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Gerald Mertens

Zukunftskonzert

Eingestellt am 25.04.2008

Symposium zur Musikvermittlung und Aufführungskultur in Wolfenbüttel

Wenn ein Minister bei einer Veranstaltung nach der sonst üblichen Zeitstunde nicht entschwindet, um sich anderen Verpflichtungen zuzuwenden, sondern sich einen ganzen Vormittag Zeit nimmt, ist das ein deutliches Zeichen. Gesetzt wurde es vom niedersächsischen Wissenschafts- und Kulturminister Lutz Stratmann, dessen Haus in die Bundesakademie für kulturelle Bildung nach Wolfenbüttel eingeladen hatte. 120 Teilnehmer aus Musikwissenschaft und Kulturforschung, von Verbänden, Theatern, Orchestern und Medien hatten zwei Tage lang im April Gelegenheit, über die historische Entwicklung, die aktuelle Situation und die Zukunft des Konzerts sowie innovative Aufführungsformen zu diskutieren.

In seiner Begrüßung machte Stratmann deutlich, wie wichtig ihm persönlich die Musik und die Zukunft des Konzertwesens seien. Eindeutige Bekenntnisse, die man aus der Spitzenpolitik eher selten hört. Nicht die klassische Musik als solche, vielmehr ihre überwiegend konservative, eindimensionale Präsentation befinde sich in der Krise. Das Land Niedersachsen fördere daher ausdrücklich Konzepte, die neue Publikumsschichten erreichten. Zusätzlich sei im Rahmen des Praetorius-Musikpreises die Sparte „Musikinnovation“ neu verankert worden. Was das Budget beträfe, seien diese Ansätze zwar noch eher bescheiden, immerhin beschreite die Landeskulturpolitik neue Wege in die richtige Richtung. Man darf gespannt sein, wann das selbst ernannte „Musikland“ Niedersachsen seinem Titel vollständig gerecht werden wird.

Die Beiträge der zahlreichen Fachreferenten brachten eine relativ breit angelegte Betrachtung des Konzertwesens aus unterschiedlichsten Perspektiven: musikwissenschaftlich und historisch, kultursoziologisch und ökonomisch. Martin Tröndle skizzierte die Entwicklung des privaten Konzertwesens seit Dietrich Buxtehude, die Schaffung des Typus Festival durch Richard Wagner und die Entstehung der tradierten Konzertformate und Rituale. Die entscheidende Frage sei, durch welche Maßnahmen die Kunst- und Veranstaltungsform „Konzert“ wieder mehr gesellschaftliche Relevanz erfahren könne.

Der Soziologe und Museumsforscher Volker Kirchberg machte anhand der Beispiele neuer Konzerthäuser deutlich, wie wichtig es sei, auch den Konzertraum als solchen in Innovations­überlegungen einzubeziehen. Attraktive Orte würden auch für die Weiterentwicklung der Musikkultur benötigt, ohne dass jedoch die Architektur die Musik dominieren dürfe.

Der Ökonom Michael Hutter ging u. a. der Frage nach, welche Elemente das klassische Konzertwesen so kostspielig und damit angreifbar gemacht hätten. Vier „Einschläge“ seien festzustellen: 1. die Entwicklung des Rundfunks und die technische Übertragung von Musik nach dem Ersten Weltkrieg, 2. die Speicherung und Reproduktion nach dem Zweiten Weltkrieg, 3. die elektronische Klangverstärkung und schließlich 4. die Digitalisierung. Die Rock- und Popmusik habe diese technologische Entwicklung nachvollziehen können, die Klassik überwiegend nicht. Sie stecke immer mehr in der so genannten „Kostenfalle“ und könne steigende (Personal-)Kosten nicht durch weitere Produktivitätssteigerungen und Rationalisierungen auffangen. Die immer noch überwiegende Form der Fehlbetragsfinanzierung der Theater und Orchester durch die öffentliche Hand sei ein Auslaufmodell, hier müsse es neue Ansätze geben.

Für die Soziologin Elena Ungeheuer waren die kreative Einbeziehung des Publikums in das Konzertwesen, die Interaktion, die Emotionalisierung entscheidende Parameter für neue Vermittlungsansätze. Der Medientechnologe Ludger Brümmer bemängelte vor allem, dass die vorhandenen Inszenierungsmöglichkeiten klassischer Musik viel zu wenig genutzt würden; die meisten Konzerte erklängen vom Podium eindimensional in den Raum. Mit einfachen Mitteln, z.B. auch der elektronischen oder experimentellen Musik, könnten Konzerträume neu erlebbar gemacht werden. Jens Roselt von der FU Berlin brachte die Sache auf den Punkt: Das Konzert sei ein historisches (aber flüchtiges), emotionales Erlebnis. Die Musik würde der Zuhörer bald wieder vergessen, die äußeren Umstände aber blieben in Erinnerung. „Schlechte“ Konzerte seien ein bloßes „Vorkommnis“, das emotional als etwas Besonderes empfundene Liveerlebnis bleibe aber als „Ereignis“ im Bewusstsein haften. Zum Ereignis aber gehörten die „Irritation“ und das „Staunen“ als adäquate Form der Publikumsreaktion.

In weiteren Beiträgen und Podiumsdiskussionen wurde u. a. deutlich, dass zu viel Musikpädagogik (z. B. der langweilige, uninspirierte, kopflastige Einführungsvortrag…) die unverändert bestehende Schwellenangst eher erhöht, dass mehr begeisterungsfähige Musikvermittler erforderlich sind, dass einzelne Musikfestivals bereits erfolgreich neue Publikumsgruppen erschlossen haben, wovon auch der etablierte Konzertbetrieb lernen kann, dass Innovation auch zusätzliches Personal in Konzertdramaturgie, -pädagogik und Marketing verlangt.
Fazit: Das Konzertwesen hat gute Zukunftsaussichten. Es bedarf aber mutiger und kreativer Innovationen, die konservatives, älteres Publikum mitnehmen und gleichzeitig neue Publikumsschichten erschließen – keine Quadratur des Kreises, sondern ein machbares „Zukunftskonzert“!


zuerst erschienen in: "das Orchester" 7-8/2008, S. 51. 
Mit Genehmigung der SCHOTT MUSIC GmbH & Co. KG, Mainz - Germany



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