Drucken Artikel weiterempfehlen


Diverse/Kai H. Müller

Dossier: Musik und Geld

Eingestellt am 06.04.2012

Der Blick ist streng, die Haltung gerade – etwas finster sieht er aus, Theodor Adorno, dort im bekannten Fotoportrait von Stefan Moses. Was der Kritiker der Kulturindustrie wohl über den "Kulturinfarkt" sagen würde? "Lebte er noch, würde er wahrscheinlich wieder auswandern" – so ätzt Michael Naumann in der CICERO und in der Tat: begeistert wäre er wohl eher nicht. Die Thesen der vier Kulturinfarktler haben die publizistische Kulturlandschaft aufgeschreckt. Und ist im NJO-Blog von bürgerlichen Abwehrgeschützen die Rede, so ist Naumanns Donnern eines der lautesten. Mittlerweile ist die Debatte etwas abgeflaut, umso mehr also ein Grund, das zweite Dossier zusammenfassend dem Kulturinfarkt und damit der deutschen Subventionslandschaft zu widmen. Denn auch die Musikvermittlung ist ohne sie in ihrer Vielfalt nicht zu denken.

Die deutschen Feuilletons lassen kein gutes Haar am "Kulturinfarkt". Kate Connolly begrüßt dies in der SÜDDEUTSCHEN, vermisst sie doch in ihrer Heimat Großbritannien überhaupt das Feuilleton. In der ZEIT schreibt Julian Küttler kritisch über einen der Autoren, dieser reagiert adhoc, während sich 50 Künstler zu einem Appell zur Verteidigung der Kultur zusammengeschlossen haben. Peter Laudenbach spricht im TAGESSPIEGEL vom Unsinn und unter anderem die NMZ berichtet, dass sich auch die Justiz eingeschaltet habe. Ganz und gar nicht amüsiert seien die vier Autoren von den Reaktionen des Deutschen Musikrats. Harald Welzer donnert im HR, Ronald Meyer-Arlt in der HANNOVERSCHEN ALLGEMEINEN. NACHTKRITIK.DE liefert eine weitere Presseschau. In der FAZ sieht Rainer Hand die Diskussion kritischer und vergleicht sie mit der Wirklichkeit – ganz so abstrus seien die Thesen nicht. Kritik dürfe nicht zum Sakrileg verkommen. Paradigmatisch für den Rundfunk stehen die Collage von WDR3 sowie das Interview mit einem der Autoren im DEUTSCHLANDRADIO: Stephan Opitz. Die ARD Mediathek verweist auf "TTT", 3SAT hat seine "Kulturzeit". Rezensionen finden sich unter anderem in der FRANKFURTER RUNDSCHAU und auf der Frankfurter Musikmesse gebe es kein anderes Thema. Angefangen hat alles mit einem Interview im SPIEGEL. Kurzum – vieles ist gesagt, doch der Tenor ist eindeutig: geht es an die Subventionen, dann geht es schnell ins Eingemachte.

Wie verhält es sich mit der deutschen Förderpolitik und was sind Beispiele für sie? Das MUSIKINFORMATIONSZENTRUM liefert Anlaufpunkte: Ingrid Allwardt schreibt über die Musikvermittlung und den Austausch zwischen Freier und Nicht-Freier Szene, Michael Söndermann über öffentliche Musikausgaben. Bernd Wagner blickt auf die deutsche Kulturpolitik und Arnold Jacobshagen auf das deutsche Wettbewerbssystem. Werner Heinrichs widmet sich – immer wichtiger werdenden – alternativen Finanzierungsformen und Rainer Sprengel den privaten. Gerald Mertens leitet über zu Kulturorchestern, Rundfunkensembles und Opernchören. Damit sind wir gleich im Thema: denn auch hier wird eifrig diskutiert. Nach den Kürzungskontroversen in den Niederlanden plant der SWR eine Zusammenlegung seiner beiden Orchester. Die STUTTGARTER NACHRICHTEN geben einen Überblick, wohingegen Gerhart Baum in der ZEIT über "verbrecherische Blindheit" und "Ignoranz" wettert. Gleiches mit Gleichem vergilt SWR-Indendant Peter Boudgouts: der Vorwurf der Ignoranz sei schlichtweg ignorant. ORCHESTERRETTER.DE liefert eine Onlinepetition, die bereits von knapp 7.000 Personen unterzeichnet ist. Gerhard Rohde spricht in der NMZ und in der FAZ von einer unsinnigen Fusion, da die entscheidenden Kriterien für die Güte eines Orchesters nicht mit Rotstiften zu beschreiben seien. Wer bei Rundfunkorchestern kürzen wolle, müsse sich zunächst über deren Bedeutung im Klaren werden: die Aufarbeitung von Schallarchiven, die ästhetische Wiedergutmachung und die Förderung der zeitgenössischen Musik. Doch wieso immer nur das Neue? Vor wenigen Jahren wurde das einzige institutionalisierte Alte Musik-Ensemble, die Capella Coloniensis des WDR, aus Kostengründen privatisiert und behauptet sich allein: Sandra Sinsch schreibt in DAS ORCHESTER über Perspektiven, Gregor Dolak geht im FOCUS hierauf ein. Doch nicht nur das: sein Artikel gibt eine Übersicht über Entwicklungen in der Subventionspolitik. Als Folge der Finanzmisere haben Tausende Angestellte im Kulturbereich ihren Job verloren – die Zahl an Studenten an Musikhochschulen ist jedoch stetig steigend. Die JUNGEWELT schreibt davon, dass seit der Wende ein Viertel der deutschen Kulturorchester verschwunden sei.

Rufe werden laut in alle Richtungen. Daniel Barenboim erinnert an den Nachwuchs und wird nicht müde zu betonen, wie wichtig die Kultur und ihre Förderung für den Menschen ist. Vor allem in der fehlerhaften Verteilung des Geldes sieht er das Übel: entscheidend sei nicht, dass es komme, sondern dass es in den Bereich der kulturellen Bildung investiert werde – so spricht er in der WELT. Und in der ZEIT fordert er zugleich den verpflichtenden Musikunterricht für jedermann: "Warum lernen unsere Kinder in der Schule nicht Musik, wie sie Mathematik, Geografie oder Französisch lernen? Das ist das Problem!"

Wo es um Subventionen geht, da ist die Freie Szene nah und fern. 80 Berliner Künstler fordern laut TAZ eine neue Kulturpolitik. Kurz zuvor ging es in der ZEIT um die prekäre Lage des deutschen Jazz: So berichtet Stefan Hentz über die Subventionsforderungen der deutschen Jazzmusiker und zieht den Vergleich zu Norwegen heran. Maxi Sickert fasst den Streit zusammen und fragt sich, wieso Bayreuth mit seinen Festspielen eher förderungsbedürftig sei als der deutsche Jazz? 44 Millionen an staatlicher Subvention pro Jahr – wer soll etwas von dem Kuchen abbekommen? Jens Jessen wettert über die Grabenkämpfe zwischen Hoch- und Popkultur, in denen sich der "egalitäre Hass auf die Hochkultur verbündet [...] mit dem Denken der Unternehmensberater: Bolschewismus von rechts". Auch in der Freien Szene sei eine Menge Steuergeld beinhaltet, was aber gerne übersehen werde. Aber wäre Alfred Brendel auch ein großer Pianist geworden, wenn es eben nicht das beneidenswerte System an Kulturförderungen gegeben hätte? Im TAGESSPIEGEL schreibt Rüdiger Schaper über die Schwierigkeiten der künstlerischen und organisatorischen Abgrenzung zwischen Freier und Nicht-Freier Szene und beschreibt, wieso die Piraten eine Streichung der Zuschüsse für die Deutsche Oper fordern – selbstredend fällt auch hier der Kulturinfarkt. Udo Badelt geht an gleicher Stelle auf die Organisation der Berliner Szene ein und kommt zum Schluss: es werde richtig eng!

Macht nun das Geld die Musik und nicht mehr der Ton? – so fragt ein Autor im BAD BLOG OF MUSICK und bei QUERGEDACHT äußert sich ein Mitglied des Bundes der deutschen Steuerzahler. Denn diese sind es ja in der Gesamtheit, die die Last zu tragen haben – ein wenig Rücksicht auf beiden Seiten sollte also schon genommen werden, unabhängig davon, dass eine Gesellschaft kultureller Bildung bedarf. Die Debatten um ein Zuwenig oder Zuviel an Förderung sowie um die Mittelverteilung sind ein Dauerbrenner im Feuilleton. Schon 2010 fragte Konstantin Richter in der ZEIT, ob Städte wie Flensburg ein Opernhaus haben müssen, nach welchen Kriterien sich ein Spielplan zu organisieren habe und spricht von einer Schlacht um die Subventionen. Und nahezu als Antwort reagiert Christine Lemke-Matwey im TAGESSPIEGEL: das Dreschen auf die Opernhäuser sei mittlerweile der gute Ton. "Dabei sind sie viel besser als ihr Ruf". Wie finanziert man Kultur? Hier weiß  Alexander Pereira weiter, und Christina Weiss trifft 1998 den Nagel auf den Kopf: "Über Kunst kann es keinen Konsens geben". Auch hier hatte es eine Kontroverse gegeben, festgemacht an Kürzungen in der deutschen Theaterlandschaft, die zunehmend mit den Auswüchsen des Regietheaters konfrontiert gesehen wurde. Sigrid Löffler diskutierte mit. Weiss betont, dass grundsätzliche die gesellschaftliche Funktion der Kunst von der strukturellen Ausübung zu trennen sei. Und in der Tat gebe es gerade bei Letzterer Optimierungsbedarf. Ihr Fazit trifft wohl noch immer zu: "Ob Lust oder Schock, ob Mitfühlen, Ärger oder Anregung erzeugt werden, die Konfrontation mit einer künstlerischen Produktion ist ein konzentriertes Live-Erlebnis, das in unserer medialisierten Welt ein offensichtlich eher wachsendes Bedürfnis auslöst; noch nie waren die Besucherzahlen kultureller Einrichtungen höher als heute. Die Vielfalt des Angebots ist wichtig, aber die Spielräume der Phantasie und Kreativität sind nicht nur nach Kriterien der Rentabilität und des Marktwerts zu erhalten und zu fördern. Sie haben ihre eigenen, freien Gesetze. Diese Freiräume zu schaffen und gleichzeitig optimale Strukturbedingungen herzustellen, das ist die wichtigste Aufgabe der Kulturpolitik heute".

Seitenanfang