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Christina M. Stahl

Vermittlung bitte

Eingestellt am 24.04.2008

Zeitgenössische Musik ist kein Publikumsmagnet. In den Medien reicht es kaum zu mehr als einem stiefmütterliches Dasein. Allein ein Vermittlungsproblem? Kann sie aus ihrem Nischendasein befreit werden, wenn nur lange genug über sie geredet wird? Wenn tief genug in die Trickkiste gegriffen wird, um dem Publikum einen mög-lichst einfachen Zugang zu verschaffen? Eine Diskussionsrunde bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik suchte nach Wegen, wie der zeitgenössischen Musik mehr Gehör verschafft werden kann.
 
„Es wird problematisch, wenn Vermittlung einen Eigenwert bekommt, der nicht hinter-fragt wird“, warnte die Komponisten Isabel Mundry. In diesem Punkt waren sich die Gesprächsteilnehmer einig – doch die Probleme sind vielschichtiger: Wo immer Neue Musik gespielt wird, je mehr über sie geschrieben oder gesprochen wird, wird ihr Re-zipientenkreis kleiner, der aufgrund seiner Heterogenität wohl ohnehin schon schwer zu fassen ist. „Wir reden hier von völlig unterschiedlichen Erwartungshaltungen von Menschen, die Zuhörer sind; davon, was sie gerne hätten und was sie brauchen: Jemand, der gerade einen 12-Stunden-Job hinter sich hat, dem ist vielleicht viel schwerer klar zu machen, dass er vielleicht bei Frau Mundry besser aufgehoben ist als bei Beethoven“, gab Werner Wittersheim zu bedenken, Leiter der Pogrammgrup-pe Musik WDR 3. Doch gleich, mit welchen Voraussetzungen ein Publikum Musik höre, man dürfe das Publikum nicht unterschätzen, so die Musikjournalistin Eleonore Büning; und vor allem nicht von vorneherein das Niveau senken.
 
Es gebe schließlich zwei grundsätzliche Rezeptions-Erfahrungen, schloss daran Isa-bel Mundry an: „Es gibt die Sehnsucht, sich selbst zu vergessen, im Rausch der Einfachheit, des ‚Mitgezogen-Werdens’. Und es gibt die Sehnsucht, sich selbst wieder zu finden, sich zu spiegeln in einer Komplexität, in der Anschauung von etwas anderem.“ Daher sei es wichtig, nicht in einen „sinnentleerten Aktionismus“ zu verfallen, sondern zunächst grundsätzliche Fragen zu klären: „Was soll vermittelt werden? Welcher ästhetische Gegenstand, und aus welcher Perspektive?“
 
Vermittlungsstrategien sollten also im Idealfall auf die Rezipientengruppe zugeschnitten sein – aber wie? Auf die schulische Vermittlung allein könne man kaum bauen: „Wir haben vor fast 20 Jahren einfach angefangen, die musischen und künstlerischen Fächer in der allgemeinen Schulbildung auszublenden“, kritisierte Michael Kaufmann, Intendant der Philharmonie Essen. Für ihn und seine Kollegen sind Vermittlungsstrategien ganz entscheidend, muss er doch stets die Auslastung seines Hauses im Blick halten: „Wir Veranstalter werden gezwungen, eher danach zu schauen, wie wir uns überhaupt in einem Markt von Angeboten bewähren, und das muss zwangsläufig auch auf jüngere Menschen abzielen. Damit hat man automatisch einen Programmauftrag für ein ‚jüngeres Programm’.“ Derartige Zwänge bleiben auch Komponisten nicht verborgen, wie Isabel Mundry bestätigte: „Ich bin mit dem Thema Vermittlung immer dann konfrontiert, wenn ich merke, dass Veranstalter mit der Panik im Nacken argumentieren. Man bekommt als Komponist schon mit, dass der Betrieb stärker mit einem Quoten- und Evaluationsdruck konfrontiert ist.“ Allerdings sei das nicht der einzige Punkt, an dem sie sich mit Vermittlung beschäftigen müsse; es gehe auch um die Frage, wie Komponisten untereinander darüber reden, und wie sie ihre eigene Arbeit in Sprache formen, um untereinander vielleicht auch Kriterien für Kritik, für Diskussionen und Diskursivität zu entwickeln: „Augenblicklich ist es eher charakteristisch für die zeitgenössische Musikszene, dass sie potenziell autistisch agiert, gerne irgendwo entdeckt werden möchte und dabei dieses Quoten-denken auch im Nacken hat. Nach dem Motto: Wenn ich es schaffe, ein Hochglanz-bild in einer guten Zeitung zu haben, bin ich gut raus. Wenn wir die Arbeit verbal mehr reflektieren würden, würde auch eher wahrgenommen, an was wir eigentlich arbeiten, denn dann würde die Sache transparenter werden.“
 
Die Vermittlungsschwierigkeiten setzen sich auf der medialen Ebene fort. Den Weg in die Feuilletons findet, „was taufrisch“ ist, merkte Eleonore Büning an. Berichtet werde „über Uraufführungen und – verkürzt ausgedrückt – wenn etwas Eventcharakter hat, also Oper. Alles was dazwischen liegt – also der ganz normale Klavierabend – ist etwas für die Lokalkritik, oder aber man muss es durchboxen. Das gilt auch für Neue Kammermusik bzw. zeitgenössische Musik im weitesten Sinne, wenn es nicht gerade Oper ist…“ 
 
Doch Aufführungen zeitgenössischer Musik zu einem ‚appetitlichen’ Event zu machen, hielt niemand für die Lösung. „Es gibt einfach Dinge, die nicht im Vorbeigehen zu konsumieren sind, sondern die auch eine Anstrengung und eine Arbeit vom Rezipienten verlangen“, wandte Werner Wittersheim ein. Wichtig sei es, in Zukunft Inhalte anders zu sortieren und anders an ein Zielgruppenpublikum heranzutragen.
 
Die Ansätze, die es dazu bereits gibt, sind vielfältig. Gute Erfahrungen wurden in Es-sen mit narrativen Elementen im Konzertgeschehen gemacht: „Wir haben ein Kinderkonzert zu Arnold Schönberg veranstaltet – eine ziemlich absurde Idee. Aber ich habe versucht, den Kindern etwas über den Menschen Schönberg zu erzählen. Ich glaube, dass man durch die Erzählung von Lebensgeschichten viel erreichen kann.“ Diese „Urform der Vermittlung von Musik“, wie Eleonore Büning diese Art von lecture recital nannte, könnte tatsächlich eine Möglichkeit sein, um den Zuhörern die Ohren zu öffnen. So etwas wie eine „Schule des Hörens“ wäre auch für Isabel Mundry eine Chance, einem Publikum, das – anders als im 19. Jahrhundert – nur noch selten selbst Musik mache, die Möglichkeit zu geben, in einen Diskurs einzusteigen.


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