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David Grasekamp und Holger Nils Pohl

Makrele vs. Koralle

Eingestellt am 19.12.2011

"In der heutigen Zeit sind wir vernetzter denn je." Noch so eine Aussage, die sich anzweifeln lässt. Die Art und Weise der Vernetzung hat sich geändert. Und die Geschwindigkeit der Kommunikation hat sich geändert. Vernetzt waren wir aber schon immer auf die eine oder andere Art und Weise. Die Digitalisierung ermöglicht das Erreichen einer Vielzahl von Menschen mit minimalem Aufwand. Gerade deswegen braucht es ein ganz besonderes Bewusstsein für die Vorgänge, die in unseren Netzwerken ablaufen. Ein jeder von uns befindet und bewegt sich in Netzwerken. Die Bindungen zu den Netzwerken sind individuell und kulturell unterschiedlich ausgeprägt, aber immer existent. Da ist die Familie, sind die Freunde, Bekannte, Geschäftspartner, Kooperationspartner, Interessengemeinschaften und viele andere mehr. Wir können uns dem nicht entziehen, ob wir uns nun bewusst oder unbewusst in diesen Netzwerken bewegen. In der Systemtheorie, allen voran Niklas Luhmann, wird ein Netzwerk auch als System bezeichnet. Das befreit uns von dem überstrapazierten Begriff Netzwerk. Luhmann behauptet sogar, dass ein soziales System weder aus Menschen, noch aus Handlungen, sondern nur aus Kommunikation besteht. Je nach Ausgangspunkt stimmen wir ihm zu. Und dennoch sind es die Menschen, die uns interessieren. Noch sind die Menschen nicht so weit, in Systemen zu denken. Aber das kommt noch. Und vorher muss klar werden, dass es nicht reicht, seine Visitenkarten mit drei anderen auszutauschen, uninteressierten Smalltalk zu halten und dann seine eigenen Wege zu gehen. Das ist kein Netzwerk, sondern oberflächlicher Kontakt.

Organisation 

Die Systeme, die Abhilfe schaffen können, müssen neuronal wie unser Gehirn organisiert sein. Und da wird es spannend. Früher gab es vor allem zentrale Systeme. Ein Auftraggeber im Zentrum, alle anderen darum herum. Keine Transparenz, viel Konkurrenz, geringe Leistungsfähigkeit waren die Folgen. Eine Verbesserung stellen dezentrale Systeme dar. Diese Systeme sind in der Wirtschaft und der Wissenschaft immer häufiger zu beobachten. Verschiedene Interessengruppen schließen sich zu festeren Verbänden zusammen und verfolgen gemeinsame Ziele. Es entsteht Austausch in den kleinen Gruppen, und Transparenz sowie Leistungsfähigkeit werden gesteigert. Es entstehen kleine Mikrosysteme. In einem neuronal organisierten System stehen nicht nur einzelne miteinander in Kontakt, sondern alle Mitglieder des Systems sind miteinander vernetzt. Somit ist dieses System allen anderen an Intelligenz, Flexibilität, Schnelligkeit und Effektivität überlegen.

Das ist es also, wenn wir von einem Netzwerk als System sprechen. Ein, wenn möglich, neuronaler Zusammenschluss von Menschen mit gleichen Interessen, Werten oder Zielen, aber sehr unterschiedlichen Fähigkeiten. Es ist eben wie bei den Makrelen und den Korallen. Sie beide haben ein funktionierendes Netzwerk. Hier die einen, die jederzeit und ohne Mühen die Richtung ändern können, die sich im Fluss mit den Dingen um sie herum bewegen. Und dort die anderen, die auf ihren Felsen verwurzelt sind, genau wissen, was um sie herum geschieht, aber immer in ihrem bestehenden, fest stehenden Verbund bleiben. Aber welche Möglichkeit hat die Koralle, wenn sich die Gegebenheiten um sie herum verändern?

Systemmitglieder

Kurz vorgestellt: Der Broker, der Owner und der Creator. Frei nach Peter Kruse. Der Broker kann selber nicht so viel bzw. irgendwie alles. Er weiß aber vor allem immer, wer etwas weiß oder kann. Und er ist immer up to date. Kein Trend entgeht ihm. Der Owner ist der Spezialist in unserem System. Er hat ein hohes Fachwissen auf einem speziellen Gebiet. Darin ist er Profi. Keiner kann ihm hier etwas vormachen. Den Überblick hat er allerdings nicht. Und als letzter ist da der Creator. Gerne einmal Designer, aber nicht zwangsläufig. Er ist kreativ, überschreitet Grenzen, kann in die Zukunft sehen und Visionen erschaffen. Diese drei Typen Mensch in einem System machen es intelligent. Der Creator erschafft mit dem Owner zusammen Innovationen und sorgt somit für neue Möglichkeiten der Vernetzung. Mit dem Broker zusammen erschafft der Creator neue Trends. Sie greifen Bestehendes auf und bilden darauf ihre Visionen. Das ist der Impuls. Intelligent wird es, wenn sich außerdem Broker und Owner zusammen tun. Sie schaffen die qualitative Bewertung mit dem Überblick des Brokers und dem Fachwissen der Owners. Ein intelligentes System (Netzwerk) ist entstanden. In einer neuronalen Organisationsstruktur, mit den richtigen Zutaten im System, bildet sich hier ein solch komplexer Lösungsfinder heraus, wie wir ihn brauchen in der heutigen Welt. Und warum das Ganze? Für Firmen gilt das Gleiche, wie für den Einzelnen. Es ist sehr komplex geworden: der Markt, die Kunden, die Welt. Höchste Zeit sich intelligenter Strukturen zu bedienen, die mit dieser Komplexität umgehen können - und den Menschen hinter der Virtualität nicht zu vergessen.

Zu den Autoren

David Grasekamp widmet sich nach seinen beruflichen Erfahrungen in Köln, Paris und Tokyo leidenschaftlich dem Aufbau der Kreativ-Agentur mowaii. Seine Kompetenzen, u.a. in den Bereichen Design, Markenentwicklung, Neue Medien sowie On- und Offline-Kampagnen, führt er in individuellen Projekten für seine Kunden zusammen. Von April 2010 - Sep. 2011 gehörte er dem Vorstand von KölnDesign e.V. an, wo er in die Verbands-Kommunikation und strategischer Planung involviert war. Aktuell ist er verstärkt im Kundeneinsatz und als Berater für Social Media Kommunikation für Kommunen tätig.

Holger Nils Pohl ist ein visueller Denker, Szenograf und Konzeptdesigner. Seine Passion ist es, Menschen sehen und fühlen zu lassen, was Worte nicht beschreiben können. Als "digital native", selbstständiger Designer, Entrepeneur und Vater ist er es gewohnt, viele Projekte zu organisieren. Holger Nils Pohl ist bei zwei innovativen Start-Ups beteiligt, Vorstandsvorsitzender von KölnDesign e.V., Dozent an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Köln. Er entwickelt für seine Kunden neue Konzepte für die Orientierung in sich stetig wandelnden Märkten und erschafft eine passende visuelle Sprache im Web, in Drucksachen und Ausstellungen. Dies geschieht mit der Hilfe eines engen, professionellen Netzwerks von kreativen Dienstleistern. Um die Konzepte zu entwickeln oder bei ihrer Entwicklung zu helfen, nutzt er Techniken wie Graphic Recording und Visual Thinking.

(Im Original verwenden beide Autoren Grafiken; diese können unter angegebenem Link eingesehen werden)

zuerst erschienen in: KM Magazin - Kultur und Management im Dialog Nr. 62, Dezember 2011, www. kulturmanagement.net  



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