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Claudia Brinker/Gudrun Euler

For Adults only - Musikvermittlung für Erwachsene. Bericht vom Deutschen Orchestertag 2011

Eingestellt am 14.11.2011

Zum neunten Mal tagte der Deutsche Orchestertag (DOT) am 13. und 14. November 2011 in Berlin.Nach bewährtem Schema eines allgemein informativen Tages – in diesem Jahr unter dem Generalthema "For Adults only - Musikvermittlung für Erwachsene" – und einem Workshoptag sowohl zum Thema des DOT als auch zu aktuellen Rechtsfragen des Tarifvertrages für die deutschen Kulturorchester (TVK) trafen sich die deutschen Orchestermanager sowie die einiger angrenzender Länder. Schirmherr des diesjährigen Deutschen Orchestertages ist Prof. Klaus Zehelein, Präsident des Deutschen Bühnenvereins, der in diesem Jahr zum zweiten Mal den Deutschen Orchestertag unterstützt.In seinem Eröffnungsstatement richtete Klaus Zehelein den Wunsch an den Deutschen Orchestertag, einen Aufruf für die Musikvermittlungsarbeit an die Ministerien zu formulieren. "Von hier muss eine Kraft ausgehen." Vermittlungsarbeit in der Musik sei eine schwere Aufgabe, anders als in anderen Künsten. So kritisiert Zehelein, dass das Konzept für einen Studiengang "Musikvermittlung" in München seit zwei Jahren beim Ministerium liegt.

Podiumsdiskussion


Die anschließende Podiumsdiskussion wurde fachkundig moderiert von dem Berliner Journalisten und Dozenten für Musikvermittlung Daniel Finkernagel. Das Ziel sei es, neues Publikum für klassische Musik zu begeistern. Bei Menschen, die mit ihr aufgewachsen sind, ist die "Sehnsucht" vorhanden, aber die zentrale Frage sei, wie man Menschen erreicht, die mit klassischer Musik noch nicht in Berührung gekommen sind. Der Aspekt, welche Rituale und Formate eine Rolle
spielen, ist umso bedeutender, wenn man die Zahlen einer Umfrage zugrunde legt, wonach 51% der Besucher nicht wegen der Musik ins Konzert kommen.

Mit Blick auf die gegenüber der Musikszene weiterentwickelte Vermittlungsarbeit der Museen nahm Claudia Thümler, stellvertretende Direktorin und Kunstvermittlerin des Wilhelm-Lehmbruck-Museums,Duisburg an der Diskussion teil. Außerdem waren auf dem Podium: Prof. Martin Tröndle, Professor für Kulturbetriebslehre und Kunstforschung, Friedrichshafen sowie Prof. Klaus Zehelein. Während Tröndle den fehlenden Wissenstransfer anmahnt, berichtet Claudia Thümler, dass Duisburg versucht, die Vermittlung über ein gutes Mischungsverhältnis zwischen Künstlern und Kunstvermittlern zu erreichen. Das Haus wird – wie vor 40 Jahren – geöffnet, um die Menschen zu erreichen. Sie möchte die Menschen zunächst "zum Museum hinholen", um sie dann "ins Museum reinzuholen". Wichtig ist, dass man miteinander redet und kommuniziert. Auch durch Kooperationen mit der Deutschen Oper am Rhein und dem Filmmuseum sollen Schwellenängste abgebaut und ein neues Publikum erreicht werden.

Einig war man sich, dass man an der Ausbildungssituation ansetzen muss, damit die enge Fokussierung aufgeschlüsselt und verbreitert wird. Tröndle sagte, dass eine Verbindung von hermeneutischer und Präsenzkultur nicht sinnvoll sei, man muss das "Erlebnis" schaffen. Zehelein ergänzte, man müsse hören und den Dialog über das Gehörte suchen. Claudia Thümler war der Meinung, man müsse eine Mischung aus einer Veranstaltung und etwas Besonderem schaffen. Sie sprach dabei von der Schaffung einer "elitären Situation". Damit erreiche man in Duisburg die 30-40jährigen. Die Frage nach dem "Musikkurator", der sich für die Musik und Kunst einsetzt, wurde von den Podiumsteilnehmern positiv gesehen, allerdings müssen vor allem "performative Momente" (Zehelein) in der Musikvermittlung geschaffen werden, um Erwachsene zu erreichen. Tröndle wünscht sich eine Zusammenarbeit der Hochschulen, um Konzepte für neue Konzertformate und für Musikvermittlung zu schaffen und zu erforschen.

Die Ökonomie der Zeit ist seiner Meinung nach ein ganz großes Problem heutzutage, denn Musik benötigt Muße. Claudia Thümler sieht dagegen durchaus eine Tendenz der Entschleunigung, wonach sich viele Menschen inzwischen die Zeit nehmen, ins Museum und ins Konzert zu gehen. Die "Mundpropaganda" hat eine große Bedeutung - man berichtet von Erlebtem und animiert andere, auch teilzunehmen.

Finkernagels Frage nach dem "Modell des Konzerts der Zukunft" kann nicht spontan beantwortet werden. Zehelein schlägt einen Programmbeirat aus dem Kreis des Publikums vor, um die Kommunikation und den Dialog mit dem Publikum über das Erlebte zu suchen. Tröndles Meinung: das Publikum ernst nehmen, nach dem Erlebtem fragen. Außerdem sollten Rituale geschaffen und die Dramaturgie verändert werden, um eine andere Ästhetik zu erreichen. Auch an diesem Punkt konnte Claudia Thümler nicht beipflichten. Man müsse das Rad nicht neu erfinden, vielmehr aus einer fremden Situation Gewohnheiten schaffen. Nach Zeheleins Vorstellung muss der Diskurs im Orchester anfangen und nicht nur mit dem Publikum stattfinden. Die Mitarbeiter müssen eingebunden sein, damit vermittelt werden kann und „Geschichten“ erzählt werden können. Menschen wollen Geschichten erzählen und "mitnehmen" können. Die Bedeutung des Dialogs des Orchesters bzw. der Künstler mit dem Publikum unterstrich auch Tröndle mit verschiedenen Beispielen. Es fehlt an Vermittlern und an Positionen dafür, aber auch an Budgets für Musikvermittlung.

Aus dem Kreis der Orchestermanager kam die Forderungen nach einer tarifvertraglichen Verankerung der Tätigkeit von Musikern bei Vermittlungsprojekten, weil sonst kurzfristige Absagen die Regel sind.

Anregungen & Best Practice Beispiele


Als der Deutsche Orchestertag 2002 von einer Gruppe Orchestermanager aus Nordrhein-Westfalen ins Leben gerufen wurde, zählte der britische Musikpädagoge Paul Rissmann zu den ersten Referenten und entführte die Teilnehmer seines Seminars mit Xylophon, Triangel und allerhand Schlagwerk in eine neue Welt der Musikvermittlung, die auf die aktive Teilnahme der jungen Zuhörer setzt und sie inhaltlich bei ihren Hörerfahrungen abholt.

Heute hat sich Musikvermittlung – speziell für Kinder und Schüler – bei allen deutschen Klangkörpern durchgesetzt, Musikvermittlung ist Mode und irgendwie "schick". Sie folgt aber auch einer gestiegenen Erwartung an die Erfüllung des öffentlichen Kulturauftrags, die nicht nur das Angebot, sondern auch seine Vermittlung in die Gesellschaft einschließt.

Umso mehr fällt auf, dass Musikvermittlung für Erwachsene hierzulande noch in den Kinderschuhen steckt. So ist es nur konsequent und wichtig, sich mit diesem Thema genauer zu befassen. Der diesjährige Orchestertag bot nun die Möglichkeit einer Bestandsanalyse und für die Teilnehmer sicherlich auch den Anreiz, neue Ideen für das eigene Orchester mitzunehmen. Als Gastreferenten waren Experten geladen, die mit ihren Publikationen und Konzertformaten im deutschsprachigen Raum hervorgetreten sind.

Dr. Markus Fein, Festivalleiter, Dramaturg und Musikvermittler, Daniel Finkernagel und David Canisius (Klassik DJ) präsentierten ganz unterschiedliche Ansätze. Interessante Verbindungen ließen sich trotzdem in den Ausführungen von Fein und Finkernagel finden: Beide Referenten verfolgen den Ansatz der Musikvermittlung mit Hilfe der "Kraft der Bilder". Während Leonard Bernstein in seinen berühmten Lessons die kompositorische Trickkiste des Komponisten aufspürte, verfolge der heutige Musikvermittler, so Finkernagel, über das Hilfsmittel der Bilder. Er stellte in seinem Vortrag ein erfolgreiches Konzept des Chicago Symphony Orchestra vor, in dem Dvořáks "Sinfonie aus der neuen Welt" mit Filmaufnahmen New Yorker Einwanderer kombiniert wurde. Einen entschieden intellektuelleren Ansatz präsentierte Markus Fein. In einem seiner Beispiele verband er das Muster von Ligetis Ringelpullover mit dem Kompositionsstil des Komponisten – Bilder dienen hier als Mittel, die Partitur hörbar zu machen und setzen sich im Gedächtnis des Publikums fest. Andere erfolgreiche Musikvermittlungsbeispiele Feins ermöglichten dem Publikum die aktive Teilhabe, wie das Parcoursprogramm nach Musik von Charles Ives' "On the pavemant" oder das sogenannte "Labor Orchester", in dem das Publikum neben den Orchestermusikern Platz nimmt und so ganz direkt die Musik auf sich einwirken lassen kann.

Der Orchestertag bot aber nicht nur Musikvermittlungsbeispiele für ein bestehendes, interessiertes Publikum, sondern auch zwei interessante neue Konzertformate für die im englischsprachigen Raum so umworbenen „non-attenders“. Hier sei an erster Stelle die von Canisius präsentierte "Yellow Lounge" genannt. Nach dem Muster einer Party Lounge legt bei dem von Universal/Deutsche Grammophon entwickelte Konzertformat ein DJ Platten auf – allerdings mit klassischer Musik. Höhepunkt der Lounge sei der sogenannte "Live Act" – der Live Auftritt eines klassischen Musikers. Mit der Yellow Lounge erreicht die Deutsche Grammophon die von den klassischen Veranstaltern so heiß begehrte Gruppe der 20 bis 40jährigen – und dies ohne klassische Werbung!

Auch das am Theater Lüneburg von der jungen Musikpädagogin Friederike Holm eingeführte Konzertformat für Newcomer bemüht sich, Hemmschwellen abzubauen und ein neues Publikum damit zu erreichen. Die Lüneburger Newcomer-Reihe wird an das klassische Konzert angedockt. Während des ersten Konzertteils gibt es ein spezielles Programm, das inhaltlich auf den Besuch des zweiten Programmteils hinführt. Neu an dem Angebot ist, dass Holm nicht den Weg der Bernsteinschen "meaning business" wählt, also keine musikwissenschaftliche Einführung in das Werk bietet, sondern Anknüpfungspunkte vom Komponisten/Werk zur Lebenswelt der Zielgruppe sucht - So talkt sie beispielsweise vor der Aufführung von Vaughan Williams Tuba-Konzert zum Thema "Frauen in starken Positionen" darüber, warum eine Frau Tuba spielt.

In den zwei Tagen wurde deutlich, dass Konzertveranstalter und Orchester nach dem jungen Publikum mehr und mehr die Erwachsenen, speziell Klassik-Einsteiger für sich entdecken. Trotz vielversprechender Ansätze und kreativer Ideen sind die klassikfernen Erwachsenen immer noch eine fremde Gruppe, und immer wieder klang die Frage nach dem Niveau und den Voraussetzungen an, die diese Veranstaltungen an den Hörer stellen sollten. In der Podiumsdiskussion und den Vorträgen wurde aber auch die Dringlichkeit sichtbar, neue Wege zu entwickeln. Für viele der mittleren und kleineren Orchester wird dies in Zukunft überlebenswichtig sein.

zuerst erschienen in: KM Magazin - Kultur und Management im Dialog Nr. 62, Dezember 2011, www. kulturmanagement.net  



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