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Birgit Mandel

Kulturvermittlung als Studium und Beruf. Funktionen von Kulturvermittlung

Eingestellt am 24.05.2012

Kulturvermittlung ist die Bezeichnung für eine Vielzahl von Funktionen, die zwischen künstlerischer Produktionen und Rezeption vermitteln und eigenes künstlerisches und kulturelles Gestalten auch außerhalb des professionellen Kunstbetriebs anregen. Kulturvermittlung schafft Aufmerksamkeit und Interesse für Kunst und Kultur sowie Anschlüsse zwischen künstlerischen Anliegen und der Lebensrealität unterschiedlicher Gruppen von Rezipienten, verflüssigt die Grenzen zwischen Produktion und Rezeption, fordert künstlerisch- kreative Gestaltungstätigkeiten von Laien heraus und trägt dazu bei, das Potenzial von Kunst und Kultur: Perspektiven erweitern zu können, in verschiedene gesellschaftliche Bereiche einzubringen (Mandel 2008).

Der Begriff "Kulturvermittlung" ist entsprechend der vielfältigen, damit verknüpften Funktionen sehr breit aufgestellt. Im Unterschied zu dem deutlich engeren Begriff der „Kulturpädagogik“ (Zacharias 2001), der in den 1970er Jahren aufkam, beinhaltet er nicht notwendig pädagogische, auf das Subjekt bezogene Wirkungsabsichten. Unter "Kultureller Bildung" werden Selbstbildungsprozesse in Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur verstanden (Fuchs 2008; BKJ 2011). Kulturvermittlung kann diese Prozesse anregen.

Der Begriff der Kunstvermittlung bezeichnet hingegen im engeren Sinne die Vermittlung der verschiedenen Künste. In der Schulischen Kunstvermittlung wird diese häufig unter dem Begriff Kunstpädagogik gefasst, in der außerschulischen Kunstvermittlung häufig unter speziellen Begrifflichkeiten wie Museumspädagogik, Theaterpädagogik, Konzertpädagogik. Vor allem in der Bildenden Kunst gibt es einen intensiven kritischen Diskurs über die Ziele und Herangehensweisen von Kunstvermittlung, die der Gefahr widerstehen sollen, in der Rolle "autorisierter Sprecher" vorgegebenes Wissen als nicht hinterfragbar weiterzugeben und damit Machtstrukturen des Kunstbetriebs zu reproduzieren (vgl. u. a. Mörsch 2009). Gefordert wird hingegen häufig eine künstlerische Kunstvermittlung, die den Teilnehmern/Rezipienten eigene Interpretationshoheit und eigene Gestaltungsmöglichkeiten einräumt.

Im Kulturmanagement wird Kulturvermittlung vor allem in den Funktionen PR und Marketing virulent, die Zugänge zu Kunst und Kultur schaffen insbesondere über Information, Aufmerksamkeitsmanagement, Branding, die Lenkung von Erwartungen und die Gestaltung von stimulierenden Rahmenbedingungen für die Kulturnutzung (Mandel 2010).

In dem seit einigen Jahren auch in Deutschland eingeführten Begriff des Audience Development werden die Funktionen des Kulturmarketings und der Kulturvermittlung explizit zusammengebracht. Audience Development meint die Gewinnung und Bindung neuen Publikums für Kultur in der strategischen Verbindung von Methoden des Kulturmarketings mit Formen von Kunstvermittlung auf der Basis von Kenntnissen der Publikumsforschung, um mehr oder andere und neue Kultur-Nutzer zu erreichen (vgl. u.a. Arts Council England 2003).

Ziele von Kulturvermittlung können sein:

• Aufmerksamkeit schaffen für Kunst und Kultur, und Images von Kunst und Kultur beeinflussen
• Zugänge zu Kunst vermitteln und damit die Rezeption von Kunst und Kultur ermöglichen
• Künstlerische Techniken und Kompetenzen vermitteln
• Kreatives Ausdrucksvermögen anregen
• Empowerment/Stärkung des Einzelnen fördern
• Schlüsselkompetenzen fördern wie Kreativität, Wahrnehmungsfähigkeit, Reflexionsfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit
• Interkulturelle Sensibilität fördern
• Kommunikation, Identität und Gemeinschaft stiften

Kulturvermittlung kann also sowohl Marketingziele durch Aufmerksamkeitsmanagement und Steigerung von Besucher- und Einnahmezahlen verfolgen wie auch zur individuellen Bereicherung des einzelnen Kulturnutzers beitragen sowie auch gemeinnützige gesellschaftspolitische Ziele verfolgen, die über den Kultursektor hinausreichen. Kulturvermittlung basiert auf verschiedenen wissenschaftlichen Grundlagen insbesondere aus den Kunstwissenschaften, den Politikwissenschaften, den Erziehungswissenschaften und den Kulturwissenschaften.

Kulturvermittlung als Studium und der Arbeitsmarkt für Kulturvermittlungsberufe

Die Kulturpolitische Gesellschaft ermittelte in ihrer Studie zu Studium und Arbeitsmarkt Kulturvermittlung (Blumenreich 2012) die erstaunlich hohe Anzahl von 364 Studiengängen der Kulturvermittlung im weiteren Sinne. Viele davon wurden erst in jüngerer Zeit im Zuge des Bologna-Prozesses gegründet, bei dem viele BA und MA Studiengänge entstanden sind, die "Kultur" in verschiedensten fachlichen Kombinationen integrieren. So gibt es z. B. an der Universität Hildesheim seit Herbst 2011 einen forschungsorientierten Masterstudiengang "Kulturvermittlung". Dieser bezieht seine Impulse aus den verschiedenen wissenschaftlichen Herangehensweisen und Erkenntnissen von Kunstpraxis, Kunstwissenschaften, Kulturmanagement, Kulturpolitik und Kulturwissenschaften. Die Studierenden sollen in vorwiegend empirisch angelegten Forschungsaktivitäten daran mitwirken, relevantes Grundlagenwissen für die "Querschnittsdisziplin Kulturvermittlung" zu schaffen.

Zur Etablierung vieler neuer Ausbildungsgänge im Bereich Kulturvermittlung dürfte auch die Neubewertung von Kulturvermittlung seit einigen Jahren beigetragen haben als einer für den Kultursektor und Bildungssektor unverzichtbaren Funktion und die damit verbundene Erwartung eines entsprechend wachsenden Arbeitskräftebedarfs.

Die Studie der Kulturpolitischen Gesellschaft zeigt zumindest bei den befragten Studiengangsverantwortlichen große Zuversicht in Bezug auf die Karrierechancen ihrer Absolventen, und auch die von der Kupoge untersuchten vorhandenen Absolventenstudien verweisen auf eine sehr gute Berufseinmündung. Anders als bei den genuin als Künstler Qualifizierten, von denen nur wenige von ihrer künstlerischen Tätigkeit leben können, gibt es offensichtlich für Kulturvermittler (und Kulturmanager) ausreichend bezahlte Einsatzfelder.

Absolventenstudien des Hildesheimer Studiengangs Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis, der als erster akademischer Studiengang, damals unter dem Titel "Kulturpädagogik", bereits 1978 gegründet wurde, zeigen eine konstant hohe Vermittlungsquote von jeweils 97%. Im Vergleich zwischen 2000 und 2010 wird deutlich, dass sich die Chancen für die Absolventen insofern noch verbessert haben, als die angegebenen Stellenprofile sich im Zeitvergleich noch stärker auf die Kernprofessionen der kunstnahen Vermittlung und des Kulturmanagements konzentriert haben und die Absolventen weniger auf andere Stellen ausweichen mussten. Gelang 2000 der Einstieg in den Beruf am schnellsten über Kontakte und vorangegangene Praktika, so waren es 2010 erfolgreiche Bewerbungen auf Stellenausschreibungen, was dafür spricht, dass diese inzwischen deutlich häufiger geworden sind (Mandel 2010). Offensichtlich hat es in der Kulturvermittlung eine Professionalisierung gegeben.

Bedeutungswechsel der Kulturvermittlung in Kulturbetrieb und Kulturpolitik in Deutschland

Kulturvermittlung gehörte in Deutschland bis vor wenigen Jahren zu den marginalisierten Bereichen des kulturellen Feldes, die tendenziell nicht nur Missachtung erfuhren, sondern häufig auch abgelehnt wurden als ein "Heruntervermitteln" der autonomen Kunst und die in der Hierarchie der Kulturinstitutionen eher unten angesiedelt waren.

Neuerdings gehören Kulturvermittlung und Kulturelle Bildung zu den Themen in Deutschland, die in keiner kulturpolitischen Grundsatzrede fehlen und in sämtlichen Gutachten und Stellungnahmen zur Kulturpolitik als dringliche Aufgabe angesprochen werden.

Gründe für die Aufwertung der Kulturvermittlung liegen zum einen im demografischen Wandel, durch den die traditionellen (bildungsbürgerlichen) Kulturnutzer, für die der Besuch hochkultureller Einrichtungen selbstverständlich und selbsterklärend ist, immer weniger werden, sodass Kultureinrichtungen gezwungen sind, sich um neue Nutzer jenseits dieses schrumpfenden Milieus zu bemühen. Kulturvermittlung wird zur Überlebensstrategie von Kultureinrichtungen. Weitere Gründe sind die Probleme des Bildungssektors, die auch mit Hilfe von Kulturvermittlung als Voraussetzung für Kulturelle Bildung gelöst werden sollen, sowie auch die zunehmende Internationalisierung des Kultursektors, wodurch Konzepte und Protagonisten von Kulturvermittlung aus anderen europäischen Ländern in Deutschland Eingang finden und Kulturpolitik beeinflussen.

Kulturvermittlung ist Voraussetzung dafür, dass Kunst und Kultur relevantwerden für das Leben unterschiedlicher sozialer Milieus, dass Brücken gebaut werden zwischen verschiedenen Sprach- und Denkebenen, dass Kommunikation entsteht in der Auseinandersetzung mit Kunst, dass Kunst und Kultur zur Lebensqualität vieler, statt nur für eine kleine gesellschaftliche Elite beitragen können.

Der Kulturbetrieb steht angesichts des viel zitierten demografischen Wandels vor einer grundlegenden Umstrukturierung. Es gilt nicht nur neue Nutzer für Kunst und Kultur zu gewinnen, sondern auch, den Kulturbetrieb insgesamt umzugestalten und repräsentativer zu machen für die vielfältigen Gruppen der Gesellschaft. Dafür werden hoch qualifizierte Kulturvermittler benötigt, die Kulturmanagement und Kulturvermittlung mit kulturpolitischen Gestaltungsideen kombinieren können.

Literatur

• Arts Council England/Johnson, Gill: New Audiences for the Arts. The New Audiences Programmes 1998 – 2003, London 2004
• Kulturpolitische Gesellschaft/Blumenreich, Ulrike (Hg.): Studium, Arbeitsmarkt, Kultur. Essen 2012
• Deutscher Bundestag (Hg.): Schlussbericht der Enquete Kommission "Kultur in
Deutschland", Berlin/Regensburg 2008
• Fuchs, Max: Kulturelle Bildung. Grundlagen, Praxis, Politik, München 2008
• Mandel, Birgit (Hg.): Audience Development, Kulturmanagement, Kulturelle Bildung. Konzeptionen und Handlungsfelder der Kulturvermittlung. München 2008
• Mandel, Birgit (Hg.): Kulturvermittlung. Zwischen kultureller Bildung und Kulturmarketing. Eine Profession mit Zukunft. Bielefeld 2005
• Zacharias, Wolfgang: Kulturpädagogik. Kulturelle Jugendbildung. Eine Einführung. Opladen 2001
• Mandel, Birgit: PR für Kunst und Kultur. Handbuch für Theorie und Praxis, 3. Auflage, Bielefeld 2010.

Dieser Artikel erschien in der Mai-Ausgabe des KM Magazin Nr. 67. Wir danken für die Abdruckgenehmigung.

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