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NETZ - WERK - KUNST - WERK

Eingestellt am 12.02.2009

Vernetzung führt zu Knotenpunkten, an denen sich Akteure mit ihren individuellen Voraussetzungen und Potentialen in besonderer Weise an einem Markt darstellen und positionieren. Mit Hilfe von Netzwerk reagieren Akteure gleichzeitig auf ökonomische Engpässe und steigenden Konkurrenzdruck im Kunst- und Kultursektor. In der Kombination von Kompetenzen und Ressourcen entstehen komplexe Kommunikationsstrukturen zwischen Künstlern, Institutionen, Veranstaltern und Publikum. Die Einschätzung eigener Kontakte und Strategien, die Kontextualisierung unterschiedlicher Einzelinteressen sowie die Darstellung gegenseitiger Transfers erfährt in der aktuellen Diskussion um die Bildung fachspezifischer Netzwerke gesteigerte Aufmerksamkeit.

Das Symposium „HÖREN – SPIELEN - SCHAUEN“ in Bludenz (18.-20- September 2008) widmet seine Abschlussdiskussion der Debatte um Netzwerke. Anknüpfend an den Vortrag „Netzwerke & Musikvermittlung. (A-) Symmetrien der Anwendung“ von Prof. Dr. Michael Hutter (WZB Berlin) diskutieren. Prof. Dr. Ingrid Allwardt (netzwerk junge ohren, Berlin), Mag. Angelika Möser (Jeunesse Österreich, Wien), Mag. Marie-Therese Rudolph (KulturKontakt Austria, Wien), Dr. Michael Konzett (Kunstverein allerArt, Bludenz). Es moderiert Prof. Constanze Wimmer (Bruckner Uni, Linz).

(Prof. Constanze Wimmer)
Ich würde sehr gerne in dem Bild aus dem Vortrag von Prof. Hutter bleiben, dem Fußballspiel. Denn ich sitze hier eigentlich genau zwischen zwei Kapitäninnen von Spielmannschaften, wenn ich das Bild richtig verstanden habe, und vielleicht können Sie das auch noch einmal von außen spiegeln? Die eine Kapitänin ist die Generalsekretärin der Jeunesses, und die andere Kapitänin hat gerade ein Netzwerk gegründet, das netzwerk junge ohren. Das Netzwerk der Jeunesses ist schon etwas älter und deswegen möchte ich auch hier den Vortritt lassen. Es ist nämlich knapp nach dem 2. Weltkrieg gegründet worden, in einer Zeit, wo sehr viele kulturelle internationale Netzwerke gegründet worden sind, mit dem Wunsch, den Frieden auch mit Kultur zu sichern. So ist der Gründungsgedanke der Jeunesses glaube ich ein sehr emphatischer, aber das kann Angelika Möser besser erzählen…

(Mag. Angelika Möser)
Die Wiege der Jeunesses Musicales liegt in Brüssel. 1941 hatte Marcel Cuvelier als Generalsekretär der Brüsseler Philharmonie die ersten Konzerte für junge Menschen organisiert und 1946 in Paris die „Fédération Internationale des Jeunesses Musicales“ initiiert. Sein Wunsch war es, jungen Menschen zu sehr, sehr günstigen Preisen den Eintritt zu hochkarätigen Konzerten zu ermöglichen. Diese Idee hat sich dann sehr, sehr rasch über ganz Europa und letzten Endes dann die ganze Welt verbreitet. Die österreichische Jeunesses wurde von Egon Seefelder, dem damaligen Direktor der Wiener Konzerthausgesellschaft 1948/49 ins Leben gerufen, in den 50er Jahren folgten weitere. Auch der Grundstein für ein Jeunesses-Weltorchester wurde unter dem Gedanken der Völkerverständigung in dieser Zeit gelegt. Gemeinsam ist all diesen Organisationen der „non profit“-Gedanke, die Statuten, die jegliche Diskriminierung ausschließen und die Mission, die auf Englisch heißt: „to enable young people to develop through music across all boundaries“. In Österreich ist die Jeunesses heute der größte Konzertveranstalter mit 23 Geschäftstellen und 650 Konzerte von denen ungefähr ein Drittel reine Kinderproduktionen sind. In anderen Ländern setzt die Organisation andere Akzente.

(Prof. Constanze Wimmer)
Also ich denke, wir werden später noch ins Detail gehen, was die Jeunesses macht und welche Knotenpunkte sie stützt. Jetzt würde ich Ingrid Allwardt bitten, das netzwerk junge ohren vorzustellen, das ganz jung ist - ein Jahr alt. Wie kommt man dazu ein Netzwerk für Musikvermittlung aufzubauen? Welche Wünsche, Bewegungen, auch Bedürfnisse liegen einer solchen Initiative zugrunde?

(Prof. Dr. Ingrid Allwardt)
Ich knüpfe da direkt an Frau Möser an – das netzwerk junge ohren hat sich aus den Konzerten für Kinder, die 2000 von der Jeunesses Musicales Deutschland initiiert wurden. Das war eine erste Bewegung, ein Netzwerk über Konzerte für Kinder zu initiieren. Und wie das bei der Netzwerkbildung manchmal mit verschiedenen Tempi oder Dynamiken funktioniert, hat die Zeit danach eigentlich gezeigt. Es folgten verschiedenste Diskussionsforen und –tagungen. Stellvertretend möchte ich dafür die Tagung in Wildbad Kreuth 2006 anführen und vermute, dass 50% Prozent von Ihnen sogar dabei gewesen sind.
Hier entstand der Impuls, zu sagen, wenn wir jetzt weiter über Vernetzung und Ambitionen sprechen, aber nicht irgendwann tatsächlich Strukturen schaffen, dann können wir uns immer weiter unterhalten, aber dieses Netzwerk wird nicht entstehen können. So haben sich also verschiedenste Verbände zusammengeschlossen, federführend die Jeunesses Musicales, die Deutsche Orchestervereinigung, der Deutsche Musikverlegerverband, der Bundesverband Musikindustrie, aber eben auch der Schweizerische Musikerverband und die Sektion Kultur der Kulturgewerkschaft Österreich und im Mai 2007 das netzwerk junge ohren gegründet. Als Ort entschied man sich zunächst für Berlin, wo im Dezember 2007 das Büro eröffnet wurde. Seitdem sind wir von hier aus unterwegs, die Landschaft zu scannen, und herauszufinden, wo Impulse stärker sind, wohin Tendenzen gehen, was man aufgreifen kann, wohin Informationen schneller gelenkt werden können, als es vielleicht vorher über den normalen, bisherigen Weg ging. Wir versuchen seitdem, über verschiedenste Spielmittel, die ich gleich auch noch kurz vorstellen möchte, ein Kommunikationsnetzwerk für den Bereich Musikvermittlung herzustellen. Das ist eine große Aufgabe und dessen sind wir uns sehr bewusst. Wir haben uns im Gespräch mit unseren verschiedenen Trägern und Fachbeiräten verständigt, ein Internetportal zu einem unserer Hauptspielmittel zu machen. Dies ist seit Juni 2006 online und erfüllt zwei Funktionen: Einerseits können alle, die im Bereich Musikvermittlung umtriebig sind, sich mit ihren Institutionen vorstellen und quasi ihre Visitenkarte abgeben. Zusätzlich bieten Projektdarstellungen vertiefte Einblicke in die Musikvermittlungspraxis im gesamten deutschsprachigen Raum. Es wird sichtbar, wie Projekte konzeptionell und finanziell aufgezogen sind, welche Kooperationspartner es gibt und welche Anspielmöglichkeiten, aber auch welche Schwierigkeiten. Dieses ganze kommunikative Netzwerk wird auf der anderen Seite gestützt durch ein fachliches Magazin, das klassischen Formaten folgt. Ein weiteres Spielmittel ist der junge ohren preis, von dem Sie sicherlich auch schon alle gehört haben und ich musste gestern innerlich etwas schmunzeln, denn alle Projekte, die den junge ohren preis bekommen haben, waren in den Diskussionsrunden gestern präsent. Als Beispiel für die Strahlkraft einer solchen Prämie kann ich beispielhaft auf das Projekt Windrose von Irena Müller-Brozovic hinweisen, das jetzt aufgrund der entstehenden Netzwerkstrukturen nach Hamburg wandert, um dort in einer anderen Situation Ähnliches vorzustellen.

(Prof. Constanze Wimmer)
Dr. Michael Konzett ist Obmann vom Verein allerArt und Wirtschaftsanwalt. Er gilt als der „Vater“ der zeitgenössischen Musik und der zeitgenössischen Kunst in Bludenz, der hier ungeheuer viel ermöglicht. Er war außerdem beteiligt an der Arbeitsgruppe, die den Entwurf zum neuen Kulturförderungsgesetz in Vorarlberg ausgearbeitet hat, das nun den Kulturvermittlungsaspekt beinhaltet. Welche Netzwerke werden mobilisiert, um ein solches Gesetz in Paragraphen zu gießen?

(Dr. Michael Konzett)
Ich glaube, die Vorgangsweise, die sich bei der Entwicklung des neuen Kulturförderungsgesetzes im Land abgezeichnet hat, ist schon der Ausdruck von Netzwerken. Es ist – für mich jedenfalls – ein Novum, dass die Politik hergeht und Außenstehenden die Möglichkeit einräumt, selbständig auf einem Gebiet, auf dem sie tätig sind, auch delegistische Arbeit zu leisten. Bisher ist das immer von oben verordnet worden und dann den Anderen aufs Haupt gedrückt worden. Hier hat man glaube ich mutiger einen neuen Weg beschritten, und hat es ermöglicht, sich ohne irgendwelche Vorgaben an diese Arbeit zu machen und die eigenen Ideen einzubringen. Da stellt sich jetzt für mich die Frage: woher nehmen die Personen, die dann in diesem engen Kreis an dieser Tätigkeit arbeiten, eigentlich wiederum den Input, den sie dort einbringen? Wollen sie egoistisch eigene Ziele verwirklichen oder geht es ihnen darum, andere Seiten einzubeziehen? Ich glaube, man hat hier eine vernünftige Vorgangsweise in der Art gewählt, dass man zunächst versucht hat, in größeren Foren die Ideen und Wünsche zu sammeln, und dann dieses Sammelwerk den Personen übergeben hat, die die nähere Arbeit geleistet haben. Dennoch gab es Spannungsfelder: einerseits waren die Ansätze und Interesse der gewählten Fachleute durchaus heterogen. Im Einsatz durch die Verwirklichung ihrer Ideen trafen die externen Mitarbeiter dann auf die Vertreter der Behörde, die Legistiker, die in vorauseilendem Gehorsam sich dem verpflichtet fühlten, was von vornherein politisch akzeptabel und umsetzbar ist. Ein Beispiel ist die Selbstverpflichtung des Landes in der Aufgabe der Kulturvermittlung. Dies in eine Form zu bringen und dabei die verschiedenen Netzwerke und ihre Interessen einzubeziehen, hat viel Zeit und Auseinandersetzung in Anspruch genommen.

(Prof. Constanze Wimmer)
Wie wirkt die Verpflichtung des Landes zur Kulturvermittlung auf die Bewilligung von Fördergeldern aus? Muss ein Orchester, dass einen Antrag auf Förderung stellt, damit rechnen, dass es vom Land gesagt bekommt „Ja, du kriegst von uns Förderungen, wenn du den Kulturvermittlungsaspekt berücksichtigst.“? Das würde uns eben in die Richtung der englischen Modelle bringen, dass öffentliche Subventionen nur an Kulturveranstalter vergeben werden, wenn von diesen Institutionen Vermittlungsarbeit geleistet wird.

(Dr. Michael Konzett)
Ich glaube, so weit geht die Ausrichtung noch nicht, aber ich will den wesentlichen Aspekt hier noch einmal erwähnen: Erstmals ist die Vermittlung als solche in dieses Gesetz hineingekommen. Sie ist ein Ziel und soll gefördert werden. Darin sehe ich ein Umdenken. Nicht allein Aufführungen oder einzelne Künstler werden von der öffentlichen Hand begünstigt, sondern auch die Kulturvermittlung wird zum gesetzesverankerten Ziel.

(Prof. Constanze Wimmer)
Marie-Therese Rudolph ist im Verein KulturKontakt Austria für Musik zuständig. Welche Netzwerkarbeit leistet KulturKontakt Austria in ganz Österreich und insbesondere für den Bereich Musik?

(Mag. Marie-Therese Rudolph)
Kulturkontakt Austria besteht ganz grob aus drei großen Abteilungen, und die, die für uns hier am relevantesten ist, ist die Abteilung für Kulturvermittlung. In dieser Abteilung haben wir für die einzelnen Sparten ein BeraterInnen-Team. Ich bin für Musik zuständig, es gibt auch Bildende Kunst, Architektur, Design, auch einen eigenen Berater für Lehrlinge und wir versuchen, mit den unterschiedlichsten Fördermodellen den Zugang zur Kulturvermittlung zu ermöglichen. Die größte Förderschiene ist eigentlich die, die alle Schultypen in Österreich betrifft, also von Berufsschulen, Volksschulen bis hin zu höheren, berufsbildenden Schulen. Da ist eben, was auch in den letzten Tagen immer wieder zur Sprache gekommen ist, dass es sehr unterschiedliche Zugänge zu Kultur- und Musikvermittlung gibt, von ganz kleinen bis hin zu großen Projekten und mir persönlich – und ich denke, da sind wir uns im Großen und Ganzen einig – ist eine gewisse Vielfalt in diesem Bereich wichtig; und die wird durch diese Förderungsschiene ermöglicht, indem jeder einzelne Künstler in Österreich mit jedem einzelnen Lehrer ein gemeinsames Projekt entwickeln kann, und dieses wird dann von uns unterstützt, sofern unsere Gelder ausreichen.

(Prof. Constanze Wimmer)
Ich denke, die Netzwerke der Jeunesses und des netzwerk junge ohren sind für uns sehr gut vorstellbar. Beim KulturKontakt wird versucht die Lehrer, die ja wichtige Ansprechpartner für die Vermittlungsarbeit sind, untereinander zu vernetzen. Dadurch soll die Vereinzelung im Kontakt zwischen Kulturschaffenden und Lehrenden oder Kulturvermittlern und Lehrern aufgehoben werden. Wie belebt Ihr diese Netzwerke?

(Mag. Marie-Therese Rudolph)
Wir sind nicht nur eine Fördereinrichtung, sondern gleichzeitig eine Service- und Beratungseinrichtung. D.h. wir sind zu gewissen Zeiten telefonisch oder per E-Mail erreichbar, man kann mit uns reden, wir können Künstler empfehlen, wir geben Lehrern auch Unterstützung in der Planung, in der Künstlerauswahl oder überhaupt in dem, was ja auch das Thema ist: Musikvermittlung. Wir haben auch eine Zeitschrift, in der wir interessante Projekte vorstellen, wir haben Newsletter und wir machen jetzt auch wieder verstärkt Veranstaltungen für Lehrer. Mittlerweile gibt es ja auch einen Ausbildungsbereich für Musikvermittlung und Kulturvermittlung. In den unterschiedlichsten Ebenen tut sich da sehr viel, wir sind überall dabei und versuchen zu vernetzen.

(Prof. Constanze Wimmer)
Herr Prof. Hutter, diese Spieler im Feld, das sieht ja sehr demokratisch, unhierarchisch und partizipativ aus – dennoch stellt sich auch hier die Frage, welche konkreten wirtschaftlichen Interessen dahinter stehen. Hinter dem netzwerk junge ohren stehen die Musikverleger und Gewerkschaften sicherlich nicht unzufällig und auch wenn die Jeunesses eine Non-Profit-Organisation ist, muss sie ja doch Geld verdienen mit den Konzerten, die sie macht. Auch hinter ihr stehen Agenturen, Orchester und Veranstalter, die sehr daran interessiert sind, dass dieses Netzwerk blüht.

(Prof. Dr. Michael Hutter)
Ich will darauf sehr direkt antworten. Ich habe den Eindruck, Sie bewegen sich primär in einem sehr geschützten Raum. Sie bewegen sich in dem öffentlichen Raum, in dem sich die subventionierte Musik abspielt. Sie arbeiten mit relativ geringen Mitteln, daran sind Sie gewöhnt und damit kommen Sie auch aus – aber das ist es dann auch. Und draußen findet dann die wirkliche wirtschaftliche Schlacht statt: Universal und Warner Brothers etc. - da geht es dann wirklich um etwas. Also insofern brauchen Sie sich keine Sorgen machen, solange Sie zufrieden sind mit dem, was Sie da tun. Man kann jetzt hier mit unterschiedlichen Unterscheidungen operieren, also die eine Unterscheidung ist die zwischen öffentlich und privat, und da ist es meines Erachtens schon ein weiteres konservatives Element, das in diesem öffentlichen Bereich die Gewerkschaften sehr stark sind, deswegen, weil ihnen in dem Sinn keine privaten Arbeitgeber gegenüberstehen, sondern Beamte, die machen, was politisch kompatibel ist und damit hat sich die Geschichte. Das konserviert Strukturen, im Orchester bis in die Instrumente hinein! Es bleibt wie es war, denn „dann wissen wir, was wir haben“. Und das macht es noch schwieriger, aus diesem Bereich herauszukommen. Privat vs. Öffentlich ist die eine Unterscheidung; die andere Unterscheidung ist die zwischen Alt und Neu. Sie konzentrieren sich stark auf altes Repertoire, und wenn es neu ist, dann ist die zeitgenössische E-Musik gemeint, die letztlich auch damit kompatibel ist. Das stellt Sie natürlich vor unglaubliche Vermittlungsprobleme, weil Sie ja über Jahrhunderte hinweg die Verbindung schaffen müssen, insbesondere bei jungen Menschen. Dazu kommt die dritte Unterscheidung zwischen E und U - also nicht nur alt, sondern sogar ernst. Noch schlimmer. Dabei könnte man das auch ein bisschen anders schneiden, man könnte sagen: es geht uns tatsächlich um komplexe musikalische Strukturen und Kunst im Sinne von Virtuosität und Bedeutungsschichten. Die sind schwierig – das müsste sich aber nicht notwendigerweise mit „alt“ verbinden. Das könnte sich sogar mit „Pink Floyd“ verbinden, oder mit noch neueren Sachen, die da passieren. Das würde dann aber bestimmte Grenzen einreißen und sobald Sie sich an solche Grenzen hinbewegen, kriegen Sie Ärger. Solange Sie dies aber nicht tun, geht es so weiter wie bisher.

(Prof. Constanze Wimmer)
Ein Europäisches Netzwerk von Kulturfestivalveranstaltern gefunden hat seiner Jahrestagung 2007 den Titel: „give – get – or get off“ gegeben. Also: „geben –nehmen - oder gehen“. Oft wird mit viel Engagement und Impetus ein Netzwerk gegründet, ist aber dann nicht langfristig lebendig, weil die einzelnen Knotenpunkte nicht aktiv sind, also Informationen nicht einbringen und weitergeben und sich mit den anderen auch nicht wirklich vernetzen. Das ist dann ja in Ihrem Sinn gar kein Netzwerk, sondern vermutlich irgendetwas Anderes? Frau Dr. Allwardt, was ist die Strategie des netzwerk junge ohren, dass die Teilnehmer sich nicht für „get off“ entscheiden?

(Prof. Dr. Ingrid Allwardt)
Bevor man sich zum „get off“ entscheidet, muss man sich ja zunächst dafür entschieden haben. Weil wir noch jung sind, stehen wir jetzt an dem Punkt Teilnehmer und Partizipatoren zu finden, zu interessieren und zu gewinnen. Wer will dieses Netzwerk bilden, das ja mit seinen Teilnehmern wächst? Unsere Aufgabe ist es, herauszufinden, welche Kommunikationsstrukturen einer Stärkung bedürfen. So gesehen bieten wir kein fertiges Produkt, sondern stehen der Szene in ihren Bedürfnissen bereit. Interessant zu beobachten ist dabei, dass diejenigen, die als freischaffenden Künstler oder Institutionen gewohnt sind, mit dem Hintergrund eines Netzwerkdenkens zu agieren, viel schneller die Bereitschaft signalisieren, sich so einem Gebilde anzuschließen. Die „großen etablierten Tanker“, die schon seit Ewigkeiten auf ihrem Kurs fahren, fragen dagegen immer erst: was nützt uns das jetzt eigentlich wirklich? Und da kann man natürlich bestimmt Punkte anbringen und deutlich machen, welche Informationsstrukturen das netzwerk junge ohren bietet und welche Optionen eine mögliche Teilnahme beinhaltet – auch und gerade in der Mitgestaltung des Netzwerks.

(Prof. Constanze Wimmer)
Bei den Lehrern ist es ja oft ähnlich, es gibt z.B. Lehrerstammtische. Was motiviert Lehrer, zu solchen Netzwerken hinzuzukommen? Was motiviert sie über das Kulturerlebnis mit den Schülern hinaus, dass sie an einem Netzwerk, Kulturstammtisch o.ä. teilnehmen?

(Mag. Marie-Therese Rudolph)
Ich denke, da kommen unterschiedliche Punkte zusammen. Der wichtigste ist sicher einerseits Erfahrungsaustausch, der andere ist glaube ich, dass ein Grossteil der Projekte nicht möglich ist, wenn nicht ein engagierter Lehrer dabei ist. Und engagierte Lehrer gibt es mehr als man denkt. Der Lehrberuf wird einfach immer schwieriger und gleichzeitig wird es immer reizvoller, gemeinsame Erlebnisse, die über den Schulalltag hinausgehen, zu ermöglichen.

(Prof. Constanze Wimmer)
Die Potenz eines solchen Lehrers wäre dann ja fast noch ein Geschäftsstellenleiter der Jeunesses. Die 23 Geschäftsstellen der Jeunesses sind ehrenamtlich besetzt. Die Geschäftsstellenleiter agieren als Konzertveranstalter vor Ort und erhalten dafür kein Geld. Viele von ihnen sind Lehrer, die neben ihrem anstrengenden Schulalltag Konzerte veranstalten und Musik vermitteln – warum machen die das?

(Mag. Angelika Möser)
Die Jeunesses ist nicht nur in den Landeshauptstätten tätig und gerade in kleineren Orten ist es auch schon etwas, der Konzertveranstalter zu sein. Das geht ja über das Kinderprogramm hinaus mit einem Abendprogramm, Kammerkonzerten zur Förderung junger Künstler und Ensembles, die wir durch Österreich touren. Mit dieser ehrenamtlichen Struktur ist das zugegebenermaßen auch nicht immer einfach und in den letzten Jahren haben wir uns doch bei der Neugründung von Geschäftsstellen eher an bestehende Strukturen und Veranstalter angeschlossen. Die Jeunesses steuert in solchen Partnerschaften die Produktionen für das Kinderprogramm bei, was ein Garant für Qualität ist und auch für die Künstler interessant ist, weil sie viele Auftrittsmöglichkeiten haben. Wir sind jetzt wirklich ein großer, professioneller Konzertveranstalter und haben uns von den ersten Pionierjahren weit entfernt. Es gibt zwar noch althergebrachte Geschäftsstellen in denen das ehrenamtliche Prinzip bestens funktioniert und Geschäftsstellenleiter schon 15, 20 Jahre dabei sind. Aber es wird schwieriger mit dieser ehrenamtlichen Struktur, das möchte ich schon sagen.

(Mag. Marie-Therese Rudolph)
Wir bei KulturKontakt versuchen auch schon sehr lange, beim Ministerium eine Möglichkeit zu finden, gerade bei größeren Projekten auch den Lehrern etwas zukommen zu lassen, um auch den Mehraufwand geltend zu machen, der in der normalen Arbeitszeit nicht abgedeckt werden kann. Dieses Problems sind wir uns sehr bewusst. Ich würde außerdem gerne noch einmal zu Netzwerken zurückkehren: Lehrerstammtische werden von einer gewissen Solidarität und einem Gemeinschaftsgedanken getragen. Wie verhält es sich denn in Netzwerken, gerade wenn man Projekte präsentiert: ist da nicht auch Konkurrenz? Was passiert, wenn kleine Initiativen im Sinne des Netzwerkgedankens handeln und andere nur abgreifen? Ist das ein Thema?

(Prof Dr. Ingrid Allwardt)
Doch, klar, das ist ein Thema. Die Frage der Konkurrenz sitzt in jedem Kopf und wir können nicht in Köpfe reingehen und da den Virus des Konkurrenzgedankens rausziehen. Wir möchten aber trotzdem dazu anregen, Projekte oder Ideen soweit vorzustellen und den Gedanken mitzutragen, dass a) ein Projekt sowieso nie 1:1 kopiert werden kann, denn solche Projekte können eigentlich nur in Konzepten und Ideen übertragen werden. Und b) vielleicht auch so zu denken, dass jede Kopie eines Projektes die beste Bestätigung eines Projektes ist. Unsere Idee ist: Sieht man ein bestimmtes Projekt, von dem man glaubt, dass man es auf die eigene Situation übertragen kann, dann stellen wir Möglichkeiten bereit, mit dem jeweiligen Ansprechpartner oder Team in Kontakt zu treten. Es geht uns darum, ein offenes System aufzubauen, das in der Vorstellung einer Art „schwebenden Kapitals“ funktioniert. Natürlich wird uns die Frage gestellt, wie viel man von sich preisgeben darf. Und natürlich werden da Ängste deutlich, dass einem etwas weggenommen wird. Häufig wird aber zugleich deutlich, dass die Ängste an anderer Stelle sitzen. Das hat viel mehr mit Identität zu tun als mit dem, dass Projekte von Ort zu Ort wandern.

(Prof. Constanze Wimmer)
Gibt es aus dem Publikum schon das Bedürfnis, mit uns zusammen zu diskutieren?

(Publikum 1)
Hier ist die ganze Zeit von Musik die Rede, und ich weiß eigentlich immer noch nicht, von welcher Musik die Rede ist. Reden wir hier von im engeren Sinne klassischer Musik oder reden wir hier von allen Bereichen der Musik, reden wir von der subventionierten Musik, wovon sprechen wir hier? Ich würde gerne einen ganz kurzen Kommentar ablassen zu dem, was in dem Vortrag kurz vorkam in Bezug auf die Live-Konzerte. Der Bereich der Popmusik ist ungeheuer attraktiv. 80%, manche sagen sogar 90% der Konzerttätigkeit im populären Bereich wird abgedeckt von vielleicht 10% der Künstler. Der Rest ist der „long tale“. Ist das ein Thema, in diesem Bereich auch?

(Mag. Angelika Möser)
Also, soweit es die Jeunesses betrifft, sprechen wir von im weitesten Sinne klassischer Musik. Wir bewegen uns nicht in der Pop- und Rockszene. Ich glaube, das können andere besser.

(Prof. Dr. Michael Hutter)
Ich glaube auch, dass wir hier von typischen „long tale“-Aktivitäten sprechen. Das was in diesem Bereich passiert findet nicht sofort Attraktivität und wird auch nicht entsprechend gepusht. Dabei sind die Umstände, insbesondere in technischer Hinsicht äußerst günstig. Man bewegt sich in dem Bereich „ernst“, „alt“ und „öffentlich“ – aber das Öffentliche ist auch soviel billiger geworden. Vor 50 Jahren verfügte nur IBM über Maschinen, die heute jeder Jugendliche mit 13 auf seinem Schreibtisch stehen hat. Die Komplexität der Informationsstrukturen, die uns umgeben, war vor 10 Jahren undenkbar. Gerade diese Zugänge unterlaufen das Wirtschaftssystem, das immer auf Asymmetrie baut. Die Probleme der Musikindustrie resultieren daraus, dass Netzwerkstrukturen zwischen „peers“ die Struktur, auf der sie ihre Hegemonie aufgebaut hat, unterlaufen. Gleichwohl besteht nach wie vor Asymmetrie, das zeigen Statistiken von filesharing-networks: 10% machen 90% der Kontakte, der Rest saugt ab und gibt nichts rein. Absauger und Reingeber finden Sie sozusagen in jeder Umgebung, in der Sie sich bewegen.
Zeitweise öffnen sich aber auch die Bereiche, die normalerweise nebeneinander existieren, füreinander. Zum Beispiel dann, wenn hochkomplexe Musiken in Filmen vorkommen, die für Jugendliche interessant sind. Das wird dann plötzlich wahrgenommen, dass da etwas anders las normal klingt und sie schalten von „alt“ auf „neu“ und wieder zurück von „unterhaltsam“ auf „ernst“. Und unter Umständen sogar auf „privat“ – und wenn man nicht nur öffentliche Stellen, sondern auch Private erreicht, dann ist man schneller als jede Institution.

(Prof. Dr. Ingrid Allwardt)
Ich würde da gerne sofort anknüpfen und für die Musikvermittlung sprechen: Denn gerade in diesem Feld liegen Möglichkeiten, die Abgrenzungen zwischen „ernst“ und „unernst“ und „alt“ und „unalt“ aufzubrechen. In der Entwicklung neuer Formate, die flexibler sind als der etablierte Konzertbetrieb, liegen Chancen sowohl junge Menschen - „junge Ohren“ – als auch alte, jung gebliebene Ohren spielerisch anzusprechen. Da sind natürlich auch die Schnittstellen zur zeitgenössischen Musik, zu Medienkunst und Sounddesign hochinteressant.

(Publikum 2)
Ich habe eine Frage, die sich insbesondere an Herrn Hutter wendet. Ich fand es sehr erhellend, wie Sie die Eigendynamik von Netzwerken beschrieben haben. Wie sich innerhalb von Netzwerken Präferenzen ausprägen und wie aus Knotenpunkten richtiggehende Drehkreuze werden. Darin wird ja deutlich, was unser Wunsch ist: unsere Themen so zu positionieren, dass sie eine stärkere Aufmerksamkeit bekommen. Wir stehen da ja auch in Konkurrenz. Und im Fall der Musikvermittlung muss man sich dann auch noch fragen, ob es allein darum geht. Denn ein Stück wie „Peter und der Wolf“ erhält ja hohe Aufmerksamkeit und es ist ja gerade nicht Aufgabe der Musikvermittlung sich an Etabliertem zu orientieren.
Und gleichzeitig wollen wir den Fokus in der kulturpolitischen Debatte lenken. Wie kann man das schaffen, dass man einen Knotenpunkt, ein Thema, eine Initiative so ausbaut, dass sie zu einem Drehkreuz wird, also wie kann man die Aufmerksamkeiten steuern an der Stelle? Was macht einen Knotenpunkt attraktiv?

(Prof. Dr. Michael Hutter)
Hier geht es um Beratertätigkeit und die ist kostenpflichtig. (Gelächter) Aber die ehrlichere Antwort wäre: wenn es pragmatisch wird, dann kenne ich mich nicht mehr gut aus. Ich kann es also nur auf einer abstrakteren Ebene verfolgen. Da möchte ich eine Dimension aufgreifen, die bei meinen Bildern noch gar nicht so in den Blick geraten ist. Bisher haben wir von ganz primitiven Netzen gesprochen. Jetzt geht es um Fragen der Platzierung und die Dimension der Entfernungen innerhalb eines Netzes. Angewendet auf Ihre Frage heißt das: Sie können als Vermittler eine bestimmte Qualität haben, die Sie attraktiv macht für Andere. Sie sagen völlig richtig, Sie bewegen sich in einer Konkurrenz der Aufmerksamkeit. Um diejenigen zu erreichen, die Sie ansprechen wollen, z.B. Jugendliche, müssen Sie deren Aufmerksamkeit gewinnen, damit wahrgenommen wird „oh, da passiert ja tatsächlich übermorgen irgendetwas, das klingt interessant, da gehe ich vielleicht hin.“ Das erreichen Sie durch eine gewisse Reputation, indem Ihre Internetseite o.ä. angespielt wird, wenn man erfahren will, wo etwas passiert. Oder Sie stellen Nähen her, indem Sie Bereiche aneinander rücken, Arrangements stiften, von denen Ihre Angebote profitieren. Dass also bei Ihnen Sachen sind, die nicht auf den ersten Blick zusammengehören, aber auf den zweiten Blick. Und die dadurch auch demjenigen, der da hinschaut, das Gefühl geben, das hätte er selber entdeckt. Er selber ist darauf gekommen, dass da etwas zusammengehört, was in dieser Ursprungskonstellation gar nicht zusammengehörte. Mehr kann ich aus meiner Position gar nicht sagen. Was das für Sie praktisch bedeutet, müssen Sie wissen. Sie müssen diese Art von Entsprechung finden, ausprobieren, und sehen, welche funktioniert. Und sie, das wäre noch ein weiterer theoretischer Gedanke, systematisch wechseln. Zeitliche Prozesse laufen immer in Oszillationen, immer im auf und ab. Und diesem „auf und ab“ müssen Sie Raum geben. Wenn Sie etwas haben, das funktioniert, nach einem halben Jahr ist es durch. Sie müssen etwas Anderes bereits laufen haben, das wieder aufgegriffen werden kann. Sie müssen in kleinen Wellen denken und in großen Wellen denken. Und wenn Sie diese Wellen erreichen, dann können Sie etwas machen, was immer die Opportunität der Überraschung birgt und Ihnen deswegen die Aufmerksamkeit derer sichert, die an Überraschungen interessiert sind.

(Publikum 3)
Ich möchte mich aus künstlerischer Sicht an den Ökonomen wenden und auch an Ingrid Allwardt anknüpfen. Mir geht es um den Austausch von Formaten. Bisher hat man in der Kunst vom „Originalgenie“ gedacht, jeder macht sein Kunstwerk, sein Copyright. Jetzt kommen wir in diese Netzwerkzeiten. Da scheint die Alternative zu sein: ich mache es ganz umsonst, bereichere ein Netzwerk, was mich aber Zeit kostet, in der ich nichts verdiene. Oder aber ich setze darauf, als Künstler oder Berater gebucht zu werden und nehme dafür Honorar. Gäbe es da nicht eine Zwischenstufe, ähnlich dem Shareware-Prinzip? Indem man z.B. ein Format zur Verfügung stellt, möglicherweise in Zusammenarbeit mit Verlagen, und dann eine Mini-Lizenzgebühr erhält, die aber eben nicht 10%, wie bei Theater- oder Musikwerken kostet, sondern vielleicht ein oder zwei Prozent.

(Prof. Dr. Michael Hutter)
Damit sprechen Sie ein komplexes Thema an, dass sich jetzt adäquat gar nicht wirklich beantworten lässt. Ich will die beiden klassischen Herangehensweisen skizzieren: a) Meine Strategie ist die, mein ganzes Handeln darauf auszurichten, dass ich in absehbarer Zeit zum asymmetrischen Knoten werde. Durch das, was ich ins Netz gebe, verschaffe ich mir meine Reputation und habe ein gewisses Monopol auf das, was ich kann. Das ist eine gängige Strategie, die auch für 10% funktioniert – die Anderen bleiben dabei auf der Strecke. b) Die zweite Strategie ist allen bekannt: die Unterscheidung von Spiel- und Standbein, von Brotberuf und künstlerischem Beruf. Sie müssen immer wissen: Künstler und Kreative bewegen sich in Berufsfeldern, die unmittelbare, direkte Befriedigung geben. Dafür muss man etwas zu zahlen bereit sein. Wer das nicht will macht Buchhaltung, und zwar 100% der Zeit. Wenn Sie nicht bereit sind, 100% der Zeit Buchhaltung zu machen, sondern 50% der Zeit Musik oder Theater oder Wissenschaft betreiben möchten, dann müssen Sie halt die anderen 50% der Zeit Klavierstunden geben, oder Erstsemester ausbilden, oder irgend sonst etwas machen. Das muss man dann auch akzeptieren.
Sie suchen jetzt mit Recht eine Möglichkeit, die in gewisser Weise dazwischen liegt. Und das würde heißen: kleine Netze. Netze, die zwar davon leben, dass man nicht nur selber etwas macht, sondern dass andere mit reinspielen, aber die trotzdem so sehr eigenständig und erkennbar sind, dass sie Merkmale haben, die schwer imitiert werden können. Merkmale, die genau deswegen von anderen in einer Weise nachgefragt werden können, die auch bezahlt oder mit einer Gegengabe abgegolten wird. Dafür müsste man dann Merkmale finden, die entweder nicht imitierbar sind. Oder, die andere Variante, die ethisch-moralisch so aufgeladen sind, dass man sie nicht klauen mag. Oder dass die Tatsache, dass sie geklaut sind, so deutlich ist, dass sie von Anderen sanktioniert wird. In dem Bereich bewegen Sie sich.
Und Sie bewegen sich quasi unterhalb der legalen Schwelle, weil meines Erachtens das Urheberrecht eine Phase durchläuft, in der man versucht, etwas zu verteidigen, was so nicht mehr zu verteidigen ist, und was über kurz oder lang seine Existenz aufgeben wird. Ein Beispiel ist der Kopierschutz, wo es dann Wettbewerbe unter Jugendlichen gibt, ob sie zwei Stunden oder zwei Tage brauchen, bis sie ihn geknackt haben. Also: das wird nichts mehr. Wir bewegen uns in einem neuen Feld, das ist wirklich unsortiert, und weder auf wissenschaftlicher, noch auf praktischer Seite gibt es dafür interessante Lösungen. Ein Gedanke vielleicht noch. Stichwort: „open source“. Das ist ja auch eine Variante von sharing, wenn Sie so wollen. Man entwickelt gemeinsam etwas, das dann als komplexes Programm zur Verfügung steht. Aber auch da ist es so, dass die Beteiligten ihrer Kreativität freien Lauf lassen, aber ihr Geld woanders verdienen. Möglicherweise erwerben sie dadurch auch Reputation, die sich später auszahlt. Aber auch da bewegen Sie sich an dieser Kante und es gibt keine andere Lösung, als sich in diesen Zwischenfeldern zu bewegen und kleine Unterschiede zu nutzen, um dadurch Vorteile zu sichern.

(Publikum 3)
Wir sind als Theater Heidelberg ja bereits über den junge ohren preis Teilnehmer des netzwerk junge ohren. Und gerade kommt mir auch ein Aspekt, der dem Netzwerkgedanken aufhelfen könnte. Denn die Bereitstellung eines Formatbaukastens ist ja wünschenswert. Vielleicht kann das aber im Sinne von „copy left“ geschehen. Wenn man dann daraus etwas übernimmt, könnte man das mit dem Hinweis „nach einer Idee von XY durch das netzwerk junge ohren“. Das könnte ja auch dem netzwerk mehr Öffentlichkeit verschaffen. Und ich wäre gern bereit in meinem Theater dafür zu kämpfen, dass im Programmheft diese eine Zeile, die nichts kostet, frei geräumt wird und so Aufmerksamkeit erzielt wird für ein Netzwerk und für eine Idee.

(Prof. Dr. Ingrid Allwardt)
Herzlichen Dank für den Hinweis und die Vorlage. Ich möchte kurz deutlich machen, wie die Darstellung von Projekten und Profilen innerhalb des netzwerk junge ohren erfolgt, damit eben genau dieser Punkt zum Tragen kommt. Zunächst gibt es jene, die sich als Teilnehmer dem netzwerk junge ohren anschließen. Sie bekommen mit ihrem Log-in umfangreiche Informationen, insbesondere auch zu Konzeptionen, die hier bereitgestellt werden. Darüber hinaus stehen sie in einem persönlichen Kontakt mit dem Netzwerkbüro und anderen Teilnehmern. Nicht-registrierte Besucher können sich ebenfalls an das netzwerk wenden, sie können sich auch als „Spaziergänger“ auf www.jungeohren.com bewegen, sehen da aber nur einen Ausschnitt, der auf das Dahinterliegende verweist. Somit gibt es an dieser Stelle einen geschützten Rahmen für den Austausch von Formaten für die Teilnehmer.

(Prof. Constanze Wimmer)
Ich möchte da einen weiteren Aspekt ansprechen. Ein Werk oder Format wie „Peter und der Wolf“ ist schon durch seine Bekanntheit geschützt. Allein dadurch ist es davor geschützt, kopiert zu werden und jeder, der das versuchte, bekäme Problem mit dem Verlag. Musikvermittlungsprojekte hingegen sind sehr komplex, auch in ihrer Herkunft. Ich denke z.B. an das andere Siegerprojekt des junge ohren preis 2007 - „Windrose“. Es basiert auf der Response-Idee, die ihre Wurzeln in den 70er Jahren in England hat. Und auch der Response-Gedanke kam ja nicht aus dem Nichts. Ich denke, das Originelle all unserer Musikvermittlungsprojekte, liegt daran, eine Idee, die im Netz ist – in informellen oder formellen Netzen – für einen Ort so zu gestalten, dass es dort wirklich hin passt. Dass es dort mit den Kindern, mit den Schülern, mit den Künstlern auch wirklich was zu tun hat. Im seltensten Fall kann ein Format woanders noch mal genau so über die Bühne gehen. So bin ich sicher, dass die „Windrose“, die jetzt in Hamburg wiederholt wird, eine völlig andere „Windrose“ ist, als das Siegerprojekt, das in Basel im Konzert gewesen ist.

(Publikum 4)
Ich habe zwei Fragen. Erstens: inwieweit muss sich ein Knotenpunkt über seine Identität im Klaren sein, um ein attraktiver Knotenpunkt zu sein? Zweitens: Inwieweit muss man wissen, in welchem System man zum Knotenpunkt werden will? Bezogen auf Musikvermittlung müsste man fragen, will man ins Kunstsystem, ins ökonomische System, ins Jugendsystem oder Schulsystem (wobei diese ja auch nicht klar voneinander abzugrenzen sind…)?

(Prof. Dr. Michael Hutter)
Also ich habe ihre Frage jetzt so verstanden: Muss man wissen was man will um erfolgreich zu sein? Und meine Antwort wäre: Nein, aber es hilft. Was ich damit meine gilt für Individuen genau so wie für Organisationen. Es ist schon wahr, dass es oft eine Diskrepanz gibt zwischen dem was man meint, unbedingt wollen zu wollen und dem, was man an Feedback von Außen zurückkriegt. Man wird unter Umständen für Qualitäten geschätzt, die man selber gar nicht für so wichtig nimmt, während das, was man da unbedingt durchsetzen will, auf lauwarmes Interesse trifft oder auf höfliche Reaktionen. Und an der Stelle sollte man in sich gehen – auch in der Organisation – und sich fragen, wie gehen wir mit unseren Strategien um? Ist es so, dass wir ein bestimmtes Ziel haben und uns offenbar umorganisieren müssen, um es besser zu erreichen? Oder erfahren wir durch diese Rückmeldungen, dass wir etwas anderes besser können, weil wir in einer gewissen Situation sind, weil wir bestimmte Verbindungen haben, bestimmte Kenntnisse. Und stellen dann das, was wir tun um, um tatsächlich in dem gut zu sein, was wir einfach aus unseren Kompetenzen heraus besser machen können. Und wenn man dann diese Art von Kongruenz erreicht, zwischen dem, was man kann, und dem, was man dann erreicht, dann ist es für einen selber als Individuum/als Organisation und für die Umwelt ein deutlich angenehmeres Miteinandersein.

(Prof. Constanze Wimmer)
Dann würde ich jetzt ganz gern noch mal auf die Frage eingehen, warum wir uns eigentlich immer wieder darüber unterhalten, wozu wir Musikvermittlung betreiben. Ich glaube, dass es damit zusammenhängt, dass wir uns immer wieder darüber verständigen müssen, worüber wir reden, weil wir aus verschiedenen Berufsgruppen und verschiedenen Berufshintergründen kommen - in diesem Feld der Musikvermittlung. Und es finden ja jetzt gerade in diesen 10 Tagen drei Musikvermittlungssymposien statt. Eines in Berlin, eines in Detmold und das hier, und alle sehen sich immer wieder mit der Tatsache konfrontiert, dass Musikpädagogen, Künstler und auch Kulturmanager daran teilnehmen. Nicht unzufällig, weil das die Bereiche sind, in denen die Musikvermittlung blüht. Der Punkt warum wir noch nicht weiterkommen – aber ich bin da sehr hoffnungsfroh, dass das jetzt losgehen wird – ist, dass wir immer zuerst miteinander verhandeln, worüber wir überhaupt reden und knapp davor aufhören, wenn es darum geht, über welche Qualitätsbegriffe wir hier eigentlich sprechen, über welche künstlerischen Zugänge wir sprechen und wie wir überhaupt darüber sprechen können um uns dabei zu vernetzen.

(Publikum 5)
Dem möchte ich mich anschließen. Das ist sozusagen eine Erklärung dafür, warum wir uns immer noch intern hier in diesem Rahmen, wo es eigentlich selbstverständlich sein sollte, darüber unterhalten, wozu Kultvermittlung oder eben Musikvermittlung im speziellen Fall. Über den internen Rahmen hinaus entsteht der Legitimationsdruck aus der Notwendigkeit neue Dialoggruppen zu erreichen. Und da geht es eben um die öffentliche Hand, Fördergeber und öffentliche Aufmerksamkeit für das, was wir tun. Der zu vernachlässigende wirtschaftliche Druck, in dem wir operieren, geht einher mit einem großen öffentlichen Rechtfertigungsdruck für unsere Arbeit.

(Publikum 6)
Der wirtschaftliche Druck ist auch für Konzertveranstaltungen leider nicht zu vernachlässigen. An dieses Symposium und insbesondere den Vortrag von Prof. Hutter anschließend möchte ich sagen, dass es enorm wichtig ist, dass auch Leute zu solchen Symposien eingeladen werden, die von außerhalb unseres Kreises kommen, um neue Impulse einzubringen. Das ist mein Appell an zukünftige Symposien: Bitte ladet auch Leute von außerhalb unseres engen Kreises ein, damit wir wirklich eine Bereicherung haben. Danke.

(Prof Constanze Wimmer)
Ich würde mich damit gern von der inhaltlichen Debatte über die Netzwerke verabschieden und die Runde für ein Tagungs-Resümee öffnen.

(Publikum 7)
Ich hab noch eine Frage zum Netzwerk – ganz kurz – an Herrn Hutter: Wir werden immer 10% haben, die 90% des Geldes verdienen. Wie kann ein Netzwerk eine Struktur schaffen, in der diejenigen, die nicht zu den 10% gehören, überleben können?

(Prof. Dr. Michael Hutter)
Das gilt dann auch schon als mein Schlusswort. Im Grunde genommen ist es doch wie Dagobert Duck im Geldpool; man schwimmt da rum und hat die ganze Welt dieser Kulturkreationen um sich herum und darf sich damit befassen. Ich finde das auch bei mir – der ich mich mit Wirtschaft und Kunst beschäftige – einfach ein unglaubliches Privileg. Und man gibt dran, dass man reich wird, und man gewinnt diesen Reichtum an Möglichkeiten. Und ich glaube, dass gerade Menschen, die in der Kunstvermittlung arbeiten, so konstituiert sind, dass sie um diesen Reichtum wissen. Und dass sie etwas weitergeben wollen von den Empfindungen, die sie selber haben, von Erlebnissen die sie selber und mit anderen haben, und die wissen, dass das nicht einfach ist, weil die Effekte oft subtil und langsam sind und Zeit brauchen und atmen müssen. Das ist ja nicht ohne Grund ein Terminus, der immer wieder kommt, Raum zum Atmen zu geben. Und das tun Sie sozusagen an den Grenzen Ihrer finanziellen und zeitlichen Möglichkeiten. Und dann lebt man mit der Frustration, dass man nicht mehr machen kann, dass man nicht mehr Kraft hat, dass man vielleicht auch noch andere Verpflichtungen hat, aber man lebt gleichzeitig mit dem Gedanken, dass man ein Reichtumsvermittler ist. Dass man hier schwebendes Kapital verteilt, wenn es auch kein Aktienkapital ist. Sich in dem Bereich zu bewegen und dann eben – da stimme ich Ihrer Vorrednerin zu – zu versuchen, mit all denen auch Kontakt auf zu nehmen, die in ähnlichen Erlebniswelten sind und nicht nur die, die man bereits kennt, das ist eigentlich eine sehr schöne Situation.

(Mag. Angelika Möser)
„Wie bringen wir Jugend und Musik zusammen und wie finden wir einen neuen Zugang zur Jugend?“ Das bewegt uns ununterbrochen und für mich ist es spannend, mich mit dem auch immer wieder auseinander zu setzen. Als Veranstalter ist es einfach essentiell – wie gestern Vormittag – neue Produktionen zu sehen, sich damit auseinander zu setzen und best-practice-Austausch zu pflegen.

(Publikum 8)
„Musik vermitteln, wozu?“ ist für uns alle sicher nicht zu hinterfragen, sondern wir sind uns einig: es muss! Es ist wichtig! Aber dennoch ist die Frage wichtig, denn jeder hat ein anderes Verständnis von Musikvermittlung, je nachdem, aus welchem Bereich er kommt. Ich möchte gerade dafür eintreten, dass der individuelle Ansatz ein ganz wichtiger ist, der wirklich gepflegt werden sollte. Und, was mir sehr wichtig ist, weil einem jetzt im Großen und Ganzen immer von Jugend und Schülern als Zielgruppe gesprochen wurde. Im Sinne eines audience development geht, es für mich auch darum, auf andere Zielgruppen zuzugehen und ihnen die Hand zu reichen, damit auch diejenigen, die es vielleicht verlernt oder nie gelernt haben, das Hören wieder lernen.

(Prof. Constanze Wimmer)
Also ein Plädoyer auch für Erwachsenen-Musikvermittlung.

(Publikum 8)
Ja nicht nur Erwachsene, sondern eben auch gewisse Randgruppen.

(Prof. Dr. Ingrid Allwardt)
Ich möchte an das anknüpfen, was Sie schon gesagt haben, um daran noch mal deutlich zu machen, wofür das netzwerk junge ohren steht. Es steht nämlich nicht nur dafür, Musikvermittler untereinander in Verbindung zu bringen, sondern darum, andere Perspektiven einzunehmen. Und zwar auch solche, die sich Anleihen aus anderen Bereichen, wie z.B. der Wissenschaft holen und damit neue Kontexte und Bezüge herstellen, die den Bereich weiterbringen und auch festigen. Und dafür unter anderen steht eben ein netzwerk junge ohren.

(Dr. Michael Konzett)
Als ich mich entschlossen habe, als Co-Veranstalter die Einladung von Christoph Thoma für dieses Symposium anzunehmen, hatte das durchaus eine egoistische Begründung. Wenn man wie der Verein allerArt seit 20 Jahren hier in der Diaspora der zeitgenössischen Musik einen Raum bietet, dann stellt man sich manchmal schon die Frage: ist das auch schon Kulturvermittlung, ist das Musikvermittlung oder ist das eigentlich Musikgenuss mit einer gewissen Tangente zur Selbstbefriedigung? Daher hat es mich interessiert, was hier in einem größeren Auditorium an Input zu dieser Frage kommen kann. Wir haben es aus einer kleinen Struktur heraus erfolgreich geschafft, ein Mediennetzwerk zu machen. Sie können heute in der Frankfurter ohne weiteres über unsere Aktivitäten lesen. Wir haben es geschafft, eine Plattform für Komponisten, für Ausführende zu sein. Sie werden in die Pariser Oper kommen, da werden Sie uns auch finden - die Frage ist: ist es uns gelungen, ein Netzwerk für unsere Zuhörer zu schaffen? Wie weit gelingt es und wie weit sind wir hier in der Musikvermittlung? Mich interessiert Musikvermittlung dabei in dem Sinne, dass ich sage: wie kann man es schaffen, Leute anzusprechen, Leute einzuladen und Leute hierher zu bringen?

(Prof. Dr. Ingrid Allwardt)
Ein zweites Schlusswort. Ich würde gern noch ganz kurz anschließen, dass man einerseits die geistigen Orte schafft, diese aber nicht allein in Konzeption entstehen. Es braucht eben auch die tatsächlichen Orte, wie die Remise, und natürlich auch die Personen, die an diese Orte und Räume führen. Und an dieser Stelle möchte ich Christoph Thoma ganz herzlich danken für seine Energie, die er aufgebracht hat, um doch relativ viele Menschen aus der Szene wirklich hier an diesen Ort zu bringen. (Applaus)

(Christoph Thoma)
Ich glaube, große Schlussworte muss man jetzt nicht mehr sagen. Es sind einige wichtige Aussagen am Schluss gemacht worden, die viel sagen über die Kunstvermittlung an sich. Ich freue mich sehr, dass wir hier ein Forum bieten, auch eine Art Netzwerk auftun konnten für Kunstvermittlung. Jemand hat gestern zu mir gesagt, es ist auch eine Art Familientreffen der Kunstvermittler. Das Schöne ist, dass wir diesmal auch viele aus anderen Sparten treffen konnten, vor allem auch wir Musikvermittler. Das ist das ganz Interessante. Und ich würde mir wünschen, wenn das weiterleben kann. Ingrid Allwardt und ich sind in der Planung für ein nächstes Symposium im Herbst 2009 in Graz, das dann das Thema weiter führt. Ich bedanke mich für Ihr Kommen und hoffe, Sie hatten schöne Tage in Bludenz. Ich bedanke mich bei meinen Partnern, Co-Veranstaltern, Moderatoren und vor allem Ihnen für Ihre sehr intensiven und wichtigen Beiträge. Danke schön.


Dokumentation: netzwerk junge ohren e.V.

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