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Rebekka Hüttmann

Wege und Perspektiven der Musikvermittlung

Eingestellt am 08.10.2008

Wer sich in der deutschen Musikvermittlungslandschaft umsieht, dem eröffnet sich ein ebenso buntes wie disparates Bild. Der Begriff „Musikvermittlung“ dient dabei als eine zusammenfassende Bezeichnung für unterschiedliche Versuche und Angebote, Menschen außerhalb des Unterrichts in der Schule und der Musikschule an Musik heranzuführen.

Grundsätzlich lassen sich in diesem Bereich zwei verschiedene Herangehensweisen beobachten: Eine durch lange Tradition bewährte Form der Vermittlung bilden Konzerte für Kinder, Schüler oder Familien. Mithilfe von Erklärungen, Geschichten und visuellen Eindrücken soll das musikalische Erleben vertieft, das Verständnis der Musik erweitert und das Hören bereichert werden. Als ein weiterer Weg setzt sich seit etwa fünfzehn Jahren das aus Großbritannien stammende „Response“-Modell durch: In Projekten und Workshops experimentieren Schüler mit dem musikalischen Material einer Komposition und erfinden davon ausgehend ein eigenes Stück. Kern dieses Ansatzes ist die Idee, dass durch das eigene Musizieren und Komponieren eine Annäherung an die Musik zustande kommen kann. Während der Weg der Vermittlung in traditionellen Kinderkonzerten primär über den rezeptiven Umgang mit Musik führt, versucht der „Response“-Ansatz, durch eine aktive und kreative Beschäftigung Zugänge zur Musik zu eröffnen.

 

Angesichts der Fülle und Vielfalt an Veranstaltungsformen lässt sich eine detailliertere Kategorisierung der unterschiedlichen Wege und Tendenzen im Bereich der Musikvermittlung kaum überzeugend vornehmen. Eine systematische Ordnung wird zumal dadurch erschwert, dass es sich um einen stark praxisorientierten Bereich handelt: Musikvermittlung geschieht und lernt man vor allem „by doing“. Wie eine Vermittlungssituation gestaltet wird, ist in vielen Fällen von organisatorischen Vorgaben und pragmatischen Erwägungen abhängig - und häufig zudem durch Marketinginteressen gelenkt und motiviert.

 

Damit sich die Vermittlungsbemühungen nicht in Aktionismus verlieren oder zu einem Instrument von Marketing und „audience development“ degradiert werden, bedarf es einer grundlegenden theoretischen Auseinandersetzung mit dem Thema. Einen ersten Ansatz in dieser notwendigen Reflexion können Überlegungen bilden, die vom Begriff „Vermittlung“ ausgehen: Von Vermittlung sprechen wir einerseits dann, wenn es darum geht, jemandem etwas zu vermitteln (z.B. einen Job, eine Wohnung, einen Partner, …). Andererseits sprechen wir von Vermittlung dann, wenn es darum geht, Beziehungen und Begegnungen anzuregen, also zwischen zwei Seiten zu vermitteln (etwa in einem Streit). Während die „Vermittlung von etwas“ der Übertragung und Aneignung von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten dient, geht es bei der „Vermittlung zwischen“ darum, Brücken zu bauen und Gespräche zu initiieren.


Beide Arten der Vermittlung lassen sich auch auf die Auseinandersetzung mit Musik übertragen – als zwei pädagogische Grundhaltungen oder methodische Anregungen: Die „Vermittlung von etwas“ zielt darauf, jemandem etwas von der Musik beizubringen; es geht um Lehren und Lernen, um das Weitergeben von Wissen und Können. Vermittelt werden können beispielsweise einzelne Aspekte aus einem Musikstück, allgemeine musikalische Sachverhalte, Wissen zur Musik und ihrer Geschichte, Fähigkeiten und Fertigkeiten im Umgang mit ihr.


Bei der „Vermittlung zwischen“ steht das Anliegen im Vordergrund, eine Beziehung zwischen der Musik und den Menschen zu stiften, die sich mit ihr beschäftigen. Damit dies gelingt, bedarf es eines Anknüpfungspunktes – eines Berührungspunktes zwischen beiden Seiten, an dem die Vermittlung ansetzen kann. Mögliche Anknüpfungspunkte finden sich einerseits dort, wo sich Verbindungen zwischen der Musik und der Lebenswelt der Menschen herstellen lassen, etwa mithilfe von Grundbegriffen wie z.B. „Fest“, „Trauer“, „Spiel“, „Kälte“ etc. Mögliche Anknüpfungspunkte finden sich andererseits in den allgemeinen Prinzipien der Gestaltung, die der Musik zugrundeliegen und die zugleich das Denken und Handeln von Menschen prägen, beispielsweise „Kontrast“, „Spannung – Entspannung“, „Steigerung“, „Bewegung“ oder „Kommunikation“. Ausgehend von solchen Prinzipien lassen sich Brücken bauen, die zwischen der Musik und den Menschen vermitteln. Dabei ist diese Art der Vermittlung auf einen phantasievollen Umgang mit Musik angewiesen sowie auf ein Denken, das nach Ähnlichkeiten fragt und nach Vertrautem im Gegenüber sucht: Diese Musik „klingt, als ob“, oder diese Musik „hört sich an wie“.

Freilich verläuft zwischen den beiden Arten der Vermittlung keine scharfe Trennlinie. Die „Vermittlung von etwas“ und der „Vermittlung zwischen“ sind aufeinander angewiesen und gehen ständig ineinander über. Die Unterscheidung kann indes als ein Modell dienen, das zwei verschiedene Tendenzen oder Ansätze bewusst macht: Vermittlung verstanden als ein linearer Vorgang oder als ein wechselseitiger Prozess; Vermittlung als ein Beitrag zu einer materialen Bildung oder zu einem umfassenderen Sich-Bilden im Gespräch mit der Musik.

Anmerkung:
Zum Begriff und zu den verschiedenen Arten der Vermittlung, s. Dissertationsschrift der Autorin "Wege der Vermittlung von Musik. Ein Konzept auf der Grundlage allgemeiner Gestaltungsprinzipien", Augsburg 2009
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