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Diverse/Elena Böhm

Dossier: Musik und Hören

Eingestellt am 23.11.2012

Bereits zum zweiten Mal ruft der Bundesverband der Hörgeräte-Industrie am 23. November den „Tag des Hörens“ aus und möchte damit das Bewusstsein für das Thema Hören in der Öffentlichkeit stärken sowie eine aktive Auseinandersetzung mit der eigenen auditiven Wahrnehmung fördern. Ein Thema, das auch dem netzwerk junge ohren ein wichtiges Anliegen ist. Denn Hören ist nicht nur eine wichtige Grundlage für Musik und das Musizieren, sondern kann auch das soziale Miteinander gestalten helfen. Das netzmagazin nimmt den „Tag des Hörens“ zum Anlass für ein weiteres Dossier und hat sich in der deutschen Presselandschaft ein wenig umgehört.

Mehrere Feuilletons schreiben über das Prinzip der „Sonifikation“, der Darstellung von nichtmusikalischen Daten in Klängen, dem Hörbarmachen von Dingen, die man normalerweise nur sehen oder messen kann. Bei dem Kunstprojekt „Tweetscapes“ geht es um die Übersetzung von Twitternachrichten in akustische Ereignisse. Die Frankfurter Rundschau (01/2012) berichtet davon. Auch Rabea Weihser greift das Thema in der ZEIT (01/2012) auf und stellt sich zugleich die Frage, wo bei solchen Prozessen die Kunst und die persönliche Note bleibe. Yvonne Globert liefert in der Frankfurter Rundschau (09/2010) einen Einblick in die Anwendungsfelder der Sonifikation im Alltag und in der Medizin: Vom summenden Bürostuhl, der zu mehr Bewegung auffordert bis zum akustischen Badminton für Blinde.

Die Bedeutung des Hörens wird auch in Filmen thematisiert, unter anderem in der Dokumentation „Im Garten der Klänge“ des italienischen Regisseurs Nicola Bellucci. Jonathan Schaake äußert in der FAZ (05/2012) seine Faszination über den bezaubernd stillen, geradezu meditativen Film über den blinden Musiktherapeuten Wolfgang Fasser: „Man beginnt nicht nur, wie Wolfgang Fasser mit den Ohren zu sehen, sondern auch mit den Augen zu hören“.

Was gibt es Neues aus der Wissenschaft zum Thema Hören? Neurophysiologische Studien liefern interessante Erkenntnisse über die Mechanismen bei der auditiven Wahrnehmung von Menschen und Tieren. Maria Gerber berichtet in der WELT (11/2010) von einer Forschungsreihe zur Ultraschallortung bei Fledermäusen. Die Studie zeigt, dass die Säugetiere sich primär auf ihre Ohren verlassen, da sie über die Fähigkeit zur akustischen Wahrnehmung von Gegenständen verfügen und sich damit auch in der Dunkelheit zurechtfinden können. Holger Schulze vom Wissenschaftsmagazin Spektrum (07/2011) entdeckte einen Mechanismus, der dafür sorgt, dass der Mensch einzelne Stimmen aus einem akustischen Durcheinander, wie beispielsweise bei einer Cocktailparty, herausfiltern kann.

Eine Fülle journalistischer Beiträge findet sich über menschliche Hörgewohnheiten. Der stern (09/2006) berichtet von einer Studie zu den Zusammenhängen zwischen Musikgeschmack und Lebensweise. Franziska Schwarz schreibt in der Süddeutschen (05/2010) über eine Internet-Umfrage zu popmusikalischen Vorlieben, verweist jedoch auf eine gewisse Verzerrung der Ergebnisse. Die Teilnehmer seien nicht ehrlich und würden Songs, die ihnen peinlich seien aus ihrem Profil löschen. Peter Wagner befasst sich in jetzt.de (07/2006) mit den Entwicklungen der Radiohörkultur und stellt fest, dass vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender immer mehr Hörer verlieren. Die Gefahren des Kopfhörertragens im Straßenverkehr sind Thema eines Artikels in der Frankfurter Rundschau (01/2012). Warum immer mehr Kinder Konzentrationsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten aufweisen, erläutert Beatrix Dolfen in der WELT (07/2002). Eine permanente Geräuschkulisse von frühester Kindheit an sowie die andauernde überstarke Stimulation von Auge und Gehör durch Medien verschiedenster Art seien unter anderen als Ursache anzusehen. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken und Kinder für das bewusste und konzentrierte Zuhören zu sensibilisieren, werden bundesweit Projekte initiiert. Eines davon, der „Hörclub“ an der Münchner Ernst-Reuter-Grundschule, wird von Joelle Vereet in der WELT (02/2011) porträtiert. Auch für Erwachsene kann es eine völlig neue Herausforderung und Erfahrung sein, die Aufmerksamkeit ganz auf die akustische Wahrnehmung zu lenken. Die WELT (11/2011) berichtet von der „Stadtführung für die Ohren“, bei der man sich mit verbundenen Augen durch Berlin führen lässt und jenseits von touristischen Sehenswürdigkeiten die Klangräume der Hauptstadt erkundet.

Vielfach wird in den Medien die Frage diskutiert, inwieweit Lärm krank macht. René Weinandy vom Umweltbundesamt bestätigt im Interview mit Kassian Stroh in der Süddeutschen (06/2012): „Wer dauerhaft Lärm erdulden muss, bekommt eher einen Herzinfarkt oder Schlaganfall“. Auch Bluthochdruck, Schlafstörungen und Depression können die Folgen einer zu hohen Lärmbelastung sein. Ein möglicher Lösungsansatz besteht in der Lärmminderung im Verkehr. Vielerorts wird eine Regelung über die Betriebsdauer von Flughäfen gefordert, wie Claas Tatje am Beispiel des Flughafens Zürich in der ZEIT (05/2012) berichtet. In Hamburg setzen sich die Bürger mit Diskussionsforen und Aktionsplänen für eine Minderung des Lärmpegels in bestimmten Bezirken ein, so ein Beitrag in der WELT (06/2012). Für den Biologen Weinandy liegt das Hauptproblem jedoch im fehlenden Lärmbewusstsein der Gesellschaft. Lucia Schmidt teilt diese Meinung und schreibt in der FAZ (08/2012): „Lärm ist an der Quelle zu bekämpfen, und das ist nicht nur eine Aufgabe der Technik und Industrie, sondern vor allem eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie bedeutet: Lärm endlich als Umweltgift anzuerkennen und freiwillige Einschränkung und Rücksichtnahme als wichtigsten Lärmschutz zu begreifen“.

Bei der Diskussion um die Wirkungen von Lärm auf den menschlichen Körper darf man den Hörorganismus selbst nicht vergessen. Hörminderungen verschiedenster Art können durch eine zu hohe Lärmbelastung ausgelöst werden. Ein anhaltendes, lästiges Pfeifen im Ohr ist oftmals Anzeichen für einen Tinnitus. Laut FOCUS-Autorin Berit Uhlmann (07/2012) leidet jeder zehnte Deutsche unter störenden Ohrgeräuschen. Behandlungsmethoden gebe es viele, doch nur wenige bringen eine deutliche Besserung. Die Frankfurter Rundschau (11/2008) stellt eine neue Musiktherapie vor, die in einer Studie große Erfolge verbucht. Möglicherweise könnte auch die im FOCUS (05/2012) beschriebene Kombinationsmethode aus psychologischer Behandlung und Hörtherapie eine Linderung der Symptome bewirken. Nicht nur Menschen, auch Tiere leiden unter einem dauerhaft erhöhten Lärmpegel. Ulrike Krickau berichtet in der WELT (06/2012) von Schallexperimenten, die belegen, dass Fische bei Lärm die Orientierung verlieren, taub werden und sich nicht mehr fortpflanzen können.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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