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Barbara Tacchini

Arbeitsb├╝ndnisse im eigenen Haus

Eingestellt am 09.06.2008

Zur Entwicklung von Kinderkonzerten in innovativen Arbeitsprozessen
Knappe Probenzeit, geringes Budget, mangelnde Wertschätzung: Trotz der viel diskutierten und allgemein verbreiteten Überzeugung, welch wichtige Funktion der Konzertpädagogik in der Orchesterlandschaft zukommt, trotz "Junge-Ohren-Preis" und intensiven Bemühungen um Qualitätssicherung seitens der DOV fristen viele Kinderkonzerte noch immer ein Aschenputtel-Dasein, aus dem sie sich nur schwer befreien.
Bei den zahlreichen Einzelinitiativen sind nach wie vor diejenigen Vermittlungsformen in der Mehrzahl, die die konventionelle Konzertform als solche im Kern weitgehend unangetastet lassen - trotz originellen Vermittlungsideen wie etwa Moderation durch Schulkinder oder Visualisierungen in Form von Projektionen oder Beiprogrammen wie von Orchestermusikern durchgeführte Schulworkshops. Theatralische oder szenische Vermittlungsformen und prozesshafte Entwicklung von Konzertprogrammen in der direkten künstlerischen Begegnung zwischen Orchestermusikern und Kindern oder Jugendlichen bleiben Leuchttürme in einer bunten Insellandschaft. Nur wenige Orchester beschäftigen ausgebildete Konzertpädagogen, die Konzeption von Kinder- und Jugendkonzerten samt Beiprogramm liegt zumeist in den Händen der Konzertdramaturgen. Sponsorensuche auf der einen Seite, Findung von Kooperationspartnern auf der anderen Seite werden als Lösungen empfohlen. In ihrem Artikel in der nmz vom März 2007 plädiert Barbara Stiller unter anderem für den Mut zur Gründung von Arbeitsbündnissen zwischen Orchestern und Schulen beziehungsweise Musikschulen, um das Know-how der verschiedenen Partner für die Gestaltungsprozesse zu addieren. Stiller fundiert diese Forderung auf der Tatsache, dass es Konzertpädagogen (beziehungsweise -dramaturgen), die über sämtliche für die Musikvermittlung notwendigen Qualifikationen verfügen, schlicht und einfach nicht gibt und deshalb die Orchestermusiker auf Pädagogen in Schulen und Musikschulen zugehen sollten. Dass durch solche Bündnisse spannende und wertvolle konzertpädagogische Projekte initiiert werden können, sei außer Zweifel gestellt. Dabei scheint mir jedoch - gerade für Berufsorchester, die einem Theater angegliedert sind - ein wichtiger Schritt ausgelassen worden zu sein, der allenthalben vernachlässigt wird: das Arbeitsbündnis im eigenen Haus.

Vermittlung ist Teamarbeit
Reiche Erfahrungen im musikpädagogischen Bereich sollte der idealtypische Konzertpädagoge mitbringen, die rhetorischen Fähigkeiten eines Moderators, umfassende Werkkenntnis, er sollte Konzertvorbereitungsworkshops durchführen, auf Bündnispartner zugehen, Sponsorengelder einholen und nicht zuletzt sogar selbst aktiv musizieren können. Der Konzertpädagoge - ein Allround-Genie. Kein Wunder, wenn sich manche Orchester für die Fremdvergabe von Kinderkonzerten entscheiden und Konzertprogramme samt Moderatoren und/oder Schauspielern als Fertigprodukte einkaufen. Gerade aber für die Opernorchester, deren Häuser über eine musiktheaterpädagogische Abteilung verfügen, böten sich andere Möglichkeiten: Setzen sich ein verantwortlicher Dramaturg, ein Musiktheaterpädagoge, ein Dirigent, ein Orchesterdirektor und ein oder mehrere Orchestermusiker zusammen, so sind mit Sicherheit nahezu alle oben aufgelisteten Qualifikationen gebündelt. Möglicherweise wünscht man sich noch einen Schauspieler zur szenischen Moderation, und ganz neue Spielmöglichkeiten ergeben sich, wenn sich ein Bühnenbildner zur Arbeitsgruppe gesellt. Erst dieses interne Arbeitsbündnis schafft die nötige Basis für weitere Netzwerke nach außen und ermöglicht, dass auf längere Sicht neue Strukturen geschaffen werden können, um innovative Vermittlungskonzepte auf hohem Niveau zu entwickeln.
Die Bereitschaft und Lust zum Dialog zwischen allen Beteiligten ist Voraussetzung, das gegenseitige Vertrauen das Fundament. Möglicherweise werden in solchen Projektgruppen zunächst einmal Zusammenstöße unvermeidbar sein, gerade wenn Ideen im Raum sind, die auf szenische Aktionen der Musiker oder auf gemeinsame Entwicklungsprozesse zwischen Musikern, Komponisten und Jugendlichen setzen. Da werden Ängste und Unsicherheiten geweckt: "Kann ich das"?, lautet die eine Frage. "Muss ich das? Steht das in meinem Vertrag?", die andere. Oft ist nicht mehr auszumachen, welche Argumentation an erster Stelle steht. Natürlich sind die Reaktionen von Orchestermusikern nicht unverständlich. Denn manch schöne Idee ist nach dem Tarifvertrag zulagenpflichtig, seien es szenische Aktionen, Kostümierung oder kammermusikalische und solistische Einlagen, doch den Verantwortlichen fehlt das Geld, und so bittet man um Nachsicht, den Kindern zuliebe. Für Besprechungen wiederum sieht der Tarifvertrag keine Orchesterdienste vor. Zuweilen geht es aber auch um unausgesprochene Konventionen des Orchesteralltags, Gewohnheitsrechte, auf die man sich nicht mehr verlassen kann, wenn sich die Reihenfolge der geprobten Stücke in einer Orchesteralleinprobe plötzlich nach dem Schauspieler und nicht nach der Einteilung der beschäftigen Musiker richtet, wenn Fahrtwege zu Schulen in Kauf genommen werden müssen oder Kollegen ihre Dienste in kürzeren Kinderkonzerten und -workshops absolvieren statt mit mehrstündigen Opernwerken.
Doch längerfristig kann es nicht die Lösung sein, dass Konzertpädagogen und -dramaturgen freie Musiker statt ihr Orchester für ihre konzertpädagogischen Projektideen engagieren oder Orchestermusiker die Jugendarbeit als Nische definieren, wo ihnen endlich mal niemand reinredet. Zuviel wertvolles Potenzial geht dabei verloren und man tritt auf der Stelle, statt sich gemeinsam auf den Weg zu begeben und - sei es auch in der Reibung aneinander - gemeinsam zu wachsen.
In meiner Funktion als Konzertdramaturgin an der Staatsoper Hannover und seit Sommer 2006 als Dramaturgin und Leiterin der Jungen Oper der Staatsoper Stuttgart verfolge ich in Kinder- und Jugendkonzerten ein Konzept, in dem Musik, Szene und Bild ineinander greifen. Dabei sollen die außermusikalischen Komponenten nie zur bloßen Unterhaltung verkommen und vom eigentlichen Erleben der Musik ablenken, sondern immer auf fantasievolle Weise dem Fokussieren der Hörkonzentration und dem Hörverständnis und -genuss dienen. Die Konzerte werden teilweise durch Schulworkshops der Orchestermusiker oder Kompositionsworkshops mit einzelnen Schulklassen flankiert, deren Prozess auf die Entwicklung des Konzertprojekts Einfluss nimmt und deren Ergebnisse, von Kindern und/oder Orchestermusikern präsentiert, Teil des Konzerts sind.
Ideale Arbeitsbündnisse im obigen Sinne ließen sich für die Konzeption von Kinderkonzerten in kleineren Besetzungen realisieren, so zum Beispiel für die Reihen der sogenannten "Sitzkissenkonzerte", in denen jeweils vier bis sechs Musiker selbst mit Worten, bewusst sparsamem Rollenspiel, Gesten und Musik Geschichten für Vorschulkinder erzählen und dabei in Dialog zu den kleinen Zuhörern treten, die ihrerseits in kreativen Gestaltungsprozessen sowie beim Mitsingen und -spielen beteiligt sind. In gemeinsamer Vorarbeit werden Ideen musikalischer und szenischer Art zusammengetragen und umgesetzt.

Aktiv beteiligte Musiker
Zu intensivem, spartenübergreifendem künstlerischem Austausch führte die Zusammenarbeit mit den Schlagzeuggruppen sowohl in Hannover als auch in Stuttgart. Gemeinsam mit Dramaturgin und Bühnenbildnerin erarbeiteten die Musiker eine Konzertform, die mit choreographischen Elementen alle Sinne anspricht und sich an Zuschauer aller Altersgruppen richtet. Eine Wohnung, eine verlassene Baustelle, ein Baucontainer unter einem Himmel voller Fahrräder boten den Raum für virtuose und poetische Schlagzeugstücke, in denen die Musiker ausgehend von den Bedingungen des Musizierens und weit darüber hinaus szenisch agierten. Zu den Musikern stießen je nach Konzept auch Künstler anderer Sparten wie sechs Tänzer des Balletts der Staatsoper Hannover oder ein Bühnenpoet aus der Stuttgarter Slam Poetry-Szene. Die Auswahl der teilweise selbst komponierten Stücke und Raum- und Bewegungskonzept griffen dicht ineinander. Eine im Rahmen des Orchesteralltags herausragende Besonderheit dieser Projekte war und ist der intensive künstlerische Austausch zwischen sämtlichen Mitwirkenden, die "demokratische" Arbeitsweise, die bei nicht immer idealen Probenbedingungen (Fehlen eines geeigneten Probenraumes für die Schlagzeuger, Dienstauslastung) einen Einsatz über die honorierte Zeit hinaus verlangte, gleichzeitig aber höchste Identifikation der Musiker mit dem Projekt bewirkte. Ein kleiner Wermutstropfen dabei bleibt, dass der hohe zeitliche Einsatz der Orchestermusiker für solche Projekte nicht angemessen honoriert werden konnte, da dies das vorgesehene Budget für die Jugendkonzerte bei weitem gesprengt hätte.
Auch für die große Orchesterbesetzung entstanden bisher sowohl in Hannover als auch in Stuttgart in Teamarbeit zwischen Dramaturgin, Dirigent, Schauspieler, Bühnenbildner und Lehrer inspirierende Konzertprogramme zum Zuhören und Mitmachen mit Werken vom 18. bis zum 21. Jahrhundert. Nur selten waren auch Musiker mit im Planungsteam, was ein Desiderat bleibt. Ein inspirierender kreativer Pool bei der Vorbereitung der Kinderkonzerte waren jedoch auch die Schulworkshops, deren Konzeption in gemeinsamer Arbeit der Dramaturgin mit jeweiligen Ansprechpartnern aus dem Orchester geschah. Hier entstanden Ideen, hier wurden Musikvorschläge geäußert, hier konnten schauspielerisches Potenzial oder Redebegabungen im entspannten Rahmen erkannt und erprobt werden.
Durch die Konzerte führte jeweils eine selbst verfasste Geschichte, die möglichst explizit mit Musik, mit dem Orchester oder der Konzertsituation als solche zu tun hat. Meist wurde ein Schauspieler hinzugezogen. Die Hauptrolle in jedem Konzert aber spielte das Orchester, wirkungsvoll präsentiert durch Tutti-Aktionen oder auch Kostümelemente. Einzelne Musiker übernahmen zusätzlich zu den musikalischen auch szenische Rollen. Im Kinderkonzert "Wasserspiele" (Hannover) begaben sich zwei schauspielerisch agierende Schulkinder gemeinsam mit den Orchestermusikern auf die Jagd nach einem verschwundenen Wassertropfen, der in den verschiedenen Konzertstücken sein Unwesen trieb. Das Orchester brachte die Kinder mittels Musik ans Meer, erzeugte im entscheidenden Augenblick einen Sturm und feierte gemeinsam mit den Kindern des Kompositionsworkshops das Wassertropfenfest.
Zum Auftritt erschien das ganze Orchester in Regenkleidung, abgekämpft und über die Überschwemmungen in der Stadt schimpfend, nachdem die Kompositionsklasse zum Auftakt ein musikalisches Gewitter präsentiert hatte. Neben Werken von Claude Debussy, Tan Dun und anderen spielte das Staatsorchester auch weitere Uraufführungen der Kinderkompositionen. Einzelne Sequenzen der Geschichte wurden durch kurze Videoeinspielungen im Tagesschaucharakter erzählt. Mit freiwilligen Orchestermusikern und Schulkindern waren die Clips an unterschiedlichen Orten Hannovers gedreht worden. Zum großen Spaß des Orchesters wirkte auch der Orchesterdirektor aktiv mit.
Knappe Probenzeit, geringes Budget: Dies alles vermag plötzlich in den Hintergrund zu treten, wenn alle Beteiligten sich gemeinsam in ein und dieselbe Richtung bewegen und ihr Potenzial rückhaltlos dem Projekt zur Verfügung stellen. Die Bedingung: Alle Mitwirkenden müssen vom Sinn und Zweck nicht nur des Kinderkonzerts, sondern auch des Arbeitsbündnisses als solches überzeugt sein und Lust haben, sich aufeinander und auf Neues einzulassen. 


zuerst erschienen in: Neue Musikzeitung, 11/2007

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