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Mario Osava

Brasilien: Popstars statt Professoren

Erste Veröffentlichung am 08.09.2009
Eingestellt am 08.09.2009

Barbacena, Brasilien, 8. September 2009 (IPS) – Milton Nascimento, einer der bekanntesten Jazz- und Popsänger Brasiliens, will in seinem Land nicht nur ein großes Publikum haben. Er engagiert sich auch dafür, dass möglichst viele Menschen singen und musizieren lernen. Nascimento ist einer der prominenten Dozenten, die an der Bituca-Universität für Populäre Musik regelmäßig Kurse anbieten.

Die 2004 gegründete Bildungseinrichtung im Bundesstaat Minas Gerais, etwa 280 Kilometer nördlich von Rio de Janeiro, steht allen Musikinteressierten offen. Der Unterricht ist kostenlos, eine besondere Vorbildung wird nicht verlangt. Entsprechend groß ist der Ansturm: Auch in diesem Jahr haben wieder zahlreiche Kandidaten zwischen sieben und 77 Jahren versucht, einen der begehrten 137 Plätze zu ergattern. Die einzigen Auswahlkriterien sind das Talent und die Motivation der Bewerber, die mindestens zwei Jahre lang ein Instrument oder Gesang studieren können. An der Bituca-Hochschule unterrichten keine Akademiker, die Barrieren zwischen Lehrern und Schülern sollen so niedrig wie möglich gehalten werden.


Die praktische Musikausbildung stehe an erster Stelle, denn die Menschen lernten ja auch zuerst sprechen und erst dann schreiben, erklärte Pablo Bertola. Der 24-jährige Gitarrist, Komponist und Schauspieler ist Mitglied der Vereinigung 'Grupo Ponto de Partida' (GPP), die die Universität gegründet hat. 'Bituca' ist übrigens auch der Spitzname von Milton Nascimento. Silveira hatte sich nach der Begegnung mit Nascimento dazu entschlossen, sich an der Hochschule einzuschreiben. "Wir waren bei Milton zu Hause, als er uns ein Lied vorspielte und seine Produzentin dazu sang. Es war ein schönes Lied, das ich noch nicht  kannte. Ich bewunderte auch die Art, wie er sein Instrument spielte."
Der damals Elfjährige hatte bis dahin noch nie ein Klavier gesehen. Von Nascimento ermutigt, versuchte er spontan nach Gehör zu spielen. "Milton kam näher, ich dachte erst, er wollte mich ausschimpfen. Stattdessen fragte er mich: 'Wo hast Du das gelernt?'." Der Sänger riet Silveira, unbedingt Unterricht zu nehmen und schenkte ihm kurz darauf ein Keyboard.
Drei Jahre später begann der Jugendliche mit Kursen an der Bituca-Universität. Jetzt, mit 19 Jahren, ist er dort als Tutor bei der Ausbildung junger Musiker behilflich. An der Hochschule wird nach der in den 20er Jahren entwickelten Methode des ungarischen Komponisten und Pädagogen Zoltán Kodaly unterrichtet. Grundlage seiner Lehre, die sich vor allem an der Volksmusik orientiert, sind das aktive Singen und Musizieren ohne theoretische Vorbildung. 

Diese Methode hat sich auch in Brasilien offensichtlich als erfolgreich erwiesen. Drei der sechs Preisträger eines Wettbewerbs für junge Instrumentalisten, den die Entwicklungsbank von Minas Gerais in diesem Jahr veranstaltete, stammen von der Bituca-Universität. Einer von ihnen ist der 21-jährige Schlagzeuger Yuri Hunas, ohne den die Hochschule vielleicht nie ihre Pforten geöffnet hätte.
Hunas kam vor sechs Jahren mit seinen Freund Renato Marques in die Gegend, um an einem Theaterkurs des GPP teilzunehmen. Die beiden sangen in einem Kinderchor und traten mit Erfolg in vielen Städten auf. Ihre große musikalische Begabung brachte die Theatergruppe schließlich auf die Idee, die Bituca-Universität zu gründen. Hätten die Jungen nicht kostenlos Musik studieren können, wäre ihr Talent wohl bei der Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern in ihrem Heimatstaat São Paulo verkümmert. Nascimento, der bereits das Potenzial vieler Kinder aus armen Familien erkannte, unterstützt sie aktiv. Gemeinsam mit ihnen stand er auch schon in Paris auf der Bühne. Der Schlagzeuger Hunas hat nun bei dem Wettbewerb der Entwicklungsbank ein sechsmonatiges Stipendium gewonnen. Nach Workshops bei bekannten Musikern wird er mit den übrigen Preisträgern eine eigene Band gründen.


Der Artikel erschien zuerst am 8.9.2009 bei IPS – Inter Press Service
Die deutsche Bearbeitung stammt von Corina Kolbe. Wir danken für die freundliche Veröffentlichungsgenehmigung.


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