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Michael Hutter

Netzwerke & Musikvermittlung. (A-)Symmetrien der Anwendung

Eingestellt am 19.11.2008

Frage an Prof. Dr. Michael Hutter: Wie wirken Netzwerke auf  Klangereignisse?

I.
Ich werde damit anfangen, erst einmal sehr allgemein und abstrakt über Netzwerke zu sprechen, dann schlage ich die Brücke zur Musik oder zu den Klangereignissen, und zuletzt komme ich auf das Thema der Tagung, die Musikvermittlung.

Die Karriere des Netzwerkbegriffs innerhalb der letzten 50 Jahre ist ziemlich steil verlaufen. Noch in den 60er Jahren wurde mit „Netzwerk“ eine Art der Einengung, ein Gefangen- und Ausgeliefertsein verbunden. Kriminalserien wie „Dragnet“ und Vorstellungen von Netzen als geheimnisvollen, undurchsichtigen und Gesellschaft steuernden Organisationen wie der Mafia beförderten diese Assoziationen. Intransparenz zeichnete derartige Netze als Hauptkriterium aus.

In den 80er Jahren erfuhr die technische Seite von Netzen eine Weiterentwicklung, als sich die Telekommunikation über schlichte Telefonleitungen mit einer Zentrale hinausentwickelte. Netze begannen, in Einzelabschnitten ihre eigene Intelligenz aufzuweisen. Der heutige Alltag ist undenkbar ohne das Internet als dem „Netz der Netze“, über das ehemalige Tennisstars begeistert sagen: „ich bin drin“.  Auf einer anderen Ebene fingen auch Soziologen an, Netzwerke als Thema zu entdecken, über sie nachzudenken und und zu schreiben. Als eigener Bereich etablierte sich die  Netzwerksoziologie in den 90er Jahren und wird heute als unverzichtbarer Bestandteil der Sozialwissenschaften erachtet.

Die Verlagerung des Interesses zu netzartigen Gebilden konnotiert einen tiefgreifenden Wechsel. Die Relevanz des Akteurs tritt zurück, die Verbindungwird erkannt als das Moment, das den sozialen, aber auch den technischen Zusammenhang überhaupt erst konstituiert. An diesem Punkt möchte ich ansetzen. Ich möchte mit einfachen Grundbegriffen anfangen und darauf  aufbauend zeigen, was man mit dem Netzwerkbegriff anfangen kann.

II.
Ich beginne mit bekannten Parametern: Eine Strecke wird erst zur Verbindung, wenn man an ihren beiden Enden etwas hinzufügt, das man „Knoten“ nennt. Die Verbindung wird somit erst durch die Knoten zur Verbindung. Umgekehrt werden die beiden Knoten erst durch die Verbindung zu Knoten in einem Netz. Es geht also um die Differenz zwischen Verbindung und Knoten.

Von einer solchen einfachen Verbindung zwischen zwei Knoten lässt sich über einen weiteren Knoten noch eine Verbindung ziehen. Ein nächster Knoten zieht eine weitere Verbindung nach sich und so weiter. Es entstehen Vielfachverbindungen, so genannte multiple Verbindungen. Wir haben jetzt drei Knoten und drei Verbindungen. Es lässt sich auch noch ein vierter Knoten hinzufügen. Je nach Platzierung kann sich durch ihn aber eine Asymmetrie bilden, dann steht er isoliert. Wenn ich alle Knoten miteinander verbinde, haben wir vier Knoten und sechs Verbindungen. Ab hier entwickelt sich das Netz exponentiell weiter. Mit jedem weiteren Knoten, den ich hinzufüge, entstehen zumindest potentiell eine Zahl von Verbindungsmöglichkeiten, die größer ist als die Zahl der Knoten, die ich hinzufüge.

Die Frage, was mit Verbindungen und was mit Knoten gemeint ist, gilt es im Folgenden genauer zu untersuchen. „Verbindung“ steht für Formen und Medien der Übermittlung. Übermittlung könnte Sprache, könnte Schrift, aber ebenso eine Leitung sein - eine Sendung im Sinne einer Postsendung oder auch einer elektromagnetische Welle. Das verweist auf etwas, das in der Regel technisch oder zumindest regelgebunden ist, wie ja auch Schrift und Sprache regelgebunden sind. Der „Knoten“ dagegen ist ein Impuls. Er ist Impulsgeber und –empfänger. Dieser Impuls des Knotens muss irgendwie geformt sein, um den Knoten zu verlassen und er muss aufgenommen  und verarbeitet werden von den Knoten, bei denen er übermittelt ankommt.

Wir reden also von so etwas wie Synapsen, aber nicht notwendigerweise von Akteuren. Interessanterweise ist gerade in der Netzwerktheorie der Begriff des Akteurs in seiner Bedeutung deutlich heruntergeschraubt worden. Mit Bruno Latour gesprochen heißt er „Aktant“ – mit Niklas Luhmann „Adresse“. Erst in zweiter Linie ist es von Interesse, was innerhalb des Knotens den Impuls gibt, verarbeitet oder aufnimmt, wie beispielsweise eine Organisation. Die Offenheit wird deutlich, wenn wir uns erst einmal auf  Individuen konzentrieren.

Ein Individuum kann sich als Übermittlungsmedium verstehen und operieren, oder es kann sich als Impulsgeber verstehen, es kann sogar zwischen diesen beiden Positionen wechseln. In der Netzwerksoziologie gibt es eine von Harrison White markierte und in jüngerer Zeit von Dirk Baecker vertretene Richtung, die diese Ambivalenz verfolgt. Sie orientiert sich an der Unterscheidung zwischen Kontrolle und Identität und argumentiert folgendermaßen: Identität ist wählbar. Das bedeutet in der Konsequenz, dass mit der Wahl der Identität  gleichzeitig die Kontrollinstanz gewählt wird. Begebe ich mich ins Netz, so werde ich von ihm kontrolliert. Wähle ich, Knoten zu sein, dann werde ich kontrolliert von den Möglichkeiten der Übermittlung, die dieses Netz konstituieren. Wähle ich, Übermittler zu sein, dann werde ich kontrolliert von den Knoten, die als Impulsgeber in diesem Netz tätig sind. Das Angebot der Wählbarkeit von Identität eröffnet komplexe Möglichkeiten.Eine strukturelle Unterscheidung scheint mir von besonderer Bedeutung zu sein: die Unterscheidung zwischen Symmetrie und Asymmetrie.

Wir beginnen mit einem symmetrisches Netz, also einem Netz, das die gleiche Zahl von Verbindungen für jeden Knoten aufweist. Symmetrische Netze sind dadurch fast immer beschränkt auf kleine Zahlen, denn Symmetrien gehen in der Regel nicht über kleine Netze hinaus. Die Art der verschickten Impulse innerhalb eines solchen Systems ist gleichförmig. Im sozialen Kontext wird diese Art von Netzen als intim, als gleichberechtigt empfunden und verbindet sich mit Konstrukten wie Tausch, Gabe und Gegengabe. Sie wird zu einem gewissen Grad mit ethischem Wert aufgeladen: ein „gutes Netz“ in diesem Sinne zeichnet sich durch Symmetrie aus und trägt in der Art des Austauschs für Gleichberechtigung Sorge.

Symmetrische Netze sind durch die technologischen Möglichkeiten der Digitalisierung in letzter Zeit extrem erweitert worden. Netze für Hunderttausende können geschaffen werden – Stichworte sind „filesharing“, „social networks“ wie „mySpace“ usw. Doch ob allen diesen Netzwerken tatsächlich noch Symmetrie zugrunde liegt, muss kritisch hinterfragt werden. Gibt die Oberfläche den Anschein von symmetrischer Gestalt, so sieht es auf der darunter gelagerten Ebene oft recht asymmetrisch aus.

Was sind asymmetrische Netze? Anhand von Flugliniennetzen lässt sich das Bild der asymmetrischen Netzwerke veranschaulichen: sie funktionieren über Drehkreuze, die in ihrer Größe unterschiedlich, aber dennoch verbunden sind. Dem liegt ein mathematischer Beweis zugrunde, der belegt, dass Netze bei ganz einfachen Annahmen zwangsläufig dazu tendieren, asymmetrisch zu werden. Die Annahmen sind  (a) ein begrenztes Budget (beispielsweise Zeit, Energie, Finanzen), das den Knoten zwingt, Entscheidungen zu treffen, und (b) eine „präferierte Verknüpfung“ mit anderen Knoten. Die Knoten in einem asymmetrischen System sind unter diesen beiden Prämissen gezwungen, zu entscheiden, mit wem sie Verbindungen eingehen, weil ihre Verbindungskapazitäten begrenzt sind. Konsequenter Weise orientierten  sich alle an dem Knoten, zu dem bereits die meisten Verbindungen existieren und so setzen sie aktiv die Asymmetrie fort. Solche Strukturen sind beispielsweise im Zugriff auf Suchmaschinen wie „Google“, oder Auktionsplattformen wie „Ebay“ zu finden. Sie operieren auch im gesamten Bereich der „Kreativindustrien“, deren Produkte nach genau diesem Prinzip funktionieren. Bestsellerlisten und Hit-Charts zeigen die Gesetzmäßigkeiten  der Asymmetrie, weil es einfach Vorteil hat, zu lesen und zu hören, was andere lesen und hören.
Freundeskreise funktionieren im Übrigen vergleichbar: soziologisch lässt sich zeigen, dass sich in Freundeskreisen immer bestimmte Personen finden, die als Kontaktmacher fungieren und die einen starken Sog auf andere ausüben. Rund um die Drehkreuze oder Nabenknoten befinden sich die peripheren Knoten, mit nur wenigen sozialen Verbindungen.

Knoten, die möglichst groß sein wollen – entweder, weil so die Gewinne steigen, oder weil der Ruhm wächst – sollten deshalb Merkmale generieren, die diese Art von Präferenz auslösen. Eine einfache Strategie besteht darin, den Knoten so zu platzieren, der Weg zwischen den anderen Knoten kürzer wird. Eine andere Strategie ist die der Informationsspeicherung, etwa durch ein Archiv oder eine Bildungstätte, auf die dann Knoten ohne Speicher zugreifen. Datenverarbeitung kann auch eine zentrale Aktivität sein, Suchhilfen eignen sich, gerade im virtuellen Raum, während im physischen Raum  Treffpunkte helfen können, um sich als Präferenzknoten in einem asymmetrischen Netz zu etablieren. Durchaus wirkungsvoll kann auch die Rolle der Qualitätssicherung sein, etwa durch Zertifizierungen, oder auch nur durch die Kritik von Missständen. Dazu ist zwar die Zuschreibung an Reputation und Expertise durch die über das Qualitätsurteil verbundenen Knoten notwendig, aber derartige Wertzuschreibungen bei erfolgreicher Zentralisierung treten bei jedem der Merkmale auf.

Mit der Unterscheidung zwischen symmetrischen und asymmetrischen Netzwerken habe ich eine strukturelle Eigenschaft in’s Zentrum der Beobachtung gerückt. Jetzt komme ich zu den Zeitverläufen in Netzwerken. Ich richte meinen Fokus auf kleinere Netze, denn dort sind die Verläufe eher komplexer als in großen Netzen, die Gleichförmigkeit erfordern. In diesen Netzen können die Impulse in folgenden Varianten verlaufen:

1.die Impulse laufen in dieselbe Richtung

2.die Impulse laufen in zwei Richtungen

3.die Impulse laufen gleichzeitig in beide Richtungen

Diese Verläufe von Impulsen können sozial, also als Verläufe von Kommunikationsimpulsen verstanden werden. Die Knoten können im zeitlichen Verlauf sowohl Zeichen senden als auch sie empfangen, und sie können das in mehrere Richtungen, und vor allem: in mehreren Codes. In dieser Möglichkeit liegt nun der entscheidende Sprung von der im ersten Teil dargestellten rein technischen Dimension zur gesellschaftlichen Dimension. Jetzt wird das Netz zu einem Geflecht von Zeichen. Von Zeichen, die „ausgetauscht“ werden und die damit das konstituieren, was wir Kommunikation nennen.

Den Knoten wird nun eine ganz wichtige Eigenschaft zugeschrieben, nämlich die Fähigkeit der Umwandlung von Impulsen. Im Knoteninneren geschieht etwas, das den Zeichen Bedeutung gibt, und damit den nächsten gesendeten Impuls auslöst, oder den nächsten empfangenen Impuls neu interpretiert. Wenn Bedeutung geschaffen wird, dann ist das ein Prozess, durch den aus sinnlicher Wahrnehmung Sinn generiert wird. Diesen Prozess möchte ich kurz ausleuchten.


III.
Sinnliche Wahrnehmung liefert die Rezeptoren für die (Sinnes-)eindrücke, die von außen kommen. Sinnbildung vollzieht sich im Zusammenspiel der Sinne und erzeugt „Sinn“, also eine für einen Menschen oder eine Gemeinschaft innerliche Einheit, die die verwendeten Zeichen transformationsfähig macht. Wann immer diese Art von Umwandlung passiert, bleibt der Sinn notwendigerweise kontingent. Das Wissen über den Prozess hat das Nicht-Wissen über das Ergebnis im Schlepptau. Ohne diese Partnerschaft von Wissen und Nicht-Wissen wäre die Transformation ein technischer Vorgang, mit ihr wird sie ein mentaler und sozialer Vorgang.

Aus Kontingenz folgt Variation und damit Überraschung. Wenn es um Überraschung geht, dann geht es um Spiel. Über die offene Variationen konstituieren sich Spiele, die dann, innerhalb größerer Netze, in ihrer Selbstemergenz auch ihre Grenzen nach außen konstituieren: Knoten, die verstehen, um was es dort geht, können am Spiel teilnehmen, während diejenigen Knoten, die diesen Code schlecht verstehen, Außenseiter des Spiels bleiben, und die, die ihn überhaupt nicht verstehen, nehmen das Spiel möglicherweise gar nicht wahr.

Man kann sich Spiele nun als selbstemergente Netze von Spielzügen vorstellen. Fußball ist ein gutes Beispiel zur Veranschaulichung des eben skizzierten Prinzips: Auf einem Spielfeld mit Mannschaften und Personen gibt es einen kleinen Ball, der alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Dieser Ball wird nun durch einen Impuls irgendwo hingeschickt und dann wieder irgendwo anders hin usw. Auf dem Spielfeld lässt sich beobachten– inzwischen ist der Vorgang digital nachstellbar – wie sich die Spieler auf dem Feld in Position zu diesem Knotenball stellen, wie sie mögliche Anspielpunkte für seine Weiterleitung bilden, um dadurch das Spiel fortsetzen können - ein Netz der Spielzüge, das über 90 Minuten ständig weitergesponnen wird. Sogar mit statistischen Messmethoden lässt sich nach dem Spiel überprüfen, welcher der potentiellen Knoten und Impulsgeber/Spieler wie viele Ballkontakte hatte, wie oft er angespielt wurde, oder auch nicht. Dabei treten einige hervor, die sehr viel angespielt, und andere, die sehr wenig angespielt werden.

So operieren also Spiele als Netze in anderen, größeren Netzen, die diese Spiele überhaupt erst ermöglichen. Diese größeren Netze sind dann in den meisten Fällen wiederum eingebunden in noch größere soziale Netze.
IV.
Ich möchte nun den Versuch unternehmen, die Spiel-Netz-Metapher auf das Musikgeschehen und seine Vermittlung systematisch anzuwenden,auch wenn ich mich damit gefährlich dem Feld Ihrer Expertise nähere. Ich beginne mit der Vorstellung vom Netzwerkspiel, die ich gerade entwickelt habe. Dann sind folglich auch Musikaufführungen Spiele, die aus einem Netz von Impulsen bestehen, in der Zeit geformt durch Taktung, durch Tonabstände und durch die Klangfarben der Instrumente.

Impulsdifferenzen in diesen drei Dimensionen – im Rhythmus, in Melodie und Akkord, und im musikalischen Ausdruck - werden im Spiel mit Bedeutung aufgeladen, und mit Bedeutung von Bedeutungen. So entsteht dann Kunst – durch die sinnhafte Wahrnehmung der sinnlichen Impulse.

Musikalische Werke sind kaum anders vorstellbar als in der Form von Klangnetzen – Netzen zwischen Tönen, aber auch zwischen Instrumenten, inklusive der menschlichen Stimme, die dann die Verknüpfung zum Netz der Wortbedeutungen schaffen kann, vor allem aber auch ein Netz, das die Zuhörenden mit einschließt. Nehmen wir als Beispiel wieder das Quartett mit seiner einigermaßen symmetrischen Beziehung: vier Instrumente bilden Knoten, aber auch das Ensemble operiert als Knoten, der sein Spiel sendet. In einer Konzertsituation sind dann die Zuhörer, die das Publikum bilden, Teil einer allgemeinen Reaktion auf das Spiel des Quartetts. So sind sie gleichzeitig mit dem Quartett und miteinander verbunden.  

Das Netzwerkspiel des einzelnen Klangereignisses – etwa einer Aufführung von Beethovens op. 18/6 – ist seinerseits eingebettet in größere Netzen statt. Ich will nur kurz erst auf technische Netze, dann auf soziale Netze eingehen. Bei den technischen Netzen kann ich mich kurz fassen, weil Sie alle die Fakten kennen. Die technischen Netze für Musikspiele haben sich im 20. Jahrhundert radikal verändert: das geschah das erste Mal durch die Erfindung und die Ausbreitung von Radiosendungen. Die Struktur der Ausstrahlung von Signalen ist asymmetrische, da eine Station an viele Empfänger sendet. Dadurch sind asymmetrisch wiederum Stars entstanden - unsichtbare Stars, deren Kult nicht länger an das Sehen, sondern allein an das Hören gebunden war und ist. Das zweite Mal wurden die Netze neu sortiert, als seit de 1950er Jahren haltbare Vinyltonträger hergestellt wurden. Die Tonträgerindustrie schuf
ihre eigenen Netze der Vermarktung und der Verteilung. Erst in jüngster Zeit ist diesen Netzen Konkurrenz entstanden, und zwar durch ein Vernetzung von digitalen Netzen, in der alle Knoten zu Sendern werden, die hohe Volumina von Klängen übertragen, neu kombinieren und hörbar machen können. Die so entstehenden Werke sind verbunden mit Knoten, die Qualitätsurteile darüber fällen, was man hören soll. Das eigene Finden von einem Werk in diesem neuen Raum ist unter Umständen ist wichtiger ist als die tatsächliche Qualität dessen, was man findet. Gleichzeitig führt der Umstand, dass nur bestimmte Klangqualitäten technisch übertragbar sind, dazu, dass das Interesse an realen Aufführungen derjenigen Knoten, die prominent geworden sind, in bislang ungekanntem Maß zunimmt.

V.
Bei den sozialen Netzen könnte man über sehr viele der umgebenden Netze reden, etwa über politische Netze, oder wirtschaftliche Netze. Ich möchte hier jedoch von Musikvermittlung reden. Musikvermittlung bildet ein derartiges größeres, soziales Netz. Sie geht über die Musikvermittlung hinaus, die jedes Interpretenensemble unvermeidlich betreibt, wenn es seine musikalischen Vorstellungen im Spiel vermittelt.

Auf dieser Vermittlungsebene wird das Medium der Verständigung gewechselt, vom Klang zu einem anderen Medium. Auf dieser Ebene werden als Medium Sprache und Schrift, aber auch Leitungen und Sender verwendet. Es ist offen, welche Form ein vermittelnder Knoten hat - das kann ein Individuum sein, ein Verein, eine Abteilung, eine Organisation. Aber in jeder Form wird vermittelt, d.h. es wird der Zugang zu etwas ermöglicht, das erst sinnliche Wahrnehmung und dann sinnhafte Wahrnehmung ist.

Ich sehe vier Dimensionen, die für den Erfolg der Vermittlungvorgänge entscheidend sind, und die sich am Musikgeschehen selbst orientieren. Ich werde sie Ausdruck, Ausbreitung, Arrangement und Advocacy nennen.

Für den Ausdruck sorgt erst einmal ein Netzwerk von Musikern, die in losen und festen Kombinationen Musikwerke zur Aufführung bringen. In einem erweiterten Sinn tun das dann aber auch diejenigen, die einzelne Konzerte, Tourneen und Festivals organisieren und inszenieren. Hier beginnt also schon die Arbeit der Vermittlung.

Die Ausbreitung von Werken ist in einem sozialen Netz nie neutral, sie ist immer selektiv, was erst recht dann gilt, wenn die Mittel beschränkt sind. Derjenige, der verbreitet, wählt aus, was ausgebreitet wird. Das kann heißen: die Durchleitung von Aufnahmen, die Speicherung von Aufnahmen, Informationen über vergangene und zukünftige Klangereignisse. Mit digitaler Technologie erfolgt Ausbreitung maßgeblich über Zugang zu anderen Netzen. Dieser Aspekt ist besonders relevant für Vermittlung an Jugendliche. Jedes digitale Netz ist nur einen Link entfernt von allen Jugendportalen. Und dieser Link wird genau dann genutzt, wenn der Inhalt, der dahintersteht, fasziniert. Man muss also erreichen, dass Jugendliche irgendeinen Aspekt „cool“ finden, und die Freunde in ihrem sozialen, vielleicht auch digitalen Netzwerk darauf hinweisen, dass da etwas ist, was es wert ist, angesehen und angehört zu werden.

Wenn ich den Begriff „Arrangement“ verwende, dann meine ich damit etwas, was mir sehr wichtig ist: Umstände zu schaffen, in denen Neues entsteht. Derjenige, der vermittelt, oder das Netz, das vermittelt, kann nie dafür sorgen, dass Neues mit Sicherheit entsteht, aber es kann Umstände schaffen, in denen die Wahrscheinlichkeit, dass Neues entsteht, größer wird. Das kann heißen, bestimmte Menschen, Klänge, Themen, bestimmte Institutionen ins Spiel zu bringen – all das kann arrangiert werden, um Neues zu ermöglichen.

Advocacy umschliesst den Bereich der Aktivitäten, die den Klangereignissen im öffentlichen, insbesondere im politischen Raum Geltung verschaffen. Die Auseinandersetzung mit der immer wieder gestellten Frage der gesellschaftlichen Relevanz für Kunst im Vergleich mit anderen Bedürfnissen kann nicht vermieden werden. Advocacy baut auf der eigentlichen Vermittlungsarbeit auf, stellt sich darüber hinaus aber auf die besonderen Bedingungen der Medienwirksamkeit oder der Gesetzgebungsverfahren ein. Sie liefert auch Argumente für die Förderung des Kollektivguts Kunst durch öffentliche, private und Unternehmensgelder.

VI.
Zum Ende möchte ich auf die Musikvermittlungsnetze noch einen weiteren Knoten draufsetzen, einen Knoten der Vermittlung der Vermittlung. Und wie geht „Vermittlung der Vermittlung“? Was macht ein Knoten der Musikvermittlungsvermittlung zu seiner Aufgabe? eine Antwort könnte sein: Informationen, die für Musikvermittler interessant sind, wie z.B. Informationen über gelungene oder gescheiterte Maßnahmen, in einem Fachportal zur Verfügung zu stellen. Der Knoten könnte auch Vermittler ins Spiel zu bringen, etwa durch Wettbewerbe, um wiederum Arrangements schaffen, in denen Projektvarianten entstehen, ermöglicht werden oder auch erfunden oder vorgeschlagen werden. Der Knoten könnte auch seinerseits Musik dazu nutzen, um die Vermittler in irgendeiner Weise zu faszinieren und anzuleiten. Des weiteren könnte die Verbindung zu anderen solchen Superknoten hergestellt werden - in der Bildkunst, in der Literatur, im Theater, in den relevanten Wissenschaften – zu stiften, um von deren Arbeit etwas zu lernen, was sich dann weitergeben lässt an die anderen Vermittler. Und nicht zuletzt können einfach Orte der Begegnung für Vermittler geschaffen werden.

Jetzt fühlen Sie sich vielleicht doch noch gefangen in all diesen Netzwerken. Aber Netzwerke sind nur eine mögliche Perspektive. Ebenso ,wie die Zentralperspektive eine Seh- und Verständnishilfe ist, bietet sich die Netzwerkperspektive an. Sie erstreckt sich auf die ganze Welt, und wenn es um Kommunikation geht, umfasst dieses Netzwerk die ganze Weltgesellschaft. Es gibt andere Weltsichten, die Anderes offenbaren, aber die Netzwerksicht ist ohne Zweifel eine, die noch viele Erkenntnisse und viele gemeinsame Entdeckungen verspricht.



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