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Hendrikje Mautner-Obst

Musikvermittlung und Musikmanagement

Eingestellt am 08.12.2011

Wer vor 10 Jahren ein Instrumentalstudium begann, konnte sein Diplom erwerben, ohne jemals eine Lehrveranstaltung in Musikvermittlung besucht zu haben. Seitdem hat sich sowohl im Kulturbetrieb als auch in der Ausbildung viel verändert. In der Praxis hat eine Neuorientierung der Kulturinstitutionen zu einer Erweiterung bestehender oder zur Schaffung neuer Angebote geführt, die mehr Menschen unterschiedlicher Altersgruppen, Herkunft und Vorbildung für klassische Musik begeistern oder das bestehende Publikum binden sollen. Entstanden sind zahlreiche neue Konzertformate und vielfältige praktisch-kreative Projekte, die mit unterschiedlichen Ansätzen Zugänge zur Musik eröffnen wollen. Die "Kulturtempel" sind längst auch zu "Lernorten" geworden, wie eine Studie des Zentrum für Kulturforschung belegt (Keuchel / Weil, 2010).

Musikvermittlung hat sich in diesem Kontext zu einem höchst lebendigen interdisziplinären Feld entwickelt. Dies hat nicht nur zur Herausbildung neuer Berufsfelder für Musikvermittler auch im Bereich selbständiger Tätigkeit geführt, sondern bringt es mit sich, dass auch von fest angestellten Musikern Kenntnisse und Fähigkeiten auf dem Gebiet der Musikvermittlung sowie eine Beteiligung an musikvermittelnden Angeboten selbstverständlich erwartet werden. Die Musikhochschule Stuttgart hat als erste Hochschule in Deutschland auf diese Entwicklung reagiert und 2006 eine Juniorprofessur für Musikvermittlung eingerichtet. Ein zusätzliches Lehrangebot im Musikmanagement erweitert das Portfolio von Absolventen der Hochschule: Selbstständige Tätigkeit gewinnt auch in den Musikberufen zunehmend an Bedeutung und wird immer häufiger als bewusste Alternative zur Festanstellung gewählt. Für die Verwirklichung individueller beruflicher Ziele wird es damit immer wichtiger, neben der künstlerischen Ausbildung auch Grundkenntnisse im Bereich des Musikmanagement zu erwerben.
 
Der interdisziplinäre Charakter von Musikvermittlung öffnet ein breites Spektrum von Schnittstellen zu Nachbardisziplinen wie Musikwissenschaft – hier beispielsweise besonders zum Gebiet der Musiksoziologie, die sich u.a. mit Fragen nach der Funktionalität und sozialen Strukturiertheit von Musik, ihrer Vermittlung und Rezeption befasst –, zur Musikpädagogik oder zum Musikmanagement. Daraus ergeben sich vielfältige Ansätze zu Forschungsprojekten und Projektkooperationen: vom moderierten Konzert bis zum Radio-Feature, vom ausstellungsbezogenen Konzertprojekt im Museum bis zum Computerspiel, von der Kinderoper bis zum Hörspiel als Medien der Musikvermittlung. Darin zeigt sich die Breite dessen, was sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat und sich zukünftig auch sicher weiter entfalten wird.
 
Prof. Dr. Hendrikje Mautner-Obst studierte Schulmusik, Germanistik und Musikwissenschaft. 1999 Promotion. 1999-2002 Dramaturgin und Pressereferentin am Nationaltheater Mannheim, 2002-2006 Dramaturgin an der Oper Frankfurt. Seit 2006 Juniorprofessorin für Musikvermittlung.
 
Der Artikel erschien zuerst in spektrum 18, WS 2011/12, Magazin der Musikhochschule Stuttgart. Wir danken der Autorin für die Abdruckgenehmigung.
 
 


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