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Christopher Dell

Sound Perspectives I: Christopher Dell

Eingestellt am 19.03.2012

Improvisation und musikalisches Raumdenken

Der Architekt und Vibraphonist Christopher Dell widmet sich in seinem Vortrag dem Konzept der Improvisation im urbanen Raum. Ausgehend von den Fragen, inwieweit Musik Klang sei und ob Musik einen Sinn habe, kommt er mit Rückbezüge auf Theodor Adorno und John Cage zu dem Schluss, dass es zwischen Klang und Musik im Grunde keinen Unterschied gebe, sondern dass die Zuordnung – Dell spricht von der Relation – der Elemente entscheidend sei. Musik werde erst dann zur Musik, wenn sie uns als Relation etwas zu sagen habe. Gestaltheoretisch argumentiert: man könne transponieren, doch die Gestalt des Transponierten bleibe gleich. Die Relation sei musik- und tonsystemimmanent, erst die Zuordnung erwecke einen musikalischen Sinn. Am Beispiel des Rhythmus verdeutlich er dies. Sobald etwas produziert werde im Rahmen einer Performanz, kommen Relationen ins Spiel. Musik existiere, so Dells Conclusio, ausschließlich performativ.

Die Annahme, dass eine Stadt nicht mehr nur als neutraler 'Behälter' zu sehen sei und so auch nicht euklidisch beplant werden könne, schlägt den Bogen zum Urbanen. Die an einem Telos festgemachte Komposition, die man für die Stadt hatte, führe nun in das Dilemma, dass sie zwar in sich relational sei, aber eben nicht in einen Neutralraum eingefügt werden könne. Wenn aber die Komplexität der urbanen Welt nicht bespielbar sei, dann würden anderen Verfahren benötigt: jedermann selbst müsse die Musik in die Stadt hineinhören, was zur Folge habe, dass Architekten und musikalische Stadtplaner die Dinge, die in der Stadt geschehen, relational verteilen und organisieren können. Und hieraus könne schließlich ein Katalog von Elementen erwachsen, die man immer wieder neu versammeln könne.

Wie kommt nun diese Versammlung in Bewegung, wenn sie nicht die Finalität einer Komposition besitzt? Die Prozesse innerhalb des Urbanen müssen musikalisiert werden. Das meint nicht eine programmmusikalische Herangehensweise - zum Beispiel 'Flussmusik' für einen Fluss -, sondern eher die motivische Verarbeitung der mit den neuen Analysemethoden gewonnenen Elemente der Stadt. Dell plädoyiert für eine Neuausrichtung des Improvisationsgedankens. Denn Improvisation sei nun nicht mehr nur ein reparierendes Element - wenn etwas musikalisch schief gehe, dann versuche die Improvisation, dies zu kaschieren -, sondern ein Ausdruck für die Unmöglichkeit einer Planung des Gelingens des zukünftigen musikalischen Geschehens. Und dadurch werde die Unbestimmtheit selbst zur Ressource, zur Technologie, die alles Mögliche rhythmisch relational und motivisch nach vorne verschaltet.

(Zusammenfassung für das netzwerk junge ohren von Kai H. Müller)

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