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Kai H. Müller/Diverse

»Es wird mich einfach immer geben«. Dossier: John Cage

Eingestellt am 11.09.2012

»1912: Am 5. September in Los Angeles geboren.« – So beginnt der Lebensweg des amerikanischen Avantgardisten John Cage, wie ihn die NZZ in einer kurzen Übersicht beschreibt. Schnell wird deutlich: Cage würde dieses Jahr seinen 100. Geburtstag feiern, die Jubiläumsmaschinerie ist angelaufen und das Rascheln im Blätterwald hat begonnen. Er emanzipierte Geräusche, Stille und, wie manche meinen, die Musik. Musikvermittlung mit Klängen der Umgebung – ohne Cage undenkbar! Anlass genug also, in unserem netzmagazin eine Übersicht über Artikel, Rezensionen und Kommentare zu seinem Jubeljahr zu liefern.

Die Kommentatoren bringen sich in Feierstellung: Wolfgang Schreiber spricht in der SÜDDEUTSCHEN von Cage als Meister des Loslassens und Überrumpelns. Volker Schmidt betont in der ZEIT Cages Einfluss auf das Kunstverständnis und versucht, dessen Zufall in den Artikel zu integrieren: »Spielen Sie Cage und lassen Sie nun die Münze entscheiden, wo Sie diesen Artikel weiterlesen.« In der FAZ denkt Tomas Bächli über grundsätzliche Fragen nach: »wie aber spielt man Musik, die von Sternenkarten vorgezeichnet wurde?« Der MDR widmet Cage eine eigene Seite, der NDR veranstaltet eine Komponistenwerkstatt, und auch die FAZ hält, was die Musik angeht, mit: Tomas Bächli, eben noch mit der Feder in der Hand, greift in die Tasten und spielt eine der Etudes Australes. »Wie Sie hören, hören Sie nichts« – Hans-Joachim Schreiber widmet sich in der WELT der Dialektik von Lärm und Stille. Er spricht vom Schockmoment, den Cage auslöste, vom Zufall in der Musik und schließt fast religiös: »Und genau besehen ist auch das famose Stille-Gebot nichts weniger als ein grandioser Schöpferakt, der in vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden nachholen will, was bei den ersten sieben Schöpfungstagen schlicht vergessen worden ist.« Die ehrwürdige NZZ konzentriert sich auf das kreative Hinterfragen der Tradition, erklärt den Avantgardismus des Komponisten und blickt auf das Skandalöse an seinem Werk. Kramt man dann in der Zeitungskiste, findet man im SPIEGEL einen Konzertbericht von 1963: ein Livekonzert mit Cage scheint ein Erlebnis gewesen zu sein!

Passend zum Jubiläum wird musiziert und publiziert: Heiner Goebbels widmet sich im Rahmen der Ruhrtriennale den Europeras Nr. 1 und 2. Christine Lemke-Matwey berichtet in der ZEIT, Anke Dürr schreibt im SPIEGEL, Corinne Holtz in der NZZ und im CICERO spricht der legendäre Theatermacher Goebbels selbst über seinen Ansatz. Ulrich Stock berichtet derweil in der ZEIT von neuen Schriften und erzählt von weiteren Aktivitäten in diesem Jahr: »Die Mathildenhöhe in Darmstadt zeigt eine Großausstellung, Konzerte gibt es in Berlin, Leipzig und München; Halberstadt in Sachsen-Anhalt widmet ihm zum 5. September ein Festival.« Halberstadt? Da war doch was –  das wohl längste Stück der Musikgeschichte: Organ2/ASLSP – As SLow aS Possible. Bis ungefähr 2640 hat der Besucher noch Zeit. Dann ist die Frage beantwortet, wie langsam so langsam wie möglich eigentlich ist.

Der Tod macht erst Legenden, das wusste schon Egon Friedell: »Sobald ein Mensch gestorben ist, ist er der sinnlichen Anschauung ein für allemal entrückt; nur der tote Abdruck seiner allgemeinen Umrisse bleibt zurück. Und sofort beginnt jener Prozess der Inkrustation, der Fossilierung und Petrifizierung, selbst im Bewusstsein derer, die noch mit ihm lebten. Er versteinert. Er wird legendär«. Werner Bärtschi erinnert sich in der NZZ mit Empathie und Bewunderung an seine Begegnungen mit John Cage,  im Nachruf des SPIEGEL aus dem Jahr 1992 heißt es knapp: »Neben diesem anarchischen Avantgardisten verblasste die übrige Zunft immer als postmodern.« Anlässlich seines 15. Todestages lobhudelt Jannika Bock in der ZEIT der Emanzipation der Töne. Doch am meisten hat wohl Cage am eigenen Mythos mitgewerkelt. Den passendsten Spruch für seinen Nachruf hat er gleich selbst verfasst: »Nehmen wir an, ich sterbe. Dennoch werde ich als Lebensraum für kleinere Tiere fortleben. Es wird mich einfach immer geben.« Am 5. September wäre John Cage 100 Jahre alt geworden.

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