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Ralf Döring

„H“ steht für Highlights

Erste Veröffentlichung am 24.06.2010
Eingestellt am 24.06.2010

Osnabrück. In die eine Silbe „YEAH!“ kann Ingrid Allwardt ziemlich viel Begeisterung legen. Sie hebt die Arme dabei, die Stimme springt etwas nach oben und wird gerade so viel lauter, dass sie die ganze Empathie ausdrückt, mit der sie das Projekt vorantreibt, das hinter dem Wort steckt: dem „Ersten Europäische Wettbewerb für Musikvermittlung“, auf Englisch: „Young European Award“, kurz: „YEAH!“. Auch für das „H“ bietet Allwardt eine Interpretation. „Das steht für Highlights“, sagt sie im Justus-Möser-Raum des Osnabrücker Rathauses, in dem sie den neuen Preis der Presse vorstellt: für Höhepunkte im Spektrum europäischer Musikvermittlungsprojekte.

Mitte November 2011 soll Osnabrück erstmals Bühne solcher Vermittlungsprojekte werden. Eine Woche lang dürfen sich Initiativen aus ganz Europa in der Hasestadt präsentieren und dem kritischen Geist einer Jury stellen, die dann die besten Projekte ermittelt und prämiert. Denn offensichtlich kämpft die klassische Musik mit einem Problem: Sie erreicht immer weniger Publikum. Um diesem Trend entgegenzusteuern, legen Opern- und Konzerthäuser, Orchester und freie Institutionen Programme auf, mit denen sie neue, vor allem junge Zuhörer gewinnen wollen. Nur: „Wir wissen nicht, was in Frankreich passiert, ob Italien überhaupt etwas macht, wie die Griechen versuchen, Musik zu vermitteln“, sagt Allwardt.

Geht es nach ihren Vorstellungen – und denen des Initiators des Wettbewerbs, des Musikwissenschaftlers Hans Christian Schmidt-Banse –, entsteht durch den Wettbewerb eine Plattform für Musikvermittlungsprojekte aus ganz Europa. Ein Gedanke, der dem Osnabrücker Oberbürgermeister Boris Pistorius gefällt, weil er seine Stadt in ein internationales Licht rückt, ohne dass er dafür Geld aufbringen muss: Das kommt nämlich von der Stiftung Georgsmarienhütte. Zunächst für neun Jahre finanziert die Stiftung, vertreten durch Hans-Jürgen Fip und Heinz-Eberhardt Holl, den Wettbewerb – in Zeiten einmaliger Projektförderungen kommt das einer kleinen Ewigkeit gleich.

Seit gestern nun ist die „YEAH!“-Internetseite freigeschaltet. Auf ihr präsentiert sich der Wettbewerb, stellt Informationen und Unterlagen bereit: absolut professionell und eindeutig verortet in Osnabrück. Und geprägt von Begeisterung für die Sache.

www.yeah-award.com

Der Artikel erschien zuerst am 24.6.2010 in der Neuen Osnabrücker Zeitung. Wir danken für die freundliche Veröffentlichungsgenehmigung.

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Ein weiterer Artikel von Ralf Döring in der Neuen Osnabrücker Zeitung:


Innovationsschub für die Klassik


Der Zustand der klassischen Musikszene gibt zu allem möglichen Anlass, aber sicher nicht zu einem freudigen „YEAH!“. Das Publikum altert zusehends, und in ein paar Jahren droht gähnende Leere in den Konzertsälen. Doch das „YEAH!“, von dem hier die Rede ist, signalisiert Aufbruch und Optimismus: Es steht auf dem Titelblatt eines Konzeptpapiers für den „Young Earopean Award“, wie sich der „Erste europäische Wettbewerb für Musikvermittlung“ mit kokettem Wortspiel nennt. Die Initiatoren wollen ihren Teil dazu beitragen, dass klassische Musik auch in Zukunft ihr Publikum findet.

Zu sperrig, zu elitär, zu wenig zeitgemäß: Das konventionelle Symphonie- oder Kammerkonzert ist in die Kritik geraten. Neue Formen sind gefragt, neue Konzepte, um Bach und Beethoven einem zunehmend klassikfernen Publikum zu erschließen. Die Berliner Philharmoniker haben mit „Rhythm is it“ vorgemacht, wie das gehen kann. Im Sog dieses Mammutprojekts erprobt mittlerweile nahezu jedes Orchester und jedes Konzerthaus neue Formate, um neues Publikum zu gewinnen. Die Besten aus Europa sollen künftig ausgezeichnet werden: in Osnabrück, alle drei Jahre, beginnend 2011.

Die Idee zu „YEAH“ stammt vom Osnabrücker Musikwissenschaftler Hans Christian Schmidt-Banse, der selbst seit Jahren mit neuen Konzertformen experimentiert. Im Osnabrücker Ex-OB Hans-Jürgen Fip fand er einen Partner, der seine Kollegen im Vorstand der Stiftung Stahlwerk Georgsmarienhütte von der Tragfähigkeit dieser Idee überzeugte, sodass sie mit einstimmigem Votum das nötige Geld lockermachen – die Rede ist von einer sechsstelligen Summe. Mit Prof. Ingrid Allwardt wurde schließlich eine Frau mit der Leitung der neuen Initiative betraut, die über einschlägige Erfahrung verfügt: Als Geschäftsführerin des netzwerks junge ohren e.V. prämiert sie seit 2007 innovative Musikvermittlungsprojekte aus dem deutschsprachigen Raum.

„YEAH“ öffnet sich nun Projekten aus ganz Europa. Im November 2011 soll der Preis erstmals vergeben werden, umrahmt von einem einwöchigen Festival, in dem die Bewerber ihre Bühnen- und Konzertformate in Osnabrück vorstellen. Erklärter Wille der Stiftung Stahlwerk ist dabei, das Osnabrücker Kulturleben zu bereichern, und zwar auf internationalem Niveau. Geht die Rechnung auf, profitiert das Konzertleben – und die Musik, um die es ja letztlich geht. „Ich will, dass das Klavierquintett von Schumann im Gespräch bleibt“, sagt Schmidt-Banse. Ein hehres Ziel.


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Kommentar: Mit "YEAH!" vorne dabei


Mit „YEAH!“ vorne dabei
Von Ralf Döring

In Krisenzeiten schlägt die Stunde der Wunderheiler: Das erlebt derzeit die Klassikbranche. Da drehen Auguren Statistiken durch den Auslegungswolf, oder, kein Witz, sie vergleich das klassische Konzert mit Trauerriten afrikanischer Stämme, um daraus auf den unabwendbaren Tod des Konzertwesens zu schließen.

Doch trotz allen bizarrer Blüten, die die Kritik treibt: Am Kern der Nachricht ist nicht zu deuteln. Das klassische Konzert steckt in der Krise, die Frage ist nur wie tief und ob es aus eigener Kraft herauskommt. Gelingt das nicht, wird jener Teil der Musikliteratur der genau diese Konzertform braucht, gleich mit untergehen.
Deshalb brauchen wir die helfende Hand der neuen Konzertformate: nicht als Ersatz – eine Brucknersinfonie verträgt nun einmal keine Moderation -, sondern als zusätzliches Angebot an das Publikum. So können sich neue Genres und neue Betätigungsfelder entwickeln. Und Osnabrück kann durch YEAH! ei dieser spannenden Entwicklung ganz vorn mit dabei sein. 


Beide Artikel erschienen zuerst am 27.5.2010 in der Neuen Osnabrücker Zeitung. Wir danken für die freundliche Veröffentlichungsgenehmigung.

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