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Barbara Stiller

Aufeinander zugehen - gemeinsam planen

Eingestellt am 09.06.2008

Die Chancen von Arbeitsbündnissen in der Konzertpädagogik

In einem sind sich alle, die sich in den vergangenen Jahren mit dem weiten Themenfeld „Konzertvermittlung“ auseinandergesetzt haben, einig: Es geht darum, längerfristig ein neues und jüngeres Publikum für sich zu gewinnen. Ein zweiter „Gleichschritt“ folgt unmittelbar, wenn es inhaltlich zu hinterfragen gilt, wie und mit welchen konkreten Angeboten dieses neu gewonnene Publikum der jeweiligen Institution möglichst lebenslang die Treue halten soll. Dass individuelle Antworten auf diese Fragen mitunter jahrelang auf sich warten lassen und oftmals nur über konzeptionell mühevolle und finanziell anstrengende Wege und Umwege zu finden sind, können heute all diejenigen bestätigen, die sich bereits seit mehreren Jahren auf dem weiten Feld der schulischen und außerschulischen Musikvermittlung „tummeln“, und dazu zählen Kulturinstitutionen wie Berufsorchester, Konzerthäuser und Rundfunkanstalten sowie Bildungsträger wie Musikschulen, Kindergärten und allgemein bildende Schulen gleichermaßen.
Mittlerweile stellt sich jedoch zunehmend heraus, dass viele Bemühungen in Momenten der konkreten Umsetzung problematisch erscheinen, in denen die Institutionen einerseits ihre persönlichen Interessen verfolgen, andererseits aber auf eine Zusammenarbeit mit anderen Kooperationspartnern angewiesen sind, um eine qualitativ hochwertige Realisierung der Projekte gewährleisten zu können.

Konzertpädagogik – ein wenig definiertes Tätigkeitsfeld
Hinsichtlich seiner Nachwuchsförderung macht das Musikleben derzeit Erneuerungsprozesse durch, die viele Museen und Theater und dementsprechend die Museums- und die Theaterpädagogik längst hinter sich haben. Mitunter wurden sie dafür auch reich belohnt, indem sie heute eine routinierte Nachwuchsförderung mit qualitativ hochwertigen „Produkten“ betreiben. Zahlreichen Unkenrufen zum Trotz lassen sich die positiven Erfahrungen jedoch nicht unmittelbar auf die derzeitigen Initiativen der außerschulischen Musikvermittlung beziehungsweise Konzertpädagogik übertragen.
Während die Museumspädagogik vornehmlich in der „Institution Museum“ stattfindet, gestaltet sich das Feld der Konzertpädagogik bis heute riesig und ist dabei weder inhaltlich klar definiert, noch liegt ihm ein konkretes Ausbildungsprofil zugrunde. Erschwerend kommt hinzu, dass unter dem Terminus „Konzertpädagogik“ extrem unterschiedliche Aktivitäten subsumiert werden: Konzerte von Berufsmusikern für Kinder, Konzerte von Kindern für Kinder, Konzerte von Berufsorchestern mit Kindern oder Workshops von Musikern mit Kindern. Für alle Veranstaltungsformen besteht dringender Bedarf, alle sind gewünscht und konzeptionell gut umsetzbar. Die dringend notwendige Diskussion über die Qualität der spezifischen Vermittlung und Vermittlungsangebote kann jedoch erst dann einsetzen, wenn die einzelnen Zielgruppen von den verantwortlichen Veranstaltern noch genauer in den Blick genommen werden. Dass dies nicht längst geschehen ist, hängt offensichtlich damit zusammen, dass das wachsende Bewusstsein für die Beschäftigung mit jungen Publikumsgruppen noch immer aus engagierten Einzelinitiativen heraus entsteht, denen es meist an einer spezifischen Vernetzung mit qualifizierten Kooperationspartnern mangelt.

Mut zur Gründung von Arbeitsbündnissen
Vielerorts wird lamentiert, es gebe zu wenig eigens ausgebildete Konzertpädagoginnen und Konzertpädagogen. Dies ist sicher der Fall und in diesem Zusammenhang stellt sich einmal mehr die Frage, was konzertpädagogisch ausgebildete Experten alles können müssen. Im idealtypischen Fall wird von ihnen verlangt, dass sie
• über ein hohes Maß an musikpädagogischer Erfahrung verfügen, die sie in die Konzeption von Konzerten für Kinder einfließen lassen können,
• Interesse daran haben und die nötigen Fähigkeiten mitbringen, um Konzerte für Kinder selbst auf der Bühne zu moderieren,
• auch allgemein dramaturgisch arbeiten und über ein nahezu unendliches Repertoire an geeigneten Stücken verfügen,
• auch Begleitveranstaltungen wie Konzertvorbereitungsworkshops und Konzerteinführungsveranstaltungen konzeptionell entwerfen und künstlerisch-praktisch durchführen können,
• kommunikativ und inhaltlich überzeugend auf andere Bündnispartner zugehen,
imstande sind, Konzerte für Kinder von der ersten Spontanidee bis zur Schlussabrechnung zu organisieren,
• bereit sind, Sponsorengelder und Drittmittel für ihre eigenen Projekte ggegebenenfalls auch selbst einzuwerben
• und möglicherweise auch selbst die Lust und den Mut haben, aktiv für Kinder zu musizieren.
Einzelpersonen, welche über sämtliche der oben genannten Qualifikationen verfügen, wird es auch in Zukunft nicht geben. Aus diesem Grund werden auf allen Feldern der schulischen und außerschulischen Musikvermittlung mehr und besser kooperierende Arbeitsbündnisse für konzertpädagogische Vermittlung gebraucht.

Individuelle Stärken und Schwächen analysieren
Erfahrungen zeigen, dass es nicht unbedingt die Berufsorchester selbst sind, die sich mit der dafür notwendigen Ernsthaftigkeit um ihre Bündnispartner auf konzeptionell-inhaltlicher Ebene bemühen, auch wenn außerordentlich positive Ausnahmen die-se Regel wie immer bestätigen. Zwar wünschen alle Orchester, dass Lehrkräfte ihre Schülerinnen und Schüler auf Konzertbesuche vorbereiten, aber wenn es um gemeinsam entwickelte Konzepte geht, wird es oftmals einseitig und hinsichtlich potenzieller Kooperationsabkommen schwierig, denn in eben dieser Art einer künstlerisch-pädagogischen Anleitung liegen meist nicht die individuellen Stärken von Orchestermusikerinnen und -musikern. Ihnen geht es mitunter mehr darum, ihre „gute alte Kulturform Konzert“ zu erhalten, als komplexe Vermittlungsprozesse zu initiieren, die allein anhand der kulturellen Bedürfnisse der Kinder entwickelt werden.
Während die Mitglieder diverser Berufsorchester mittlerweile verstanden haben, dass bereits der lange Weg hin zu ihrem kunstvollen Kulturprodukt konzeptionell hochwertig gestaltet werden muss, steht bei manch anderem Orchester nach wie vor recht ehrgeizig das „Endprodukt Konzert“ im Fokus des Interesses. Um auch in ihrem Fall ein konzeptionelles Umdenken hin zu komplexeren künstlerischen Vermittlungsprozessen anstoßen zu können, sind die Musikpädagoginnen und Musikpädagogen von Schulen und Musikschulen als aktive Bündnispartner gefragt. Sie sind die wahren Experten, wenn es darum geht, diese dringend erforderlichen Gestaltungsprozesse in der Zusammenarbeit mit den beteiligten Orchestermusikern zu initiieren und methodisch anzuleiten, denn nicht umsonst sind sie es, die ein explizit künstlerisch-pädagogisches Studium absolviert haben. Konkret zeigen sich diese besonderen Fähigkeiten darin, dass insbesondere die Instrumental- und Schulmusikpädagogen
• einschätzen können, zu welchen künstlerischen Äußerungen Kinder verschiedener Altersstufen in der Lage sind und zu welchen konkreten konzeptionellen Konsequenzen diese Annahmen führen sollten,
• Konzertbesuche in Improvisationsworkshops künstlerisch aktiv vorbereiten und die Kinder zu eigenen fantasievollen Handlungen anleiten können,
• ein reiches Repertoire an Ideen und pädagogischem Handwerkszeug im Umgang mit größeren Gruppen haben,
• dank ihrer animatorischen Fähigkeiten mitunter gut in der Lage sind, Konzertveranstaltungen für Kinder aktiv mitzugestalten, indem sie Mitspielstücke anleiten,
• zum gemeinsamen Singen und Tanzen animieren, das Publikum für konzentrierte Zuhörphasen sensibilisieren und entsprechend besondere Momente eines sensiblen Zuhörens initiieren,
• ob ihrer eigenen instrumentalen und insbesondere instrumentaldidaktischen Fähigkeiten hinreichend kompetent sind, Instrumente im Dialog mit einem Orchestermitglied lebendig vorzustellen.

Jeder kann den ersten Schritt wagen
Aus den oben genannten Gründen möchte der vorliegende Artikel Mut machen und Orchestermitglieder sowie Musikpädagoginnen und -pädagogen gleichermaßen ermuntern, selbst initiativ zu werden und noch aktiver aufeinander zuzugehen, indem die Lehrkräfte sich, soweit regional möglich, an ein Orchester oder freies Ensemble ihrer Region wenden, um neue Kooperationsprojekte mit den Institutionen Schule und Musikschule zu initiieren,
• indem die Lehrkräfte Orchestermitglieder zu sich in die Musikschule, den Kindergarten und die Schule einladen und sie zu neuen Dialogen mit ihren Schülerinnen und Schülern anregen,
• indem die Lehrkräfte im Tandem mit den Berufsmusikern einen Konzertbesuch mit ihren Schülern/-innen künstlerisch-praktisch planen, vorbereiten und durchführen, indem sich die Orchestermitglieder selbst zunehmend aktiv in die Konzeption von Kinderkonzertprojekten ihrer Institutionen einbringen,
• indem die Orchestermitglieder gegenüber ihren Arbeitgebern ein Mitspracherecht einfordern, wenn es um das Einschlagen neuer konzeptioneller Wege in Bereichen der Nachwuchsförderung geht,
• indem die Orchestermitglieder neben ihren großen Klangkörpern kleine Ensembles gründen, mit denen sie Konzerte etwa in Musikschulen, in allgemein bildenden Schulen oder in Kindergärten geben,
• indem die Orchestermitglieder selbst Kontakt zu Lehrkräften der Schulen und Musikschulen aufnehmen, wenn die Planung und Vorbereitung von Konzert- und Workshopprojekten ihrer Orchester ansteht, und indem die Orchester (und zwar sowohl das Management als auch die interessierten Musikerinnen und Musiker) sich mit allen engagierten Musik- und Instrumentallehrkräften der Region gemeinsam und im Vorfeld der Planung weiterer Projekte fachlich intensiv über das austauschen, was alle beteiligten Institutionen sich zukünftig von einem gelungenen Arbeitsbündnis für konzertpädagogische Vermittlung wünschen und was sie jeweils selbst zu dessen Gelingen beitragen können.


zuerst erschienen in: Neue Musikzeitung, 3/2007

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