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Constanze Wimmer

Kammermusik-Collage oder Babykonzert - von den vielfältigen Wegen der Musikvermittlung

Eingestellt am 24.05.2012

"Salon Wittgenstein" nannte sich eine halbszenische Kammerkonzert-Collage mit Musik des Wiener Fin de siècle verbunden mit einer Lesung aus Briefen, Zeitungsartikeln und Tagebuchaufzeichnungen. Bei den jüngsten Sommerlichen Musiktagen in Hitzacker erweckten das Kuss Quartett sowie Rolf Becker und Daphne Wagner als Sprecher das Flair eines Wiener Salons um 1900 am Beispiel der Familie Wittgenstein zu gegenwärtigem Leben. Im Auditorium entstand gleichermaßen gespannte Aufmerksamkeit für die ästhetische Sprache der Musik wie für ihren kulturgeschichtlichen Kontext.

"Mittendrin" sitzen Babys und ihre Familien bei einer Konzertserie der Stiftung Mozarteum Salzburg. Musiker und Vermittlerin führen Kinder von 0 bis 2 mit einem abwechslungsreichen Mix aus Zuhör-, Mitsing- und Mitmach-stücken durch ein Format, dass sich ebenso an das junge Publikum wie die anwesenden Erwachsenen richtet, beide ins aktive Tun einbezieht und beiden Lust auf mehr Konzerte und Musik in ihrem Leben machen möchte.

Zwei Schlaglichter schildern zu Beginn die gegenwärtige Praxis der Musikvermittlung und Konzertpädagogik, die in ihrer weiten Spannbreite die unterschiedlichen Aspekte von musikalischer Bildung, dramaturgischer Arbeit und Audience Development aufzeigen. "It has to do with individuals creating their own relationship with a work of art. It is all about inquiry: being able to ask questions, becoming a good questioner, so you feel comfortable approaching works of art and putting it in your own context," meint Theodore Wiprud, Education Director der New Yorker Philharmoniker, wenn er über die Vermittlungsarbeit seines Orchesters spricht. Musik im jeweiligen Kontext ‒ sei er nun historisch oder gegenwärtig ‒ zu erleben und zu genießen, wird damit zu einem zentralen Dreh- und Angelpunkt gelungener Vermittlungsarbeit.

Historische Impulse

Musikvermittlung erhält heute wesentliche Impulse aus der kulturellen und ästhetischen Bildung, den Entwicklungen im Konzertleben und den Anliegen des Kulturmanagements. Ihre Ursprünge reichen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück, wenn Orchester in Boston und Cincinnati bereits Konzerte für Kinder und Jugendliche anboten, um deren Interesse an den Werken des Orchesterrepertoires zu wecken. Im deutschsprachigen Raum standen sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwei kulturpolitische Lager gegenüber, die für die Musikvermittlung impulsgebend werden sollten: einerseits die Anhänger eines aristokratischen Standpunktes, die höheres Kunstverständnis als Vorrecht weniger sahen, die aufgrund ihrer Bildung in der Lage waren, Kunst und Künstler zu würdigen und zu unterstützen. Ihnen traten die demokratischen Kunstsinnigen entgegen, die die Auffassung vertraten, dass sich jegliche Kunst an das Volk wenden müsse, und dass jeder das Recht auf Kunst und künstlerischen Genuss habe. Beide Lager konstatierten einen Bruch im Kunstverständnis und mit ihm einhergehend einen Riss zwischen den oberen und den unteren Klassen. Der Weg zu Hilmar Hofmanns programmatischer Idee der "Kultur für alle" in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts scheint auf Seiten der Kulturdemokraten hier bereits vorgezeichnet.

In den letzten 20 Jahren entwickelt sich Musikvermittlung immer mehr zu einem Praxisfeld, das sowohl einen musikpädagogischen als auch musikdramaturgischen Ansatz beschreibt, in dem Orchester, Ensembles und Konzerthäuser vielfältige Formen der Kommunikation mit ihrem jungen oder erwachsenen Publikum erproben: Inszenierte Konzertcollagen, Workshopreihen mit Musikern oder Patenschaften mit Bildungseinrichtungen formulieren einen neuen Anspruch seitens der Kulturinstitutionen, Verantwortung für musikalische Bildung und die zeitgemäße Kontextualisierung von Musik zu übernehmen und gemeinsam mit Schulen und Hochschulen an langfristigen kooperativen Strategien zu arbeiten. So bieten mittlerweile einige deutschsprachige Musikhochschulen Aus- und Weiterbildungsangebote zur Musikvermittlung an, die auf die unterschiedlichen Arbeitsbereiche für Zielgruppen von jung bis alt, von "einheimisch" bis "postmigrantisch" und von bildungsnah bis bildungsfern vorbereiten sollen.

Aspekte der Aus- und Weiterbildung

Für angehende Musikvermittler stehen daher folgende Aspekte im Zentrum ihrer Aus- und Weiterbildung:

• die eigene Persönlichkeit, um sie in ihrer Präsenz auf den Bühnen großer Konzerthäuser ebenso wie in Seniorenheimen oder bei Freiluftfestivals zu entfalten;
• das Erfassen des Kontextes der Vermittlung, um den aktuellen Kulturbetrieb, das Konzertwesen und kultur- und bildungspolitische Entwicklungen zu verstehen;
• musikdramaturgische Konzepte, um in konzertpädagogischen Workshops so sattelfest wie in Gesprächskonzerten und bei der Kulturvermittlung in einer Region zu sein;
• musikpädagogisches Handeln, um als Musiker oder Musikwissenschaftler über didaktische Zugänge zu verfügen, die unterschiedliche Altersgruppen geeignet ansprechen;
• interkulturelle Kompetenz, um das Eigene im Fremden und das Fremde im Eigenen zu erkennen, zu differenzieren und für die Vermittlung wirksam zu machen;
• das Verbinden und Vernetzen von Kunstsparten, um Geschichten als roten Faden durch ein Konzert zu führen, Tänzer musikalische Elemente verkörpern zu lassen oder Filme und Bilder zur Erweiterung des Höreindrucks einzusetzen;
• öffentlichkeitswirksames Handeln, um in Netzwerken zu kommunizieren, Menschen zu überzeugen und gelungene (digitale) Medienarbeit zu leisten. "Es geht darum, dem Publikum die Ohren zu öffnen und ihre Wahrnehmung zu schärfen, aber letztlich mit allen Differenzen auseinanderzugehen. Das Publikum soll selbst entscheiden und zu einer eigenen Auffassung kommen. Wir dürfen es nicht lenken, sondern nur ein Feld der Möglichkeiten eröffnen," meint eine Musikvermittlerin zu ihrem Arbeitsfokus – diesen Ansatz gilt es weiterzuentwickeln.

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