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Matthias Corvin

Dialog der Kulturen

Eingestellt am 05.11.2006

Auf die richtige Mischung kommt es an – diese Idee steckte hinter dem Titel „MIX IT!“ des gleichnamigen Bonner Symposiums. Europäischer Musikrat und Deutsche Welle veranstalteten es in einer ersten Zusammenarbeit vom 3. bis 5. November 2006. Debattiert wurde, wie zugewanderte Kinder und Jugendliche in multikulturelle Musikprojekte eingebunden werden können. Dieses europäische Thema prägte das internationale Spektrum der Redner und Podiumsteilnehmer aus den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Schweden, Finnland und Deutschland.

Lobte der Städtische Beigeordnete Ludwig Krapf bei seiner Begrüßung im Alten Rathaus zunächst Bonns wissenschaftliche und kulturelle Tradition als „ideales Territorium, um diesen Fragen nachzugehen“, grenzte er die Problematik zugleich mit dem Hinweis ein, dass „Integration keine Unterwerfung“ bedeute. Daran knüpfte Gero Schließ, Leiter der Stabsstelle beim Programmdirektor DW-Radio/DW-World.de, am nächsten Tag an. Schließlich hat sein vielsprachiger Sender und Botschafter der deutschen Kultur im Ausland nicht nur ein 30-sprachiges Internetportal ausgebaut, sondern trete auch in einen kontinuierlichen „Dialog mit dem Islam“. Anschließend forderte Wouter Turkenburg, Vorstandsvorsitzender des Europäischen Musikrats, alle Musiklehrer und kulturelle Entscheidungsträger mit dem Slogan „You have to mix it“ auf, einen „nice mix“ zu erstellen. Mit dem Hinweis auf ein eigenes niederländisch-türkisches Jugendprojekt in Amsterdam Anfang der 1980er Jahre konnte er sich selbst als Vorbild anführen. Doch wusste er ebenso gut um die Schwierigkeiten, wenn er anfügte: „Mixing is not easy.“

Ins Thema hinein ging der Eröffnungsvortrag von Andreas Freudenberg, Geschäftsführer der Berliner Werkstatt der Kulturen. Dass die massive Zuwanderung in europäische Staaten zu ungelösten Problemen der sozialen Eingliederung führt, stand für ihn wie für alle anderen fest. Die Frage „Wie kann man junge Menschen mit Migrationshintergrund erreichen?“ erläuterte er am Beispiel Berlin. Zunächst wies er auf große Vorreiter hin wie den indischen Musiker und Pädagogen Kamalesh Maitra, dessen Potenzial in den 1970er Jahren jedoch noch nicht erkannt wurde. Hingegen bieten einige Berliner Musikschulen heute z.B. türkischsprachigen Unterricht an, während der Einbezug außereuropäischer Musikinstrumente und der Folklore noch zu langsam stattfände. Dies führe etwa zu einer Bildung privater türkischer Konservatorien, die das Integrationsproblem jedoch kaum lösten. Freudenbergs Schlüssel wäre am ehesten eine „cultural diversity“ (kulturelle Vielfalt und Differenz), in der unterschiedliche Nationen in ein übergreifendes Mainstream-Konzept einbezogen werden. Verstärkt müssten Pädagogen mit weltmusikalischem Hintergrund in Musikschulen und Schulen einbezogen werden, müssten Instrumentalisten nicht nur traditionell, sondern außerdem in (für uns) „exotischen“ Stilen ausgebildet werden. Die interkulturelle Öffnung könnte mit speziellen Lehrern auf Honorarbasis erreicht werden. Diese Leitidee sollte in zukünftigen Musikfonds eingeplant werden. Nur so könnte man Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund wirklich zu einem Teil des Ausbildungssystems machen und selbst vom erweiterten Angebot profitieren.

Natürlich stellte dieser Ansatz die Frage „Wie viel Mix muss sein, darf sein?“, die Gero Schließ in einem anschließenden Podiumsgespräch diskutierte. Schließlich kann es nicht darum gehen, die eigenen Ausbildungsstrukturen abzubauen. Vielmehr müssen wir in einen echten Dialog treten und voneinander lernen. So empfahl Dozentin Eva Sæther von der Malmö Academy of Music, in ambitionierten Schulprojekten an sozialen Brennpunkten „Musik zu nutzen, um andere Lebensstile für uns zu entdecken“. Und die Luxemburgerin Erna Hennicot-Schoepges, Mitglied des Europaparlaments, plädierte dafür, „Kultur auch von der Politik endlich als europäische Aufgabe“ zu verstehen. Der Belgier Dag Franzén, Generalsekretär von Jeunesses Musicales International, sah ein Problem auch im mangelnden Verständnis der eigenen Kultur.

„Musik als Brückenfunktion“ sei für den Deutschen Musikrat, so Generalsekretär Christian Höppner, „selbstverständlich“. Doch sollte man „möglichst früh damit beginnen“. Die musikalische Früherziehung etwa in Kindertagesstätten müsste stärker gefördert werden, ebenso die Musikschulen – also alle kontinuierlich und langfristig arbeitenden Institutionen. Zeitlich begrenzte Aktivitäten wie das Berliner Projekt Rhythm is it! erreichten zwar eine große Öffentlichkeit, änderten jedoch nichts an der Grundsituation, da „die Teilnehmer anschließend wieder auf der Straße stehen“.
Natürlich kann eine erste Sichtung noch keine Probleme lösen. Und auch die vorgestellten Projekte To be in rhythm with the others, soziale Basisarbeit an einer Malmöer Schule, und Roots&Routes, ein Kölner Talentworkshop für Hip-Hop-Musiker, zeigten die große Spannbreite, unter der das Thema verstanden wird; ebenso das musikalische Rahmenprogramm sowie der schwedische Film Wie im Himmel. Immerhin verabschiedete man als Ergebnis des Symposiums etliche Empfehlungen als Leitfaden für Kulturakteure und Politiker, die auf der Homepage des Europäischen Musikrats (www.emc-imc.org) einzusehen sind.


zuerst erschienen in: "das Orchester" 1/2007
Mit Genehmigung der SCHOTT MUSIC GmbH & Co. KG, Mainz - Germany


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