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Corina Kolbe

"Jeder von uns hat einen Mozart in sich"

Eingestellt am 22.10.2008

Klassische Musik ist in Deutschland ein Sorgenkind. Landauf, landab wird bei Podiumsdiskussionen der Verfall der Musikkultur beklagt: Schulen kommen ihrem Bildungsauftrag nicht mehr nach, und in Familien wird kaum noch musiziert. Und das in der Heimat von Beethoven, Schumann und Brahms! Möglicherweise gibt es im fernen Venezuela inzwischen sogar mehr Kinder als in Deutschland, die etwas mit Beethoven anzufangen wissen.

«Für uns ist Beethoven ein Symbol. Seine Musik ist sehr wichtig für junge Leute», sagt der venezolanische Dirigent Gustavo Dudamel, der mit nur 26 Jahren international überaus erfolgreich ist: In diesem Herbst wird er Chefdirigent des Sinfonieorchesters von Göteborg und ab 2009 auch Musikdirektor beim Los Angeles Philharmonic Orchestra.
Dudamel wurde von der staatlichen Stiftung Fesnojiv gefördert, die in Venezuela seit 1975 Kindern und Jugendlichen aller Gesellschaftsschichten eine Musikausbildung ermöglicht. Initiator ist der Komponist, Musiker und Ökonom José Antonio Abreu, der ein Netzwerk von Musikschulen und Jugendorchestern geschaffen hat. Finanziert wird die Stiftung - im Volksmund nur «das System» genannt - vor allem durch Einnahmen aus dem Erdölsektor.

Seit der Gründung des «Systems» hat in dem Land mit etwa 27 Millionen Einwohnern fast eine halbe Million Kinder auf diesem Weg ein Instrument spielen gelernt. Statt auf Theorie setzen die Lehrer auf Praxis: Die Nachwuchs-Musiker nehmen rasch einen Platz in einem der mittlerweile über 125 Jugend- und 57 Kinderorchester ein, werden sozusagen ins kalte Wasser geworfen. Selbst wer später kein Berufsmusiker wird, hat zu Klassik weiterhin einen Bezug. In Venezuela gibt es immerhin auch noch 22 professionelle Sinfonieorchester. Die musizierenden Kinder seien die «audiencia culta» - das gebildete Publikum - von morgen, ist Dudamel überzeugt.

Einer, der Dudamel noch aus seinen Kindertagen kennt, ist der Kontrabassist Edicson Ruiz, der vor vier Jahren das bisher jüngste Mitglied der Berliner Philharmoniker wurde. Ohne Musik sei das Leben kalt und ohne Zauber, sagt der 22-Jährige, der als Sohn einer allein erziehenden Mutter zeitweise in einem Supermarkt in Caracas mitverdienen musste. Ob jemand sein Instrument perfekt beherrscht, ist in dem Jugendorchester-System Venezuelas demnach nicht das Wichtigste. Was zählt, ist die soziale Erfahrung des Miteinander-Musizierens und der Respekt vor den anderen.

Netzeitung:
Als Zehnjähriger kamen Sie in einem Armenviertel in Caracas eher zufällig zu einem Jugendorchester, nur acht Jahre später wurden Sie als jüngstes Mitglied bei den Berliner Philharmonikern aufgenommen. Hätten Sie sich früher vorstellen können, einmal in einem der besten Orchester der Welt zu spielen?

Edicson Ruiz: Das war eigentlich gar nicht mein Ziel. Ich wollte vor allem ein guter Bassist und ein guter Künstler werden. Mein Lehrer hat mich dann zu Probespielterminen ins Ausland geschickt. Beim Schleswig-Holstein Musikfestival gewann ich einen Preis und bekam danach ein Stipendium für die Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker. Als ich 2002 eine Kontrabassisten-Stelle in dem Orchester gewann, war ich 17 - anfangen konnte ich erst, als ich mit 18 volljährig wurde.

Netzeitung:
Wie hat sich Ihr Leben seitdem verändert?

Ruiz: In Venezuela ist der Alltag viel hektischer, wir müssen mehr improvisieren. In Berlin läuft alles geordneter und entspannter. Ich kann sogar mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen, in Caracas wäre das unmöglich. Als Musiker habe ich bei den Philharmonikern enorm viel dazugelernt, was Technik und Repertoire betrifft. In Venezuela führten wir Beethoven, Mozart, Schumann, Brahms, Tschaikowsky und Mahler auf. Mit Bach oder zeitgenössischen Komponisten wie Ligeti, Kurtág oder Holliger hatte ich dagegen noch keine Erfahrung. Seit ich hier bin, habe ich etwa 1500 neue Stücke gelernt!

Netzeitung: Warum spielen Sie ausgerechnet Kontrabass?

Ruiz: Am Bass gefällt mir besonders, dass er das gesamte Orchester harmonisch trägt. Ich liebe seine tiefen Töne. Als Kind hatte ich anfangs auch Geige und Flöte ausprobiert, aber nichts hat mich so begeistert wie der Kontrabass. Die anderen Kinder mussten oft erst mal auf Holzstücken üben, nur die Bässe waren immer als richtige Instrumente da.

Netzeitung: Beim Venezolanischen Jugendorchester Simón Bolívar, das die besten Musiker aufnimmt, haben Sie früher Gustavo Dudamel kennen gelernt, der inzwischen international als Dirigent gefeiert wird. Beim «Musikfest Berlin» hat er vor kurzem mit Daniel Barenboims Staatskapelle Werke von Ives, Bartók und Beethoven aufgeführt. Was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen?

Ruiz: Ich saß auf einem der Podiumsplätze direkt hinter dem Orchester und sah ihn also von vorn. Von jeder Sekunde dieses Konzerts war ich tief beeindruckt. Wir kennen uns ja, seit wir Kinder waren. Mit zwölf Jahren dirigierte Gustavo zum ersten Mal ein Orchester, weil ein älterer Kollege krank geworden war. Ich kann es kaum glauben, wie sehr er sich inzwischen weiterentwickelt hat, nicht nur technisch. Er wirkt so frei und geht ganz in der Musik auf.

Netzeitung: Für Kritiker hierzulande ist er ein «Ausdruckstänzer am Pult» mit «karibischem Elan». Ist das nicht ein bisschen vordergründig?

Ruiz: Gustavo Dudamel ist extrem vielseitig und sehr begabt. Sonst wäre er wohl kaum von Simon Rattle, Daniel Barenboim und Claudio Abbado – also gleich von drei Spitzendirigenten - gefördert worden. Aber natürlich besitzt er auch ein anderes Temperament als ein Europäer - ein Südamerikaner hat eben andere Rhythmen im Blut. Für klassische Musik kann das eine große Bereicherung sein.

Netzeitung: In Venezuela gibt es seit mehr als 30 Jahren eine staatliche Stiftung für Musikausbildung. Derzeit musizieren rund 250.000 Kinder ab zwei Jahren in über 125 Kinder- und Jugendorchestern. Wie konnte dieses Modell so erfolgreich werden?

Ruiz: Bei uns werden Kinder anders gefördert als hier. Der Gründer der Stiftung, José Antonio Abreu, hat einmal gesagt, ein Kind sei ein Universum. Er sieht Kinder als Saatkörner, aus denen eine bessere Gesellschaft hervorgehen kann. Uns jungen Musikern ist bewusst, dass wir uns besonders engagieren müssen, damit dieses System erhalten bleibt. Spielen und kämpfen - das ist unser Motto.

Netzeitung: Abreu hat erreicht, dass die Musikausbildung durch Einnahmen aus dem staatlichen Erdölsektor finanziert wird. Verschiedene Regierungen haben ihn unterstützt, hatte er auch Gegner?

Ruiz: Wenn jemand mit etwas Erfolg hat, gibt es immer auch Menschen, die ihm das nicht gönnen. Abreu ist beispielsweise vorgeworfen worden, er mache sich zu sehr abhängig vom venezolanischen Staat. In Wirklichkeit wird er aber auch von den Vereinten Nationen und hunderten Stiftungen in verschiedenen Ländern unterstützt. Politische Ziele verfolgt er nicht - ein Musiker und Dirigent ist in erster Linie Künstler.

Netzeitung: In Deutschland wird viel darüber diskutiert, dass die musikalische Bildung verloren gegangen ist und Schulen keinen ausreichenden Unterricht mehr bieten. Können wir etwas von Venezuela lernen?

Ruiz: Ich glaube schon. Bei uns werden Kinder rasch in ein Orchester gesteckt, wo sie ihr Wissen an Jüngere weitergeben. Zwölfjährige zeigen Zehnjährigen, wie man ein Instrument spielt - und das funktioniert gut! In Deutschland kann man dagegen erst als Profi unterrichten.

Netzeitung: Heißt das vielleicht, dass wir hier zu leistungsorientiert sind?

Ruiz: Etwas zu streng vielleicht.

Netzeitung:
Die Kinder, die in den venezolanischen Orchestern musizieren, müssen aber doch regelmäßig üben, um sich weiterzuentwickeln. Um eine gewisse Strenge kommt man also nicht herum.

Ruiz: Ein Instrument perfekt beherrschen, ist nicht das oberste Ziel für alle. Musik hat in unserem System vor allem eine soziale Aufgabe, nämlich junge Menschen zu erziehen und innerlich zu bereichern. Musik muss direkt das Herz ansprechen. In Venezuela gibt es auch einen Chor mit blinden und gehörlosen Kindern. Sie können nicht viel, nur ihre Hände nach der Musik bewegen. Aber wie sie das machen, mit welchem Engagement! Als ich das vor kurzem in einem Film gesehen habe, musste ich weinen.
Jeder Musiker kann von sich sagen, dass ihn die Musik in gewisser Weise gerettet hat. Wir können ohne Musik nicht mehr leben. Abreu wirft deshalb niemanden aus einem Orchester heraus, selbst wenn seine Leistung schlechter wird. Auch diejenigen, die irgendwann freiwillig aufhören, verlieren die Musik nie ganz. Meine Freundin etwa studiert jetzt Architektur, aber sie unterrichtet weiter Geige in einem Armenviertel.

Netzeitung:
In Berlin beteiligen Sie sich auch an den Education-Projekten der Philharmoniker, Sie arbeiten dabei mit Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen Schulen zusammen.

Ruiz: Bei diesen Projekten werde ich selbst noch mal zum Kind. Als ich jünger war, wurde von mir oft schon viel Reife erwartet. Ich möchte mich jetzt genau in diese Kinder hineinversetzen, um ihnen zu vermitteln, wieviel Spaß Musik machen kann.

Netzeitung: Auch der Musikkindergarten von Daniel Barenboim in Berlin will spielerisch an Musik heranführen. Kinder sollen durch Musik ein besseres soziales Miteinander lernen - kleine Mozarts heranzuzüchten, ist nicht das Ziel.

Ruiz: Mozart wurde zwar von seinem Vater gezwungen, Klavierspielen zu lernen. Er wäre aber niemals ein so einzigartiger Künstler geworden, wenn er nicht auch den nötigen Freiraum zur Entfaltung gehabt hätte. Er hat sich selbst durch die Musik erkannt. Ich glaube, jeder von uns hat einen Mozart in sich. Jeder hat seine Chance - man muss sie nur erkennen. Irgendwann kommt der Zug, in den man einsteigen sollte. Ich wollte nicht unbedingt eine große Karriere machen, aber ich wollte mein Instrument beherrschen. Hätte ich damals nicht geübt, hätte ich meinen Zug verpasst.

Mit Edicson Ruiz sprach Corina Kolbe


Text erschienen auf www.netzeitung.de.

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