (Hg.): Jahrbuch für Kulturpolitik 2006, Essen 2006, S. 289-298.
2 Meral Cerci: Kulturelle Vielfalt in Dortmund. Pilotstudie zu kulturellen Interessen und Gewohnheiten von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in Dortmund, Düsseldorf 2008.
3 siehe hierzu beispielsweise Birgit Mandel (Hg.): Audience Development, Kulturmanagement, Kulturelle Bildung. Konzeptionen und Handlungsfelder der Kulturvermittlung, München 2008.
4 Thomas Schmidt-Ott: „Den Hintern mit Subventionen vergolden… Audience Development als Kulturmanagementdisziplin im Orchester”, in: Klaus Siebenhaar (Hg.): Audience Development oder die Kunst, neues Publikum zu gewinnen, Berlin 2009, S. 67-86.
5 Vera Allmanritter: Migranten als Publika in öffentlichen deutschen Kulturinstitutionen. Der aktuelle Status quo aus Sicht der Angebotsseite, Berlin 2009 (Online-Publikation).
6 Vera Allmanritter/Klaus Siebenhaar: Kultur mit allen! Wie öffentliche deutsche Kultureinrichtungen Migranten als Publikum gewinnen, Berlin 2010 (im Erscheinen).


zuerst erschienen in: "das Orchester" 7-8/2010
Mit Genehmigung der SCHOTT MUSIC GmbH & Co. KG, Mainz - Germany


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