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Richard Barth

Die Jugend im Konzert und in der Oper

Eingestellt am 09.06.2008

Verehrte Anwesende! Es ist eine mächtige und fortreißende Bewegung, die alle gepackt hat und festhält, die in irgend einer Weise mit der Erziehung der Jugend zu tun haben, und jeder, der in der Erinnerung die eigene Jugend noch einmal durchlebt, und wie er durch die Schule erzogen und für das Leben vorbereitet worden ist, wird mit einem besonderen Eifer und Interesse die Versuche und Errungenschaften auf dem Gebiete der Jugenderziehung durch die Schule verfolgen und eine Parallele ziehen zwischen der Vergangenheit und Jetztzeit. -

Auf die vielen anderen Unterschiede von Einst und Jetzt einzugehen, ist hier nicht der Ort, aber auch nicht von Nöten, sie sind in die Augen springend; und wenn heute auch längst nicht alles vollkommen ist, so mag doch manchen ein leises Bedauern überkommen, dass er zu früh geboren und seine Schulzeit verbringen gemusst in einer Periode, da zu enge Mauern und das noch herrschende Dämmerlicht des Morgenrots einer neuen und besseren Zeit einen Ausblick von der Schule aus noch nicht gestattete in Reiche, in denen das zu Lernende gleichsam wie von duftenden und honigspendenden Blumen mühe- und sorglos in hellster Lebensfreude genippt werden kann. -

Die treuesten und besten Erzieher der Menschheit waren von altersher die Not und die Kunst. Die Not lehrte die Menschen arbeiten, sie machte sie erfinderisch, des Lebens Notdurft, Nahrung, Schutz und Trutz der Erde und den Verhältnissen abzuringen und von ihnen zu erzwingen. Die Not drängte zur Wissenschaft, sie lehrte, dass nicht nur der Leib leben und gedeihen sondern auch der Geist, und dass dieser für seine alles durchdringenden Kräfte und Welten umspannenden Arme noch reicherer Nahrung bedarf als jener.

Der dem Menschen angeborene ideale Trieb, aus seinem Geiste heraus zu schaffen und zu bilden, leitete ihn dahin, Vorstellungen, Gedanken und Empfindungen, je nach ihrem verschiedenen Inhalt und Ursprung verschieden zu verkörpern, greifbar oder hörbar zu gestalten. Vorbildlich für alles Wirkliche war die Natur, für alles Unwirkliche die Phantasie. Aus naiven Anfängen heraus entwickelten sich allmählich die geistigen und die Handfertigkeiten, das Können, die Kunst; und sie war es, die den Menschen über des Tages gleichförmig niederziehende Lasten hinaushob in höhere und reinere Sphären und ihn enger mit der Gottheit verknüpfte. Je mehr man nun die wunderbare und unwandelbare Gesetzmäßigkeit der geheimnisvoll waltenden Naturkräfte erkannte, umsomehr drängte es dahin, die formen und Gesetze zu finden, die für die Gebilde der Kunst, soll Leben atmender Geist, zeittrotzend über Geschlechter hinaus von ihnen ausgehen, ebenso notwendig und unentbehrlich sind, wie für alle Erscheinungen in der Natur.

Die Aufgabe der Kunst ist von jeher gewesen, in ihren Gebilden den alles belebenden und durchdringenden Geist der Gottheit, den reinen Atem der Natur festzuhalten; und ein jedes Kunstwerk, das solchen höchsten Ansprüchen und denen an Form und Gesetz entspricht, wird somit zu einem erhebenden Prediger in des Alltags Lärm und Bedrängnis, zu einem wahrhaften Seelenerbauer und Gedankenklärer und -reiniger. Den alten Griechen und Römern war der Anblick genialer Kunsterzeugnisse, ja der Anteil an der Kunst selbst so vertraut und selbstverständlich, wie die strahlende Sonne am lachenden blauen Himmel. Im Mittelalter zwang die Kirche die Künste in ihre Mauern, in deren Halbdunkel sie fortan das Geheimnis und die Macht des dreieinigen Gottes zu verherrlichen hatten. Die Künstler schufen nicht selten in der Abgeschlossenheit dumpfer Klosterzellen, und unter dem Drucke des Dogmas nahm die Kunst einen lehrhaften Charakter an. Der Skulptur und Malerei ist es von jeher leichter geworden, die zielbewussten Absichten der Kirche zu übermitteln und verstanden zu werden als der Musik, die erst in ihrer strengen Schule aufwachsen und in langer, harter Zucht einen weiten Weg zurücklegen musste, ehe sie imstande war, erhabenem Gedankenflug und frommer Inbrunst wahren und klaren Ausdruck zu verleihen. Mit Palästrinas Messen, mit dem protestantischen Choralgesang und seiner höchsten Veredelung in Johann Sebastian Bachs Kantaten und Passionen war die Herrschaft des Kunstgesanges, der mündig gewordenen Musik, und ihr unveräußerlicher Anteil am Gottesdienst für immer fest begründet. Den Weg in die Schule hatte die Kirche der Musik früh genug gewiesen. Dort hatte sie die jungen empfänglichen Gemüter durch religiöse Gesänge zu erheben, durch volkstümliche zu erfrischen, und es ist gewiss merkwürdig, dass der Raum, den die Musik als Bildnerin und Erzieherin in der Schule einnahm, im Laufe der Jahrhunderte nicht so wesentlich erweitert worden ist. Gewiss hat die Musik, je weiter sie sich entwickelte, je herrlicher sie selbst aufblühte, auch in der Schule mit der Zeit größere Anforderungen an die Leistungsfähigkeit ihrer Jünger gestellt, aber im Verhältnis zu denen außerhalb der Schule doch immerhin nur in bescheidenem Maße. Selbstverständlich sind ja den Leistungen, die in der Schule von Kindern zu erzielen sind, ganz bestimmte und enge Grenzen gesteckt. Doch bin ich der Meinung, dass sie, wenn auch nicht gerade nach der technischen Seite hin, so doch nach der rein musikalischen noch bedeutend gesteigert werden könnten. Nach den Erfahrungen, die ich durch Anhören des Gesanges in verschiedenen Klassen hiesiger Dorfschulen machen durfte, bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass überraschend viel musikalischer Sinn in unseren Kinderköpfen und Herzen steckt. Einzelne Klassen leisteten erstaunlich Gutes, andere weniger; doch schien mir der auffallende Unterschied weniger veranlasst durch eine gewisse musikalische Minderwertigkeit der Klasse, die ja immerhin vorhanden gewesen sein kann und in Rechnung gezogen werden muss, - als vielmehr durch die Lehrer, die den Gesangsunterricht erteilten. Manche verstanden es offenbar durch eine natürliche musikalische Anlage durch ihre musikalische Intelligenz und durch ihr Geschick, anderen guten Dirigenten abzusehen, wie man's macht, ihre hübsche Auffassung der Gesänge auf eine einfache und vernünftige Weise auf die Kinder zu übertragen. Anderen gelang es trotz sichtbar stärkster Anstrengung durchaus nicht. - Will man aber den glücklich konstatierten musikalischen Sinn der Kinder und deren verlangen, ihn frisch und fröhlich zu betätigen und vom Lehrer zu erfahren, wie man singend seien Empfindungen von der Seele loslösen kann, nicht bestreiten, so stehen wir vor einem bedauernswerten Missverhältnis, dem abzuhelfen es meiner Meinung nach hohe Zeit ist. So wenig man wünschen darf, dass ein begeisterter, ganz in seiner Kunst aufgehender Musiker zugleich auch ein nüchtern praktischer Musiker sei, - ebenso wenig und gewiss noch viel weniger kann man verlangen, dass ein vorzüglicher Lehrer zugleich auch ein trefflicher praktischer Musiker sei. Die Wissenschaft und die Kunst fordern immer einen ganzen Mann, beide dulden keine Teilung und Verzettelung der Kräfte; eins raubt gar zu leicht die Sammlung und Ausnutzung derselben für das andere, und das Fazit ist meist jene leidige Halbheit, die mehr Unglück in die Welt bringt, als sich ermessen lässt. (Sehr richtig!) Ein unmaßgeblicher Vorschlag zur Besserung wäre vielleicht der, unter den jungen Seminaristen eine wohlweisliche Auswahl zu treffen, und nur musikalisch besonders intelligente junge Männer für den Gesangsunterricht in der Schule vorzubereiten und zuzulassen. (Zustimmung.)
Zu dieser Vorbereitung müsste indes meines Erachtens gehören, dass die jungen Lehrer bei einem anerkannt tüchtigen Chordirigenten einen kurzen Kursus durchzumachen hätten, um zu lernen, was man zu tun und vor allem, was man zu lassen hat. Sollte bei einer so rigorosen Auswahl der Befähigten Mangel an Lehrkräften für die Musik in der Schule eintreten, So wären für diesen Teil des Unterrichts besser praktische gute Musiker heranzuziehen. Jeder echte Musiker muss sich freuen, seine Saat zwischendurch auch einmal in jungen, unverdorbenen, unverbrauchten, fruchtbaren Boden streuen zu können. Welche Vorteile für die Erziehung zur Kunst, für diese selbst, deren Achtung und Verständnis aus solchen Verfahren erwachsen würde, liegt wohl auf der Hand! Nach dieser mir nötig und ersprießlich erschienenen Abschweifung wollen wir uns dessen erinnern, wie im Laufe der letzten Jahrzehnte allmählich eine Umwälzung in dem beinahe gesamten Unterrichtswesen in den Schulen begonnen und Platz gegriffen hat. In allen Lehrzweigen suchte man durch neue vereinfachte Unterrichtsmethoden die Schnelligkeit und Sicherheit des Lernens zu fördern, den Schüler zu entlasten, indem man Entbehrliches abstreifte, ihm neue Anregung zu geben durch Einschaltung mancher Disziplinen in den Lehrplan, die bisher keinen Eingang in die Schulen gefunden, und von welchen man sich einen größeren Nutzen und eine dauernde Nachwirkung für das Leben und seien geistigen und praktischen Forderungen versprach. Von diesen Neuerungen mitgetroffen wurden auch die schönen Künste. Für das Zeichnen hieß es fortan: die Natur selbst soll das Lehramt übernehmen, weg mit den Vorlagen, an der Wirklichkeit soll das Auge sich bilden! Und im Grunde gilt dasselbe auch für die Musik und die Rolle, die man ihr für die Kunsterziehung nunmehr zuerteilen wollte: an der Wirklichkeit, d.h. an dem musikalischen Kunstwerk, so wie es gedacht, so wie es künstlerisch erfasst und aufgeführt werden muss, soll sich das Ohr des Kindes bilden, anstatt wie bislang, nur einen unvollständigen Eindruck und einen mangelhaften, oft sogar verkehrten Begriff von der Musik durch die eigene, unvollkommene, dilettantische Ausführung zu erhalten.

Um den Kindern Kompositionen, die ihrer Art und Beschaffenheit, Struktur und Ausdehnung nach ihnen ganz und gar fremd waren, original und künstlerisch perfekt vorzuführen, musste man natürlich die engen Räume der Schule verlassen und in den Konzertsaal flüchten.

Als nun vor wenigen Jahren das Projekt der Volksschülerkonzerte - ich darf mit Stolz aussprechen, dass wir Hamburger damit vorangeschritten sind - auftauchte und von der Lehrerschaft und von Musikern beraten wurde, da gingen die Meinungen darüber und über den davon zu erwartenden Erfolg sehr auseinander und in der Tat konnte, solange die Idee nicht in die Praxis übertragen und auf die Probe gestellt war, niemand sagen, ob die optimistischen Anhänger und Verfechter derselben oder die Gegner in ihrer Prognose Recht behalten würden.

Man muss zugestehen, dass die Zweifel der allzu Bedenklichen nicht gar zu verwunderlich waren; die kühne Neuerung war ja an sich geeignet genug, den Anschein zu erwecken, als ob man die Türen plötzlich zu weit aufgerissen hätte, als ob man große Opfer bringen wollte für eine Sache, der wenig Erfolg winkte, von der man im Gegenteil fürchten möchte, dass sie als unverstandene Wohltat eher oberflächlicher Genusssucht Vorschub leisten, als höheren sittliche Zwecken dienen würde. Als mir die Aufgabe wurde, das erste Volksschülerkonzert zu leiten und ich mir überlegen musste, in welcher Weise es wohl am besten zu machen sei, da empfand ich zunächst, dass diese Aufgabe gewiss eine sehr schöne und reizvolle, zugleich aber auch sehr schwere war. Sollte der eigentliche Zweck, den man verfolgte: die Kinderherzen und -Gemüter für gute Musik zu erschließen. Sie daran zu gewöhnen und dadurch abzuwenden von ordinären Musikgenüssen und Tingel-Tangeleien, erfüllt werden, so musste doch wohl vor allem etwas geschehen, bei den Kindern einiges Verständnis für gute Musik zu wecken; dazu schien mir das Vorspielen der schönsten Musikstücke allein nicht zu genügen. Schon die Wahl derselben war nicht so einfach. Ich meinte Orchesterkompositionen aussuche zu sollen, die an sich wertvoll und bedeutend, nicht zu lang waren, Ouvertüren, die durch ihre Überschrift, durch den Untergrund, den sie durch die Verbindung mit einem textlichen Stoffe hatten, geeignet waren, eine Brücke zu dem Fassungsvermögen der einer neuen Welt gegenüberstehenden Kinder zu schlagen. Und waren es einzelne Sätze aus Symphonien oder Suiten, alte Tanzweisen und dergl., so schien mir notwendig, ein Bild zu ersinnen, das dazu dienen konnte, die passende Stimmung für das betreffende Stück in den jungen Zuhörern zu erzeugen. Eine Erklärung, wie vollendet sich die Musik beispielsweise der Egmont-, Freischütz- oder Tell-Ouvertüre deckt mit den Stimmungen und Vorgängen, die sie schildern wollte, einen Hinweis auf Themen und Melodien und die Instrumente, die sie zu Gehör bringen, ein Stimmungsbild oben erwähnter Art, glaubte ich jedem Musikstück mündlich in gedrängter Form und für die Kinder verständlicher Ausdrucksweise vorausgehen lassen zu müssen. Und so habe ich's vom ersten Konzert an gehalten all die Jahre hindurch und mehr und mehr empfunden, dass die Aufgabe, vor Kindern zu musizieren, nicht nur eine schöne und schwere, sondern auch eine dankbare ist, die, je mehr man sich ihr mit allem Ernste und vollster Hingabe unterzieht, um so größere Freude bereitet. Interessant an sich sind schon die Versuche, die Programme zu erweitern und zu beobachten, wie die Kinder sich größeren und komplizierteren symphonischen Sätzen gegenüber verhalten. Ihre Aufmerksamkeit ist immer die gleiche gespannte und untadelige gewesen, ebenso der Beifall der gleiche spontane und enthusiastische; aber den späteren Auslassungen der Kinder gegenüber ihren Herren Lehrern konnte man leicht entnehmen, dass man sich in Acht nehmen muss, ihnen nicht zu viel zuzumuten.

Es ist auch der Versuch gemacht worden, den Kindern Solisten, Geiger und Sängerinnen vorzuführen; ob das praktisch ist und von dem rechten Erfolg begleitet wird, möchte ich bezweifeln. Die Vortrefflichkeit einer solistischen Leistung können die Kinder noch nicht beurteilen und schätzen, und ich meine, dass der Eindruck, den die Person des Solisten, die Bewegungen, die mit der Ausübung seiner Kunst verknüpft sind und sein Gebahren dabei die Aufmerksamkeit der Kinder gar zu leicht in einer solchen Weise in Anspruch nimmt, dass nicht genug davon übrig bleibt für die Leistungen selbst und für das vorgetragene Musikstück. (Sehr richtig!)
Für wesentlich und besonders wichtig halte ich, für Abwechslung im Programm zu sorgen, damit die ungeübten Sinne nicht erlahmen, sondern immer neue Anregung erhalten. Und dann die Dauer der Konzerte! Über eine Stunde sollten sie alles in allem, Musik mit mündlicher Erklärung durch den Dirigenten ad libitum, nicht in Anspruch nehmen, wenn sie ein reiner Genuss ohne Anstrengung, ein müheloses freudiges geistiges Aufnehmen und unbewusstes Lernen, ein Honignippen für die Kinder sein sollen.
Von solchen Gesichtspunkten ausgehend, hatten wir 2 Jahre hindurch die Konzerte gegeben und durften mit dem augenscheinlichen äußeren erfolge wohl durchaus zufrieden sein. Der durfte uns indes nicht als Kriterium gelten für das, was wir eigentlich erstrebten; er bot ja im Grunde keinerlei Anhalt, ob wir in der Hauptsache einen Schritt vorwärts getan hatten, und erfahren mussten wir unter allen Umständen und auf irgend eine Weise, ob es uns gelingen wollte, die Kinder durch diese Konzerte auf die Dauer zu fesseln und für wirkliche Musikgenüsse zu gewinnen. Da wurde der glückliche Vorschlag gemacht, den Kindern, die die Schule bereits verlassen hatten, den Besuch der Schülerkonzerte für den gleichen Preis offen zu halten, dass die Eintrittskarten für die aber nur durch die Schule zu erhalten seien, in die sie gegangen waren; dies bot die einzige Aussicht, eine Art Kontrolle auszuüben.
Und wieder wogten die Meinungen gegeneinander. Die einen versprachen sich gar nichts davon, die anderen fürchteten, es würden die größten Konzertsäle nicht ausreichen, den Strom der Kinderscharen zu fassen. Nun, der Versuch wurde gemacht, und es meldeten sich gleich im ersten Winter 1900/01 578 schulfreie Kinder für die Konzerte; für den nächsten Winter 1901/02 1514 Kinder und so weiter mit geringen Schwankungen aufsteigend, jetzt für den Winter 1905/06 1815 der Schule Entwachsene. Ich denke, diese Resultate sprechen für sich selbst und zeigen auf das Evidenteste, dass wir aus dem Stadium der Versuche heraus sind und die Einrichtung der Schülerkonzerte zu einer Notwendigkeit und Pflicht geworden ist.
Einer Opernaufführung im Theater für die Kinder habe ich bisher nicht beiwohnen können, mir aber erzählen lassen, dass die Aufmerksamkeit und geistige Spannkraft zuweilen sehr zu wünschen übrig gelassen hat. Das ist eigentlich sehr merkwürdig, wenn man bedenkt, welch ungewohnte Bilder und Handlungen sich auf offener Szene vor den Augen der Kinder abspielen. Ist der reiz am Ende zu stark, absorbieren so und so viele Nebendinge, an die wir nicht denken, zu gleicher Zeit zu viel Aufmerksamkeit, oder ist eine ganze Oper vielleicht zu lang? Das sind Fragen, die ihre Beantwortung durch eine ernste und scharfe Beobachtung finden müssen. Der Versuch, einen einzelnen Akt aus einer Oper, auf den die Kinder ordentlich vorbereitet worden wären und der ein geschlossenes Bild zu geben imstande ist, oder zwei einzelne Akte, aus zwei verschiedenen Opern, das ganze nicht viel länger als eine Stunde dauernd, könnte gemacht werden und vielleicht auch schon einige Klärung bringen. Jedenfalls kann man gar nicht vorsichtig und bedächtig genug verfahren, wenn man erreichen will, dass der Eindruck, den das musikalische Kunstwerk auf Kopf und Herz des Kindes macht, ein tiefgehender und ein nach neuen, ähnlichen Eindrücken Sehsucht erweckender sei. Tiefgehend kann er aber nur werden, wenn das Kind das Gehörte verstanden hat - soweit bei ihm überhaupt davon die Rede sein kann - dass sich nichts Unklares, Verwirrendes mit dem Eindruck vermischt. Das aber in nur einer Stunde bei einer so großen Anzahl von kindlichen Zuhörern (über 2000) zu erreichen, ist meiner Meinung nach gewiss keine Kleinigkeit. Ich muss immer an die vielen Fragen denken, die die Kinder, wenn sie können, tun möchten. Und selbst, wenn man zu einer so großen Kinderschar spricht, wie leicht geht in diesem großen Raume ein Wort verloren, das besonders wichtig oder glücklich gewählt war! Es will mir deshalb als höchste Aufgabe erscheinen, dass es gelinge, den Kindern die den Aufführungen vorausgehende Erregt- und Verwirrtheit der Gedanken zu nehmen und sie durch eine mündliche Erklärung der Stücke zu sammeln und zu konzentrieren; denn nur in der Ruhe lässt sich genießen und das Genossene in die Seele lenken, und nur bei vollkommen auf das Ziel gerichteten Gedanken ein Verstehen und Begreifen erhoffen! Es scheint mir auch außerordentlich erstrebenswert, dass die Kinder die Empfindung haben, sie erleben eine festliche Stunde, in der sie einmal nicht unterrichtet, sondern aus einem reichen Füllhorne und mit herzlicher Freude seitens des Gebers beschenkt werden. Die Kinder sollen mit dem Worte die gute und liebevolle Absicht der Spender verstehen und nach Möglichkeit den Inhalt und Wert des Geschenkes. Werden diese beiden Dinge durch beiderseitigen guten Willen und durch sonstige glückliche Konstellationen erreicht, so dürfen wir darauf rechnen, dass die gute Saat, die wir auszustreuen und bemühen, mehr und mehr eine gute und reiche Ernte bringe! - (Lebhafter dauernder Beifall!)

Vorsitzender Schulinspektor H. Fricke, Hamburg:
Herr Prof. Barth, ich spreche Ihnen den Dank der Versammlung aus, den Sie soeben aus dem reichen Beifall selbst vernommen haben, und ich bitte nunmehr Herrn Professor Dessoir, das Wort zu nehmen.

Quelle unbekannt.

bereitgestellt durch: netzwerk junge ohren e.V. http://www.jungeohren.com

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