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Musikvermittlung - Wozu? Wo? Durch wen?

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Musikvermittlung - Wozu? (Collage I)

Muss Musik vermittelt werden? Auf welche gesellschaftlichen Veränderungen reagiert die Vermittlung in Bezug auf ihren Gegenstand?


Musikvermittlung - Wo? (Collage II)

Was sind die Orte der Musikvermittlung? Wo findet sie ihren Platz zwischen Didaktik, Wissenschaft und Marketingstrategie?


Musikvermittlung - Durch wen? (Collage III)

Wer ist Musikvermittler? Welche fachlichen und persönlichen Kompetenzen verlangt erfolgreiche Vermittlungsarbeit? Wie kann man lernen, Musik zu vermitteln?




Musikvermittlung - Wozu? (Collage I)

Muss Musik vermittelt werden? Auf welche gesellschaftlichen Veränderungen reagiert die Vermittlung in Bezug auf ihren Gegenstand?


Andreas Peer Kähler
(Dirigent und Komponist, Berlin)


Es spricht nicht sonderlich für unsere Kultur, dass Musik heute "vermittelt" werden muss und kein selbstverständlicher Teil des Lebens (mehr) ist. Aber stellen wir uns darauf ein! Auch bei einem Gespräch kommt es weniger darauf an, was gesagt, sondern was verstanden wird. Außerdem hat man als "Musikvermittler" täglich die Chance, Menschen glücklich zu machen, Aha-Erlebnisse zu schaffen, in der Kindheit verkorkste Musik-Karrieren sanft zu begradigen, Begeisterung zu wecken oder Kinderaugen strahlen zu lassen...


Univ.-Prof.(em.) Hans Günther Bastian
(Musikpädagoge und Gründungsdirektor des "Instituts für Begabungsforschung und Begabtenförderung in der Musik, Paderborn)


Musik innerhalb von Jugendkulturen vermittelt sich freilich von selbst, hier bedarf es keiner pädagogischen Anleitung, weil Jugendliche in und mit der Musik leben. Klassische Musik ist vielen Jugendlichen sozialbedingt eher fremd, ihnen muss man die Angst vor dem Nichtverstehen verstehbarer Musik nehmen, sie zur Teilnahme und Teilhabe an klassischer Musik befähigen. Wenn das nicht gelingt, dann stabilisieren wir auch in der Kultur eine Zweiklassengesellschaft: Bach, Beethoven und Mozart außerhalb von Schule zum selbstfinanzierten Aufpreis. Das soziale Ghetto und die musikmediale Macht (Beispiel DSDS) produzieren einen musikalischen Analphabetismus, der erschrecken macht: Nena hat Rhythmus, Mozart hat keinen (so eine 12Jährige Schülerin) oder Die Oper die Moldau von Beethoven hat mir besonders gefallen (so die Erinnerung eines Hauptschülers an seinen Musikunterricht). Kulturstandort Deutschland - quo vadis?


Prof. Michael Kaufmann
(ehemaliger Intendant der Philharmonie Essen)


Nach meiner Überzeugung kann man Musik genauso wenig vermitteln wie man die Faszination für Fußball vermitteln kann. Ohnehin wäre es reichlich seltsam, etwas zu vermitteln, was ja überall präsent ist und sich ohne jede Filtermöglichkeit durch unsere Ohren in unser Inneres bewegt. Was wir tun müssen, ist wieder mehr Faszination dafür wecken, wie lebendig Musik ist, wie sehr sie unser Leben berührt, wenn wir uns ihr wirklich öffnen, wenn wir sie wirklich an uns heranlassen, wenn wir sie lebendig sein lassen. Das kann man nicht vermitteln, sondern nur ermöglichen - man kann die Begegnungen begleiten und Mut machen, die Musik erforschen und aushalten zu wollen, auch wenn sie uns erst einmal fremd vorkommt.


Bernhard König
(Büro für Konzertpädagogik, Köln)


"Musikvermittlung" - im Grunde eine Tautologie. Die Binsenweisheit, dass Musik selbst durch und durch "Vermittlung" ist, wird erst in dem Moment zur kulturpädagogischen Verpflichtung und Herausforderung, wo eine Musikkultur Jahrzehnte (oder gar Jahrhunderte?) lang erfolgreich darauf hingearbeitet hat, sich selbst alles Vermittelnde auszutreiben. Wo Musik nur noch zum Stillsitzen da ist, muss halt künstlich nachvermittelt werden.


Prof. Asmus J. Hintz
(General Manager des Bereichs Music Education der YAMAHA Music Central Europe GmbH und Direktor der Yamaha Academy of Music Hamburg)


Durch Elternhaus, Kindergarten, Schule und Freundeskreis erworbene Sing- und Musizierhemmungen unterschiedlicher Art erschweren Menschen den Zugang zur Musik und zum aktiven Musizieren. Die Eltern scheuen sich, ihrem Kind ein Liedchen vorzusingen, die Kindergärtnerin hält sich für unmusikalisch und in der Grundschule fallen 80% des Musikunterrichts aus. Faktum ist: Die digitalisierte Klangwelt vermittelt den Menschen ein Nullfehler- und Perfektionsideal, dass es in der Musizier-Praxis nicht gibt. Man fürchtet, diesem Standard nicht zu entsprechen und vermeidet daher eigene musikalische Betätigung.

Durch zielgruppengerechte Musikvermittlung müssen wir künftig heterogenen Bevölkerungsschichten unterschiedliche Wege zur Musik anbieten, Annäherung und Verständnis für Musik in ihrer Vielfalt bewirken, Menschen ermutigen, das eigene Musizieren, in welcher Form und auf welcher Fähigkeitsstufe auch immer, als selbstverständlichen Bestandteil ihres Lebens zu verstehen sowie neben der Konzentration auf die Früh- und Spitzenförderung aufzeigen, dass musikalische Betätigung und Bildung auch zur sinnerfüllten Lebensgestaltung im Alter beitragen kann. Wir müssen in Europa verstärkt Angebote für Ältere entwickeln, denn sie werden in wenigen Jahren die Mehrheit der Bevölkerung stellen.


Constanze Wimmer
(Anton Bruckner Privatuniversität Linz)


Muss Musik vermittelt werden? - Diese Frage stellt sich meines Erachtens nicht mehr. Musik w i r d vermittelt: auf pädagogische oder performative Weise, aus gesellschaftspolitischen oder ökonomischen Beweggründen. Musikvermittlung steht dabei in permanentem Austausch zu einem generellen Paradigmenwechsel der Aufführungskultur klassischer Musik, der spezielle Kenntnisse im Publikum immer weniger voraussetzt und Erlebnischarakter im Konzert einfordert.


Dietmar Flosdorf
(Musik zum Anfassen, Wien)


Nein! - Gute Musik, überzeugend vorgetragen, vermittelt sich selbst - nur nicht allen und an jedem Ort/ in jedem Rahmen gleich gut.


Arend Herold
(Orchestre Philharmonique du Luxembourg)


(Muss Musik vermittelt werden )

Nein. Aber sie kann mehr Menschen erreichen, wenn sie vermittelt wird.

(Auf welche gesellschaftlichen Veränderungen reagiert die Vermittlung in Bezug auf ihren Gegenstand?)

Die klassische Musik hat sich in den letzten 40 Jahren in die Ecke des Elitären abdrängen lassen oder böse gesagt: Sie hat sich damit abgefunden, von der Masse als spießig und verstaubt empfunden zu werden. In ihrem schnuckeligen Elfenbeinturm hat sie sich dabei vom Großteil der Gesellschaft isoliert und deswegen bedauerlicherweise weder gesellschaftliche Entwicklungen mitgemacht, geschweige denn beeinflusst.

Ein markantes Phänomen unserer Zeit ist das Streben nach Tempo, nach Geschwindigkeit, nach Leistungssteigerung. Erstaunlicherweise geht der Gewinn an Geschwindigkeit (und damit an Zeit) mit einem Verlust an Konzentrationsfähigkeit einher: Musikvermittlungsprojekte müssen also auf eine deutlich verringerte Aufmerksamkeitsspanne Rücksicht nehmen. Das normale Konzert hingegen überfordert unbedarfte Klassik-Einsteiger mit seinen überkommenen Konventionen, die dem Zuhörer lange Aufmerksamkeitsphasen abverlangen. Hier liegt es an der Musikvermittlung, neue Konzertformen zu finden, die den veränderten Rezeptionsgewohnheiten Rechnung tragen.


Prof. Dr. Barbara Stiller
(Hochschule für Künste Bremen)


Vermittlung ist meines Erachtens nichts, was auf vermeintlich gesellschaftliche Veränderungen reagiert bzw. reagieren kann. Vermittlung ist Kommunikation, ganz gleich, ob sprachlicher oder nichtsprachlicher Art, und da man bekanntlich nicht nicht kommunizieren kann, hat Musikvermittlung, sofern sie alle Menschen berührt, die zwischen Bühne und Publikum daran beteiligt waren und sind, immer stattgefunden. Was sich gesellschaftlich allerdings sehr wohl verändert zu haben scheint, sind die psychischen und entwicklungspsychologischen Strukturen des Publikums, und auf diese gilt es zunehmend altersspezifisch zu reagieren. Heutzutage sind Menschen, die künstlerisch für die Veranstaltungen verantwortlich zeichnen, gefordert, die für einen gelungenen Vermittlungsprozess notwendigen Bedürfnisse sowohl auf Seiten des Publikums als auch seitens der Agierenden auf der Bühne gleichermaßen auszuloten und konzeptionell zu planen. Das war nicht immer so. Solange sich die Kinder im Publikum einigermaßen ruhig verhalten haben und die Veranstaltung ausverkauft war, war es den Verantwortlichen oftmals egal, ob sich die Kinder mit all ihren Sinnen von der Präsentation "mitgerissen" fühlten oder ob sie nur brav darauf warteten, dass das Spektakel ein baldiges Ende haben möge. Eine spezifische Art altersgemäßer Musikvermittlung wird heute leider oftmals mit schulmeisterlicher Belehrung, blindem Aktionismus oder fernsehorientierter Spaßkultur gleichgesetzt. Das ist ein Vorwurf, den sich zahlreiche Veranstalter bezüglich ihrer Vermittlungskonzepte gefallen lassen müssen - und das auch, wenn sie es auf ihre Weise eigentlich nur gut meinen ...


Lars Vogt
(Pianist, Initiator von Rhapsody in School)


Es muss der Funke überspringen, und der muss emotional sein! Dazu bedarf es "Vermittlern", die selber für die Sache "glühen" und sich vielleicht sogar daran verbrennen. "Lauwarm" reicht jedenfalls nicht, um ein wirklich leidenschaftliches Verhältnis zu Musik herzustellen.


Wolfhagen Sobirey
(Direktor der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg, Lehrbeauftragter Hochschule für Musik und Theater Hamburg, Präsident des Landesmusikrats Hamburg, Mitglied im Präsidium des Deutschen Musikrats, Mitglied im Vorstand des Verbands deutscher Musikschulen)


Musikvermittlung mit Kindern und Jugendlichen steht nicht am Anfang. Sie ist Reparaturbetrieb, spätes Angebot für Jugendliche, die nicht das Glück hatten, in ihrer Kindheit bei den Eltern, in Kita und Grundschule für Musik interessiert zu werden. Musikvermittlung ist deshalb kein Ersatz für Musikangebote in der Kita, für qualifizierten, kontinuierlichen Musikunterricht in Schule und Musikschule. Diese Musikvermittlung ist auch nicht unbedingt immer so wirksam wie rechtzeitige Musikerlebnisse in früher Kindheit.

Musikvermittlung mit Erwachsenen sehe ich anders. Die findet z.B. in der Volkshochschule oder in der Erwachsenenabteilung der Musikschule statt. Sie hat etwas zu tun mit "Bildung ein Leben lang", mit Angeboten für Lebenszufriedenheit.


Christoph Thoma
(künstlerischer und kaufmännischer Geschäftsführer der Grazer Spielstätten GmbH (Orpheum, Dom im Berg, Kasemattenbühne))


Künstlerische Qualität und die Auseinandersetzung mit dem Publikum an sich bilden die Basis für Musikvermittlung. Künstlerinnen und Künstler sollen emotionalen Zugang zu Kunst und Kultur eröffnen: Vermittlung von Kunst und Kultur soll eine Bereicherung für das Leben werden. Daher ist die Schaffung von neuen Kernkompetenzen im Bereich Kunstvermittlung von essentieller Bedeutung.

Wir leben in einer Zeit großer gesellschaftlicher Veränderungen. Integration, Bildung, Gesundheitsvorsorge und ähnlihches verändern unseren Blick auf unser Leben, wie nehmen wir uns wahr? Welche Fragen unseres Zusammenlebens sind essentiell? Was sind die größten Herausforderungen für die Zukunft?

Diese Punkte spiegeln sich auch im Verhaltensmuster der Musikrezeption wider und sollen durch die zwei angeführten dargestellt werden.

Im Bereich des kommerziellen Angebotes der audiovisuellen Industrie mit seinen äußerst zielgruppengenauen Angeboten ist ein mächtiger Konkurrent herangewachsen, der besonders junge Menschen viel direkter ansprechen kann. Dem muss ein innovativer Kulturveranstalter entgegenwirken und das Live-Erlebnis in den Mittelpunkt stellen.

Der permanente Diskurs über kulturelle Bildung soll sich von der theoretischen Ebene emanzipieren. Die Umsetzung konkreter Ideen, wie die Einbindung von Konzertpädagogik in die Ausbildung von MusikerInnen als flächendeckendes Ziel oder die Implementierung von musikvermittelnden Maßnahmen (wie auch die Entwicklung von Kinder- und Jugendkonzerten) in die Orchesterlandschaft sind unumgängliche Zukunftsrealitäten.


Stefanie Fricke
(Flötistin und Musikvermittlerin, Hamburger Symphoniker)


Idealerweise vermittelt sich Musik von selbst. Aber die "Musiksprache" wird schon längst nicht mehr von allen verstanden und es bedarf Übersetzer, sprich: Vermittler, die helfen, Ohren und Sinne zu öffnen, um sich von der Musik "ansprechen" zu lassen.

Es wurde zu lange Musik für wenige gemacht. Aber mit der Veränderung der Gesellschaft verändert sich auch allmählich das Angebot der Konzertanbieter, denn Musik ist unser aller Kulturgut und keine elitäre Kunst für Eingeweihte. Eine große Herausforderung und eine soziale Verpflichtung für die Orchester ,die für dieses Engagement auch die entsprechenden Mittel bereitgestellt bekommen sollten.


Prof. Dr. Karl Heinrich Ehrenforth
(ehem. Dekan der Musikhochschule Detmold und Bundesvorsitzender des Verbandes Deutscher Schulmusiker)


Vermittlung meint, eine Mitte zu entdecken. Und weil Musik keine "Sache", sondern eine "Botschaft" ist und sein will, geht es hier um eine besondere Mitte. In ihr ist das (Er)Leben und (Er)Fahren wichtiger als das Nur-Wissen. Denn Musik "spricht" zu uns, zu mir. Sie will weniger gewusst als vernommen werden. Wie alles Sprechen ist auch ihre Sprache weit mehr als nur die blosse grammatische Struktur von Buchstaben, Wörtern, Satzteilen und Satzkonstruktionen. Es geht vielmehr darum, wie dieses Sprechen der Musik so nacherlebt werden kann, dass sie mich auch "an-spricht", mich etwas "an-geht".

Musik so zu hören, dass man ihren "An-Spruch" für uns und für mich erkennt, ist weitab von jener breiten Lernstrasse, auf der alle am Ende wissen sollen, warum 2+2=4 ist und was es mit dem "Prinzip von der Erhaltung der Energie "auf sich hat. Insofern kann man Musik letztlich auch nicht "unter-richten". Denn hier geht es - wie in allen Kunstfächern - darum, eine Beziehung zu stiften zwischen einem "Du" (der Musik) und einem "Ich" (des Hörers bzw.Interpreten, das im günstigen Fall auch zu einem begrenzten "Wir" des Verstehens werden kann, aber eben nicht werden muss). Dieser Vermittlungsbegriff ist nicht autoritär. Er ist das Gegenteil: offen für unterschiedliche Begegnungs und Erfahrungsweisen.

Wenn dies gelingen soll, braucht man Helfer, die an sich selbst erfahren haben, wie man Brücken zwischen Musik und Mensch bauen kann. Es geht um professionelle "Brückenbauer", die beide Ufer - das der Musik und ihres "An-Spruchs" und das der Hörer/Spieler mit ihren Erwartungen kennen bzw.erspüren können.

Wenn es um diese zentrale Frage geht, sind Vorwürfe einer "Pädagogisierung" oder gar "Didaktisierung" der Kultur gegenstandslos. Eine demokratische Kunstkultur, die die Teilhabe aller an ihr zum Ziel hat, ist vielmehr auf vermittelnde Brücken einer professionellen Musikvermittlung angewiesen. Weil "Musik unsere Welt als andere" ist (Bernhard Waldenfels), hat dann auch der bis heute missverstandene ästhetische Autonomieanspruch ausgedient, als gehe es in der Musik immer nur um "die" Musik "selbst". Musik kann nur leben, weil Menschen ihr Leben in sie einbringen. Das haben Mendelssohn Bartholdy, Mahler und Debussy besonders gut gewusst - um nur einige zu nennen.


Prof. Dr. Hermann Rauhe
(Ehrenpräsident der Hochschule für Musik und Theater Hamburg)


A) Heute muss Musik vermittelt werden, weil musikalische Bildung in Familie, Kindergarten, Schule nur noch in geringerem Umfang stattfindet.

B) Der Ereignischarakter der Musik ist durch ihre massenmediale Allgegenwart weitgehend verloren gegangen. Dabei besteht die Besonderheit des Phänomens Musik darin, dass sich die musikalischen Komposition jeder Aufführung jeweils neu konstituiert: Es gibt nicht die 5. Sinfonie von Beethoven, sondern so viele 5. Sinfonien wie es Aufführungen gibt. Auf Seiten des Hörers erfordert eine werkgerechte Wahrnehmung die aktive Re-Komposition der aufeinanderfolgenden Klänge. Dies setzt ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und differenzierter Hörfähigkeit voraus. Eben daran mangelt es häufig, weil Musik vielfach zur Klangtapete degradiert und ihre aktive Wahrnehmung verkümmert ist. Vermittlung ist daher notwendig, neu Interesse und Sensibilität für Musik zu wecken, Hörhilfen zu geben und damit zum bewussten, ganzheitlichen Hören zu erziehen.


Rainer O. Brinkmann
(Musiktheaterpädagoge an der Staatsoper Unter den Linden, Berlin)


Muss Musik vermittelt werden? Nein! Musik ist unmittelbar.

Bis auf ein winziges Segment okzidentaler Kunstmusik, die ein Publikum entwickelt hat, das bereit war, lange bewegungslos und schweigsam zuzuhören und die Inhalte zu entschlüsseln (oder zu ignorieren). Soziale Herkunft, Bildung und das daraus resultierende Bewusstsein für kulturelle Identität ließen eine Musikkultur entstehen, die sich der unmittelbaren Rezeption zu verschließen scheint. Die spätkapitalistische Gesellschaft erzeugt individualisierte, narzisstische, hedonistische Schnellkonsumenten, die im globalisierten Raum nicht mehr fähig sind zur Rezeption des utopischen Potentials von Kunstmusik.

Erachtet man das als wichtig, sollte Musikvermittlung zur Chefsache gemacht werden.

Was ist der Gegenstand der Vermittlung? Das Werk ist ein verschlüsseltes, symbolisches Konglomerat. Die Geschichte darin setzt sich zusammen aus der Handlung, dem Programm, der Ideengeschichte, der eigenen Hör- und Sichtweise. Erzählt wird mit Instrumenten, mit Tonarten, Harmonien, Rhythmen, Wiederholungen, mit Stimmungen und Hurrrz. Wie viel davon muss man kennen und wissen?

Haltungen von Musikern, von Sängerinnen, von Opernfiguren, von Komponistinnen und von Librettisten werden sichtbar oder bleiben verdeckt. Das Bewusstsein für innere und äußere Haltungen muss geschärft werden.

(Musikalische) Erlebnisse können Erfahrungen werden, Erfahrungen führen zu Einsichten, Gewohnheiten und Charakter.


Benedikt Stampa
(Intendant des Konzerthaus Dortmund)


Am besten, Musik wirkt direkt und intuitiv. Denn jede Musik, egal welchen Genres, ist emotional aufgeladen und sendet emphatische Impulse. Also gilt es, nicht nur den bildungskulturellen Vermittlungsaspekt zu bedenken, sondern, ebenso wichtig, die Entwicklung und Kultivierung von Empathie an sich zum Thema zu machen. Denn Einfühlungsvermögen ist die Vorraussetzung für die Rezeption von Kunst.


Iris Winkler
(Musiktheater- und Konzertpädagogin, Berlin)


Nein!

Die Musik ist das künstlerische Mittel, das von Menschen geschaffen wurde, damit andere Menschen es als Reflexionsgegenstand ihres eigenen Lebens benutzen können. Dabei teilen und vervielfachen sie eine Erfahrung. Das kann schmerzhaft, lustvoll, interessant, lustig usw. sein. Die Musik kann Menschen einfach nur vom eigenen Leben ablenken. Sinnvoll wird es dann, wenn der Zusammenhang zwischen Musik und Musikhörern hergestellt wird.

Das Wissen um kulturgeschichtlich gewachsene Symbole schrumpft und ist ernsthaft bedroht. Der kleinste gemeinsame Nenner unserer Sprache wird immer kleiner. Hier gilt es, gegen anzusteuern: nicht im Glauben, Menschen zum vermeintlich Besseren bekehren zu müssen. Sondern im Vertrauen darauf, dass das Selbstbewusstsein, das eigene Empfinden, der Wunsch, Erfahrungen zu machen, bei allen Menschen vorhanden und förderbar ist.


Christoph Gotthardt
(Leiter der Musikvermittlung/Schülerkonzerte der Stadt Frankfurt am Main und Fachberater Musik am Staatlichen Schulamt)


Musik vermittelt sich selbst. Natürlich ist das richtig und im besten Fall tut sie dies sicher unmittelbarer, unterhaltsamer und "besser" als jede/r Musikvermittler/in. Dennoch ist Musikvermittlung notwendig, denn sie reagiert auf aktuelle "mediengesellschaftliche" Verhältnisse, die sich auf die Disposition der Hörer auswirken und eine "Selbstvermittlung der Musik" erschweren.


Stephanie Riemenschneider
(Konzertdramaturgin und Konzertpädagogin der Niederrheinischen Sinfoniker)


Kein Muss: Musikvermittlung. Ein Muss: Musik zu einem sinnlichen Genuss machen. Ein Wunsch: Den Menschen wieder Lust auf - auch klassische und Neue - Musik machen, ihnen die Ohren öffnen, sie zum Hören einladen, Ihnen Kriterien für das Hören von und das Sprechen über Musik mitgeben.


Dr. Susanne Keuchel
(Institut für Kulturforschung, Bonn)


Musik muss vermittelt werden, wenn sie nicht selbstverständlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens ist. Musik, mit der man aufwächst, die von den Menschen gehört wird, die uns etwas bedeuten, wird man als unverzichtbaren Bestandteil der eigenen Kultur pflegen. Leider trifft dies heute vielfach auf Klassische oder zeitgenössische neue Musik nicht mehr zu ebenso wie wir uns schwer tun, ohne Musikvermittlung den Zugang zu Musik aus fernen Kulturkreisen zu finden.


Ursula Heidecker
(Konzertpädagogin und Geigerin beim Royal Scottish National Orchestra)


Ja, Musik muss auf jeden Fall vermittelt werden! Es gibt so viele Menschen, die nie mit klassischer Musik in Berührung kommen, aber die durchaus erreichbar sind und sich interessieren, wenn man sie dazu ermutigt. Auch gibt es reguläre Konzertbesucher, die gern mehr über die Musik wüssten, die sie hören.

Das Prinzip, dass Musikvermittlung Brücken schlägt zwischen uns als Musikern und den Hörern, das ändert sich nicht. Aber natürlich muss sich die Art der Vermittlung der jeweiligen Zielgruppe anpassen. So, wie man bei Kinderkonzerten am besten eine bestimmte Altersgruppe anspricht (5jährige hören anders als 12jährige), muss man auch bei kreativen Projekten genau wissen, mit wem man arbeitet. Es ist unsere Aufgabe als Musikvermittler, herauszufinden, was die Bedürfnisse und Wünsche der Zielgruppe sind, und dann das jeweilige Programm oder Projekt maßzuschneidern. Das erfordert von uns natürlich offene Augen und Ohren für gesellschaftliche Veränderungen, ob große Veränderungen oder der neueste Hit aus den Charts - wir müssen am Puls der Zeit bleiben.


Dr. Ulrich Wüster
(Generalsekretär der Jeunesses Musicales Deutschland)


Musik ist - entgegen der landläufigen Ansicht - keineswegs "selbsterklärend" und muss daher vermittelt werden. Wer ihre Schönheiten er-Kennen will, muss sie Kennen-lernen, muss Anhaltspunkte bekommen, was es da überhaupt alles zu hören gibt. Muss auch sein "Sensorium", sein Aufnahmeorgan Ohr und seine innere emotionale Weiterverarbeitung, kennenlernen. Nur so werden Unterschiede zwischen "live"-Konzert und "light"-Konserve spürbar und erlebbar.
Wer zu "neuen Ufern" segeln will, muss seine Passagiere am vertrauten Gestade abholen. Menschen brauchen bekannte Anknüpfungspunkte, um sich weiter zu wagen. Für Musikvermittlung könnte dies bedeuten: entweder inhaltlich anzuknüpfen an die in der "Umwelt" jeweils "natürlich" vorkommende Musik oder methodisch an Lernkontexte wie "Infotainment" oder "Erlebnispark" (zum Mitmachen) - allerdings sollte sie über diesem Weg nicht ihr Ziel aus den Augen verlieren: Klassische Musik ist auf jeden Fall mehr als ein Steinbruch für Pop und Werbespots, und ein Klassik-Konzert unterscheidet sich in seiner "performance" mit eigenem Wert von anderen Arten der "Show".
Es käme darauf an, in der Fülle aller Musik eine Orientierung zu bekommen, die auch die nicht kommerziell aufgedrängten Musikarten erkennbar macht. Es käme darauf an, die Vielfalt sicher erkennen und einordnen und in ihr bewusst wählen zu können. Es käme darauf an, auch das gelten zu lassen, was man selbst nicht gewählt hat.


Regula Stibi
(Kabel Musikvermittlung , Zürich)


Überall klingt es: Konzerte, Festivals mit tollen Programmen. Musik wird gespielt und soll gehört werden, von möglichst vielen aufmerksamen Zuhörenden.

Damit der Funke springen kann, braucht es Menschen, die Klangsalat aus übervollen Ohren putzen. VermittlerInnen, die Brücken schlagen zwischen Musik und Hörenden. Die zeigen, wie Musik, wie die Welt klingt, was es da für spannende Geräusche und Klänge, leise, sinnliche, rockige und berückende Hörmomente gibt. Denn es gibt wirklich viel zu entdecken.


Thomas Oesterdiekhoff
(Geschäftsführer der musikFabrik, Köln)


Musik vermittelt sich doch schon in dem Moment, in dem sie erklingt. Zusätzlich aber ist es dazu hilfreich und förderlich für Geist und Seele eines Jeden Hintergrundwissen zur Musik zu erwerben, (auditive) Sensibilisierung an sich wahrzunehmen, kreative Prozesse zu durchlaufen?. vielleicht sogar verschüttete (musikalische )Instinkte freizulegen?

Nötig scheint die (außermusikalische) Musikvermittlung, über die wir hier nun sprechen, durch Vernachlässigung des Musikunterrichts in den Schulen geworden zu sein und durch die enorm starke Präsenz der Unterhaltungsmusik in der Gesellschaft, durch die die Kunstmusik zu einem Nischendasein degradiert wurde und wird. Darüber hinaus ist aber auch immer stärker der Wunsch von Berufstätigen und Rentnern zu vernehmen sich qua Musik fort- und weiter zu bilden.


Romy Sarakacianis
(Konzertpädagogin, Gürzenich-Orchester Köln)


Musik ist nicht grundsätzlich erklärungsbedürftig und wirkt auch für sich allein. Jedoch kann gute Musikvermittlung bewirken, dass Musik intensiver erlebt und besser verstanden wird. Auch erfahrenen Hörern können sich so völlig neue Sichtweisen eröffnen.

Musikvermittlung ist mehr als nur Vermittlung von Fakten und Wissen. Sie soll den Kindern und Jugendlichen auch emotionalen Zugang zur Musik eröffnen.

Sinfonische Musik lässt sich auch sinnlich erleben durch Bewegung, Tanz-Improvisation, Texten und Gestalten von Bildern.


Simon Halsey
(Chefdirigent des Rundfunkchors Berlin)


Yes! Because in our very busy modern world the public has so many choices that we cannot expect people to come to our type of music without help and explanation. We are in direct competition for people?s enthusiasm and money with sports, all sorts of cultural events, travel and I.T. revolution.

Ja! Unsere geschäftige moderne Welt hält für das Publikum so viel Auswahl bereit, dass wir nicht davon ausgehen können, dass die Menschen ohne Hilfen und Erklärungen zu unserer Art von Musik finden. Wir stehen in direkter Konkurrenz im Wettkampf um Zeit und Geld der Menschen mit Sport, jeglichen anderen kulturellen Ereignissen, Reisen und der IT-Revolution.


Sabine Berlin
(Leiterin des Jugendprogramms "Ohren auf" des Radiosinfonieorchester Stuttgart des SWR)


Klassische Musik braucht Vermittlung, weil sie im Alltag von immer weniger Menschen wahrgenommen wird. In einer akustisch überfrachteten Gesellschaft bieten Konzerte Möglichkeiten zum differenzierten Zuhören.


Joachim Litty
(Leiter der Landesmusikakademie Berlin)


Ohne vorab Einvernehmen darüber herzustellen, was unter dem umfassenden Begriff "Musikvermittlung" zu verstehen ist, folgende Anmerkung: Es kann gar nicht genug Musik von allen für alle vermittelt werden, ob jung oder alt, andernfalls versäumen Tausende, welch beglückende Kraft Musik ausstrahlen kann. Ganz zu schweigen von den nicht entdeckten Talenten und sozialen Verwerfungen, die uns aus der mangelnden Musikalisierung einer Gesellschaft erwachsen.


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Musikvermittlung - Wo? (Collage II)

Was sind die Orte der Musikvermittlung? Wo findet sie ihren Platz zwischen Didaktik, Wissenschaft und Marketingstrategie?


Andreas Peer Kähler
(Dirigent und Komponist, Berlin)


Wie bitte? Didaktik, Wissenschaft? Die bereiten doch die erfolgreiche Praxis der Musikvermittlung eh nur theoretisch nach. Die Orte der Musikvermittlung liegen in der Praxis, an allen Orten, wo Musik zuhause ist - oder zuhause sein könnte! ? Und "Marketingstrategie"? Na gut, wenn die ehrliche Arbeit vor Ort zufälliger Weise woanders in eine "Marketingstrategie" passt - okay, aber bitte nicht umgekehrt. Ich kenne jedenfalls keinen Komponisten, der einer Marketingstrategie und nicht seiner Überzeugung oder seinem inneren Ohr gefolgt wäre.


Univ.-Prof.(em.) Hans Günther Bastian
(Musikpädagoge und Gründungsdirektor des "Instituts für Begabungsforschung und Begabtenförderung in der Musik, Paderborn)


Primäre Orte musikalischer Sozialisation sollten sein die Familie, der Kindergarten. die Grundschule. Pointiert und provokativ: alle drei Instanzen versagen weitgehend. Singende Familien, wo gibt es sie? Das jährliche Singen unterm Weihnachtsbaum wird eher zu einer peinlichen Groteske, es sei denn, dass es noch eine Oma gibt. Im Kindergarten schreien hundert Kinder zur Akkordeonbegleitung "Die Affen rasen durch den Wald", laut und unkultiviert dröhnt es nach draußen. In der Grundschule wird erst gar nicht gesungen, weil der Musikunterricht zu 80% ausfällt oder fachfremd unterrichtet wird. Dabei hat jedes Kind ein verfassungsmäßig verbrieftes Recht auf musikalische Bildung. Die Folge: Außerschulische Orte haben sich quasi kompensatorisch als Begegnungsstätten mit klassischer Musik konstituiert und bewährt.


Prof. Michael Kaufmann
(ehemaliger Intendant der Philharmonie Essen)


Jeder Ort ist ein Ort der Musikvermittlung: ein Opa in einem kleinen Wohnzimmer, der berührend auf seinem Akkordeon spielt, eine Schul-Aula, in der man zum ersten Mal eine Mozart-Sinfonie hört. Auch eine Badewanne, der man nicht jedes Mal entsteigen kann, wenn im Radio ein Musikstück kommt, das man vielleicht gerade nicht mag und bei längerem Hinhören immer besser findet. Natürlich sind das auch die wirklichen Orte der Musik, die Konzertsäle - und da sollte am meisten Musik vermittelt werden - durch eine lebendige und Ohren-öffnende Programm-Gestaltung. Mal mit Worten, am besten aber ohne Worte, indem einfach gute Musik von begeisternden Künstlern geboten wird und wo das Austauschbare, das Beliebe, das Banale, das Aufgesetzte keine Heimat finden können. Didaktik, Wissenschaft und Marketing finde ich als Begriffe alle drei untauglich - ich verstehe da nur einen Begriff: Faszination erzeugen.


Bernhard König
(Büro für Konzertpädagogik, Köln)


Genau dort, wo diese drei enden: In der lebendigen Begegnung zwischen Menschen mittels Tönen.


Prof. Asmus J. Hintz
(General Manager des Bereichs Music Education der YAMAHA Music Central Europe GmbH und Direktor der Yamaha Academy of Music Hamburg)


Klassische Orte der Musikvermittlung sind die Familie, Kindergärten, allgemein bildende Schulen, Musikschulen, Konzert- und Opernhäuser, auch Jugendzentren, Clubs, Chöre, Laienorchester, Bands, Rundfunk und Fernsehen. Kurzum: überall dort, wo Musik dargeboten und wahrgenommen wird, findet im Wortsinn Musikvermittlung statt. Welche Bedeutung Musik für den Einzelnen haben kann, hängt von vielen Faktoren ab. Die Bandbreite reicht von lustvollem Erleben bis zum bewussten Verstehen. Musikvermittlung, wissenschaftliche Erkenntnisse, pädagogisches und zielgruppenspezifisches Handeln sind unerlässlich für erfolgreiche Vermittlung, die immer das Resultat eines Lernprozesses ist. Der Ruf "Befreit die Musikvermittlung aus der Umklammerung der Pädagogik!", den man vor einiger Zeit in einem nmz-Bericht lesen konnte, belegt fachliche Inkompetenz.


Constanze Wimmer
(Anton Bruckner Privatuniversität Linz)


Das lebendige, verunsichernde, streitbare und beflügelnde an der musikvermittelnden Praxis ist - sie hat keinen fest gefügten Platz in der Trias Didaktik, Wissenschaft und Marketing. In immer neuen Perspektiven denkt sie von der Musik aus, während sie ihr Publikum anspricht und denkt vom Publikum aus, während sie die Musik zum Klingen bringt.


Arend Herold
login:music, Orchestre Philharmonique du Luxembourg)


(Was sind die Orte der Musikvermittlung?)

Im Prinzip lässt sich jeder Ort "musikalisieren", an dem zwei Menschen oder mehr zusammenkommen können. Musikvermittlung kann gerade an Orten, wo man sie nicht erwartet, ungeahnte Wirkung entfalten!)

(Wo findet sie ihren Platz zwischen Didaktik, Wissenschaft und Marketingstrategie?

Bei uns hat die Musikvermittlung ihren festen Platz in der Kunst: Sie dient dazu, eine emotionale Bindung zwischen der Musik und dem Publikum aufzubauen. Didaktik, Wissenschaft und Marketingstrategien haben untergeordnete Funktionen.


Prof. Dr. Barbara Stiller
(Hochschule für Künste Bremen)


Musikvermittlung sollte als ein künstlerischer Prozess verstanden werden, wofür es dementsprechend unendlich viele Kontexte gibt. Im Konzertsaal, im Radio und Fernsehen, in den Printmedien, in allen musikpädagogisch arbeitenden Institutionen und an zahllosen Orten der Freizeitgestaltung findet Musikvermittlung statt. Überall hat sie ihren spezifischen Raum, überall ihre individuelle Berechtigung. Die jeweiligen Vermittlungskonzepte unterscheiden sich allerdings gravierend voneinander: meistens findet der Akt der Vermittlung intuitiv statt, mal wird er pädagogisch inszeniert, mal soll darüber reflektiert werden, aber gelungen ist der Vermittlungsprozess immer und überall dann, wenn er einem in sich stimmigen und musikalisch-künstlerisch tragfähigen Konzept standhalten kann.


Lars Vogt
(Pianist, Initiator von Rhapsody in School)


Musikvermittlung kann überall passieren. Es geht nicht um den Rahmen, sondern um den Inhalt. Didaktik und Wissenschaft können einen tieferen Einblick schaffen, wo der emotionale Zugang hergestellt ist. Marketing will nur verkaufen. Es kann auch einen positiven Nebeneffekt haben, wenn es gut gemacht ist, ist aber primär dadurch vergiftet und nicht immer glaubwürdig, weil der Zweck die Mittel heiligt. Wenn wir Musik vermitteln wollen, sollte es aus dem Wunsch sein, dass die Musik den Weg in das Leben junger Menschen findet, aus dem Bewusstsein heraus, wie ungeheuer wichtig die Verankerung eines so emotionalen Pols im Leben ist.


Wolfhagen Sobirey
(Direktor der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg, Lehrbeauftragter Hochschule für Musik und Theater Hamburg, Präsident des Landesmusikrats Hamburg, Mitglied im Präsidium des Deutschen Musikrats, Mitglied im Vorstand des Verbands deutscher Musikschulen)


Es ist Pädagogik, erlebnishaft, oft handlungsorientiert. Als Live-Erlebnis von Musik findet sie statt, im Konzerthaus oder beim Künstlerbesuch in der Siedlung, in der Kita, in der Schule.


Christoph Thoma
(künstlerischer und kaufmännischer Geschäftsführer der Grazer Spielstätten GmbH (Orpheum, Dom im Berg, Kasemattenbühne))


Kinder- und Jugendprojekte sind kein Marketinginstrument um an neue Zielgruppen heranzukommen. Oberstes Ziel muss die Etablierung der Kunstvermittlung als eigenständige Rezeptionsform sein. Nur so kann ein junges Publikum an Kunst herangeführt werden. Zielgruppenorientierte Marketingstrategien können dies unterstützen.

Musikvermittlung findet überall dort statt, wo das Individuum und dessen Wahrnehmung ins Zentrum gestellt wird. Der Mensch muss emotional berührt werden, im Kopf bewegt, zum Nachdenken angeregt werden. Der Ort an sich spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Primär geht es um die Vermittlung von höchster künsterlischer Qualität, die Wahl des Konzertortes, der an den dramaturgischen Inhalt angepasst werden kann, kann diese Wahrnehmung unterstützen.


Stefanie Fricke
(Flötistin und Musikvermittlerin, Hamburger Symphoniker)


Jeder Ort, an dem Musik gemacht wird, ist auch ein Ort der Musikvermittlung, vom Klassenzimmer bis hin zum Konzertsaal. Die Frage ist doch, ob wir warten, bis die Menschen zu uns kommen, oder ob wir sie in ihrem Umfeld abholen und damit zeigen: Für dich machen wir das.


Prof. Dr. Karl Heinrich Ehrenforth
(ehem. Dekan der Musikhochschule Detmold und Bundesvorsitzender des Verbandes Deutscher Schulmusiker)


Als Leo Kestenberg vor fats 100 Jahren das Schulfach Musik durchsetzte, tat er den ersten Schritt in die richtige Richtung. Immer mehr aber wurde erkannt, dass Schule und Musikschule allein diese wichtige Aufgabe der Musikvermittlung nicht bewältigen können, zumal ihre Wirkungsmöglichkeit innerhalb der Schule beschränkt geblieben ist.

So haben verantwortungsvolle Dirigenten und Orchester vorausblickend erkannt, dass sie sich selbst engagieren müssen, um ein Publikum der Zukunft zu gewinnen. So wurden Kinder- und Familienkonzerte eingerichtet. Kommunen sammelten musikalischen Intiativen vom Stadttheater über die Kirchenmusik bis zum Gesangsverein und bündelten sie. Überall aber wurde deutlich, dass es an professionalisierten Musikvermittlern fehlt, die nicht nur auf der Bühne stehen, mit dem Mikrofon umzugehen wissen und die Musik in kind- und laiengerechter (aber nicht infantiler!) Sprache erläutern können, sondern Brücken zwischen Musik und Mensch zu schlagen wissen, ohne den Anspruch der Musik zu verraten oder das Publikum zu über- oder gar zu unterfordern.


Prof Dr. Hermann Rauhe
(Ehrenpräsident der Hochschule für Musik und Theater Hamburg)


Musikvermittlung kann überall geschehen nicht nur an den traditionellen Orten wie Konzertsälen. Am wichtigsten und nachhaltigsten ist die frühe Vermittlung in der Familie, im Kindergarten in der Vor- und Grundschule. Deshalb sind Projekte am besten durch gemeinsames Singen, Musizieren und Bewegen zur Musik die generationsübergreifende Initiative Canto elementar so wichtig: Senioren singen mit Kindern im Kindergarten. Neue Zugänge zur Musik können sich besonders an ungewöhnlichen Orten und zu ungewöhnlichen Zeiten ergeben und im Zusammenspiel der Musik mit anderen Künsten, Bildender Kunst, Architektur, Literatur, Theater und Tanz, im Zusammenwirken von Profis und Laien, Kindern Jugendlichen und Senioren, in der Kombination verschiedener Musik"welten" und Kulturen. Deshalb finden Theorie und Praxis der Musikvermittlung ihren Ort in Schnittfeld der verschiedensten Wissenschaften und ihrer Anwendungsbereiche: Musikwissenschaft, Analyse und Interpretation, Ästhetik, Anthropologie, Ethnologie, Soziologie, Psychologie, Rezeptionsforschung, Kulturwissenschaften, Kulturmanagement und Marketing und Pädagogik. Musikvermittlung bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Ausspruch der Musik und Ansprache der Zielgruppen. Die Gewinnung neuer Zielgruppen aller Alters- Sozial- und Bildungsschichten erfordert Marktstrategien, die in Einklang gebracht werden müssen mit Publikumsdidaktik und ästhetischen Ansprüchen (Eigengesetzlichkeit der Kunst, künstlerische Wertfragen).


Rainer O. Brinkmann
(Musiktheaterpädagoge an der Staatsoper Unter den Linden, Berlin)


Wo man träumen kann. Wo man sich bewegen kann. Wo man in voller Lautstärke hören kann. Wo man mit Musik kommunizieren kann.

Zwischen den Ohren. Im Körper. In den Fingern. In der Haltung des Singenden. In der Vibration der Trommelfelle.

Im Opernhaus. Im Konzertsaal. In der Schule im Genussunterricht. In der Hausmusik am Dienstagabend. Im Jugendzentrum. Im Kindergarten vor dem Mittagsschlaf. Im Seniorenheim. Auf MTV und Viva. Beim Betriebsausflug. Im neuesten PC-Game. Auf der X-Box. Im Podcast.

Wo daran gedacht wird, dass ein Zuhörer nicht nur ein zahlender Kunde oder ein Analysezombie ist, sondern ein Mensch, der sich im Kunstwerk wieder erkennen und dabei Spaß haben will.

Wenn die Lust an klassischer Musik geweckt ist, will man sie immer und überall hören.


Benedikt Stampa
(Intendant des Konzerthaus Dortmund)


Wenn Musikvermittlung auch die Entwicklung von Empathie bedeutet, ist jeder Ort der richtige und wichtige, wo Menschen auf einander treffen. Musikvermittlung beginnt somit zu Hause zwischen Eltern und Kind.


Iris Winkler
(Musiktheater- und Konzertpädagogin, Berlin)


Musikvermittlung kann überall stattfinden.

Ihr Platz ist "zwischen" oder besser "inmitten", und sollte in Didaktik, Wissenschaft, Dramaturgie und Verkaufsplanung zunehmend selbstverständlich sein.


Christoph Gotthardt
(Leiter der Musikvermittlung/Schülerkonzerte der Stadt Frankfurt am Main und Fachberater Musik am Staatlichen Schulamt)


Musikvermittlung hat mit allen genannten Bereich zu tun. Von der Sache her ist sie der Didaktik am nächsten, muss dann aber zunächst an Wissenschaft orientiert sein und erst zuletzt Marketingstrategie bedenken. Nicht Vermarktung zuerst, sondern Musik! Wo immer gute Musik ist, da ist auch der Ort ihrer Vermittlung.


Stephanie Riemenschneider
(Konzertdramaturgin und Konzertpädagogin der Niederrheinischen Sinfoniker)


Menschen gehen zur Musik und Musik geht zu den Menschen. Wenn ersteres nicht mehr geschieht und bestimmte Altersschichten und Bevölkerungsgruppen nicht mehr erreicht werden, wird zweiteres sinnvoll. Familie, Schule, Konzerthäuser können Stätten der Musikvermittlung sein. Und die Musikwissenschaft - ist Zulieferant!?


Dr. Susanne Keuchel
(Institut für Kulturforschung, Bonn)


Demgemäß sind die besten Orte der Musikvermittlung die, die verankert sind im Alltag der Zielpersonen. Schafft man es, mehr klassische oder zeitgenössische Musik zu verankern in den Medien, die von den Zielpersonen gehört werden, auf dem CD-Player der Eltern, auf dem Schulfest oder im Szenetreff, fördert man Akzeptanz und Interesse als Voraussetzung des Zugangs. Dies benötigt Kooperationen und das Schaffen von Netzwerken als wichtigste Voraussetzung der Musikvermittlung sowohl um Musik in den Alltag der Menschen zu platzieren als auch Menschen für das Konzertangebot zu erreichen.


Ursula Heidecker
(Konzertpädagogin und Geigerin beim Royal Scottish National Orchestra)


Orte der Musikvermittlung können überall sein: Moderierte Konzerte, konzertbezogene Workshops für Familien oder Erwachsene oder Kinder, Schulen, Sonderschulen, Volkshochschulen, aber auch Krankenhäuser, Altenheime, Gefängnisse, Fußballstadien (warum nicht mit eingefleischten Fans einen neuen Chant für ihren Club schreiben oder mit ein paar Musikern oder dem städtischen Orchester die neue Saison eröffnen?) etc etc - die Liste der Möglichkeiten ist endlos, wenn man bereit ist, nicht nur von oben herab zu belehren, sondern auch mit Nichtmusikern kreativ zu arbeiten. Gute Musikvermittlung erweitert Horizonte und steigert die Lebensqualität der Zielgruppe - sei es, dass sie bewusster zuhören, sei es, dass sie Selbstvertrauen dadurch gewinnen, dass sie selbst mit einfachen Mitteln Musik machen und schaffen können. Hier in Großbritannien ist die kreative Arbeit ein wesentlicher Bestandteil der Musikvermittlung, und meine persönliche Erfahrung ist, dass die Musikerfahrung der Zielgruppe viel intensiver ist als beim passiven Zuhören.

Wo Musikvermittlung mit einem Orchester verbunden ist, ist der Aspekt des Marketings natürlich damit verbunden - letztendlich wollen wir Menschen für Musik interessieren und gewinnen. Didaktik und Musikwissenschaft sind integrale Bestandteile insofern, als wir ja den Hintergrund der Stücke recherchieren müssen, die wir dann vermitteln.


Dr. Ulrich Wüster
(Generalsekretär der Jeunesses Musicales Deutschland)


Musikvermittlung braucht (auch) "authentische" Orte. Musik in der Schulstunde ist eine wichtige, weil im Idealfall "alle" erreichende Plattform. Aber Musik kann nur sinnvoll Unterrichtsgegenstand sein, wenn der Unterricht an den Ort des Geschehens führt: in die Komponierstube, ins Musizieren, ins Orchester, ins Konzert - also auch aus der Schuler heraus. Deswegen sind Musikvermittlungsangebote aus dem Musikleben selbst so wichtig: Die Schule braucht eine Synapse, eine Stelle, wo der Unterricht "andocken" kann. Umgekehrt brauchen die Einrichtungen eine Schule, die sich auch öffnen, nach außen vernetzen und kooperieren will und die Vorteile dabei sieht.
Musikvermittlung braucht Didaktik, also eine strukturierte Form mit methodisch gut überlegten Konzepten, sonst wird sie zur Schlingerfahrt. Diese und weitere Erkenntnisse über ihren Gegenstand "Musik" gewinnt sie aus der (Musik-, Theater- und Erziehungs-) Wissenschaft, die brauchbare und solide Bausteine zur Verfügung stellt. Als "Marketing"instrument (z.B. für ein Orchester) können Musikvermittlungsangebote nur funktionieren, wenn sie inhaltlich und didaktisch wertvoll sind. Sonst sind sie eine rasch durchschaute "Mogelpackung". Wenn "audience development" als eine quantitative Zielsetzung des Managements erfolgreich sein soll - z.B. Publikumszahlen, Abonnenten überhaupt zu steigern oder den Anteil jüngerer Besucher usw - , der muss "audience development" auch pädagogisch verstehen: Die Kenner, die das Musikangebot schätzen sollen, müssen herangebildet, interessiert und gebunden werden. Dazu braucht es nicht immer wieder neue Highlights und Mega-Events, sondern eine vielfältige und interessante kontinuierliche Programmpolitik mit "education"-Elementen. Bereichert fühlt sich nur, wer nachher mehr weiß, mehr erlebt hat und das auch reflektieren kann, als vorher.


Regula Stibi
(Kabel Musikvermittlung , Zürich)


Musikvermittlung ist dann gut, wenn sie nicht zu sehr in das Spannungsfeld von Kunst, Didaktik und Marketing eingezwängt wird. Versteht man sie nur als nötige, aber etwas anstrengende und teure Massnahme, als Pflicht in der heutigen Marktsituation, nimmt man weder die Vermittlung noch die Adressaten ernst. Musikvermittlung nämlich nimmt ihren Gegenstand genau so ernst, wie die Zuhörenden und sucht nach immer wieder Möglichkeiten, das Publikum aufgehorchten zu lassen: ich bin da, die Musik ganz nahe und niemand und nichts lenkt mich dabei ab, wenn meine Ohren ganz gross werden und die Zeit still zu stehen scheint oder die Füsse tanzen wollen.


Thomas Oesterdiekhoff
(Geschäftsführer der musikFabrik, Köln)


Die Orte können überall sein, wo etwas klingen kann oder schon klingt.

Die 2. Frage ist zu unkonkret gestellt um sie hier zu beantworteten.


Romy Sarakacianis
(Konzertpädagogin, Gürzenich-Orchester Köln)


In dem Maße, in dem der Musikunterricht eingestampft wird, sind die Orchester genötigt, in die Bresche zu springen. Es ist aber nicht die alleinige Aufgabe der Orchester, den musikalischen Notstand an deutschen Schulen zu beheben.


Simon Halsey
(Chefdirigent des Rundfunkchors Berlin)


Education in the first place needs to be taken to the people - into school, colleges and places of work. Once we have established a link with people we can ask them to visit us. And we need to make sure our halls are welcoming, lively, colourful and busy.

Musikvermittlung muss zuallererst zu den Menschen gebracht werden - in die Schulen und Arbeitsstätten. Wenn die Verbindung zu den Menschen einmal hergestellt ist, können wir sie bitten, zu uns zu kommen. Und wir müssen sicherstellen, dass unsere Konzerthäuser einladend, farbig, lebendig und belebt sind.


Sabine Berlin
(Leiterin des Jugendprogramms "Ohren auf" des Radiosinfonieorchester Stuttgart des SWR)


Musik soll direkt dort vermittelt werden, wo sie entsteht - im Konzert, auf der Bühne, in der Orchesterprobe, im Studio, Radio und Klassenzimmer. Hier erleben Kinder und Jugendliche eine Live-Situation, die in ihrer unmittelbaren Lebenswelt selten geworden ist.


Joachim Litty
(Leiter der Landesmusikakademie Berlin)


Überall, wo Menschen aufeinander treffen - vom Mutterleib bis zum Totenbett!



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Musikvermittlung - Durch wen? (Collage III)

Wer ist Musikvermittler? Welche fachlichen und persönlichen Kompetenzen verlangt erfolgreiche Vermittlungsarbeit? Wie kann man lernen, Musik zu vermitteln?


Andreas Peer Kähler
(Dirigent und Komponist, Berlin)


je, eigentlich muss man als Musikvermittler eine Art Halbgott sein: musikalisch den Interpreten ebenbürtig, mit einer am Schauspiel geschulten Bühnenpräsenz und Sprechtechnik, dazu jederzeit bereit, auf unerwartete Wendungen souverän, spontan und locker zu reagieren, gleichzeitig ein geschickter Pädagoge, der sein Publikum und dessen Reaktionen immer im Blick hat und während des Sprechens genau registriert, dass dieser komische Typ dahinten in der vorletzten Reihe jetzt schon zum zweiten Mal gähnt. Dies alles lernt man zu 80% by doing, aber die restlichen (bzw. ersten) 20% sollten die Ausbildungsstätten - endlich! - übernehmen, und zwar nicht nur für ausgewiesene "Musikvermittler", sondern für alle. Denn - um auf den Anfang der Frage zurückzukommen - alle sind Musikvermittler. Es geht letztlich nicht um Musikvermittlung, sondern um Musik! Immer mehr Musiker erweitern ihren Horizont in Richtung Musikvermittlung, Tendenz steigend. Recht so.


Univ.-Prof. (em.) Hans Günther Bastian
(Musikpädagoge und Gründungsdirektor des "Instituts für Begabungsforschung und Begabtenförderung in der Musik, Paderborn)


Die ersten und wichtigsten Musikvermittler sind interkulturell die Mütter, die allabendlich ihre Wiegenlieder singen. In der Ausbildung von Kindergartenerzieherinnen müsste Musik ein Hauptfach oder zumindest ein Schwerpunktfach sein. Dies gilt gleichermaßen für die Grundschule und wir brauchen Erzieher, die für die Musik begeistern, weil sie selbst begeistert sind, die nicht vermitteln sondern selbst zur Vermittlung werden. In der Musik muss immer die Praxis vor der Theorie stehen, man kann sie nicht lehren, man muss sie erleben und leben, denn " teaching about music is like singing about football". Geht nicht!


Prof. Michael Kaufmann
(ehemaliger Intendant der Philharmonie Essen)


Jeder Mensch, der die Musik liebt und sie für sein Leben braucht, der ohne sie nicht leben kann, ist ein Musikvermittler. Und ich bin sicher, jeder Mensch kann Musik vermitteln - er muss nur den für ihn authentischen Weg finden: ein ruhiger Mensch, der mich ohne große Worte zu machen, an die Hand nimmt und mich Neues hören lässt (ob an der heimischen Stereoanlage oder im Konzert) kann ein besserer Vermittler sein als ein geschwätziger Wanderprediger - und wem der Mund übergeht, weil das Herz voll ist, der soll seinen Enthusiasmus nicht verbergen. Wer die Mission in sich spürt, anderen Menschen das unbegreifliche Glück, das die Musik uns schenkt, weiterzugeben, ist ein Musikvermittler. Völlig gleichgültig, ob er die richtigen Worte und Fachtermini benutzt.


Bernhard König
(Büro für Konzertpädagogik, Köln)


Indem man's immer wieder macht, dabei scheitert und sich anschließend von Erfahreneren erklären lässt, woran's gelegen hat.


Prof. Asmus J. Hintz
(General Manager des Bereichs Music Education der YAMAHA Music Central Europe GmbH und Direktor der Yamaha Academy of Music Hamburg)


Ein erfolgreicher Musikvermittler musiziert für andere, vermittelt Einblicke in musikalische Strukturen und Erlebniswelten, ist in der Lage, sich in die Denk- und Erlebniswelt anderer einzufühlen, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und sie zum musikalischen Handeln anzuregen. Musik versteht man am besten durch das eigene Musizieren. Wer so vorgeht, wird ein erfolgreicher Musikvermittler. Wer glaubt, andere mit missionarischem Eifer im Sinne seines Musikverständnisses erziehen zu müssen, ist auf dem falschen Weg, weil er sich selbst in den Mittelpunkt seines Denken und Handelns stellt, den Anderen ignoriert und ihm somit die soziale Akzeptanz verweigert, die für jeden Lernprozess unerlässlich ist.


Constanze Wimmer
(Anton Bruckner Privatuniversität Linz)


Eine Musikvermittlerin ist von Musik begeistert und schätzt ihr Publikum. Für den jeweiligen Vermittlungsansatz hat sie die dafür notwendigen musikalischen, pädagogischen und/oder performativen Fähigkeiten. Manches davon kann sie lernen - z.B. ab 2009 an der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz (Österreich).


Dietmar Flosdorf
(Musik zum Anfassen, Wien)


Jeder, der Musik überzeugend und mit innerer Anteilnahme ("mit Herz und Verstand") vortragen / spielen kann und den Dialog mit seinen Hörern sucht. Weniger Wissen - mehr Persönlichkeit; weniger Lehrer - mehr faszinierendes Vorbild; weniger Bühne - mehr Begegnung

Durch Mut zu und gute Resonanz auf möglichst persönliche Vermittlungsbotschaften und -inhalte - seinen "Ton" suchend und findend.


Arend Herold
login:music, Orchestre Philharmonique du Luxembourg)


(Wer ist Musikvermittler?)

Idealerweise jeder Musiker. Leider entspricht die reale Welt nicht diesem Ideal?

(Welche fachlichen und persönlichen Kompetenzen verlangt erfolgreiche Vermittlungsarbeit?)

Offenheit für Neues
Begeisterung für seinen eigenen Beruf, sein Instrument, sein Orchester
Spontaneität, um auf unvorhergesehene Situationen (z.B. in Schulworkshops) reagieren zu können

(Wie kann man lernen, Musik zu vermitteln?)

Ist ganz einfach: Man macht ein Praktikum bei uns.
Alternativ ist dieses Kochrezept zu empfehlen:
10% Coaching durch einen erfahrenen Musikvermittler
35% Ausdauer (Musikvermittlung ist wie Marathonlaufen!)
55% Learning by doing


Prof. Dr. Barbara Stiller
(Hochschule für Künste Bremen)


Über diese Frage streiten sich die Geister: Auf der einen Seite ist jede und jeder, die oder der über und mit Musik kommuniziert, im weitesten Sinne ein Musikvermittler. Auf der anderen Seite werden für die Tätigkeit gelungener Prozesse der Musikvermittlung so viele Spezialfähig- und -fertigkeiten benötigt, dass ein Mensch allein gar nicht über all diese Qualifikationen verfügen kann. Fest steht: wer musikalisch-künstlerisch versiert und imstande ist, die emotionalen, sinnlichen, kognitiven und psychischen Bedürfnisse aller am Vermittlungsprozess beteiligten Fraktionen klar zu analysieren und die gewonnen Erkenntnisse künstlerisch und allgemein konzeptionell in die weiterführende Vermittlungsarbeit einfließen zu lassen, die oder dem stehen auf dem unendlich weiten Feld der Musikvermittlung Tür und Tor offen ?


Lars Vogt
(Pianist, Initiator von Rhapsody in School)


Der ist Musikvermittler, der weiß, was er vermittelt, wie wichtig es ist, dass er es vermittelt und der es idealerweise auch kann! Dazu ist ein gewisses Talent erforderlich, aber hauptsächlich die unbedingte Leidenschaft, die die Kinder auch dann spüren, wenn der didaktische oder theoretische Ansatz vielleicht nicht so gekonnt oder durchdacht ist. Es braucht starke Persönlichkeiten, die Ausstrahlung haben. Man kann es vielleicht auch lernen, aber wohl nur bedingt. Eine verschlossene oder sogar langweilige Persönlichkeit wird wohl keine Leidenschaft für Musik entfachen können. Vielleicht lassen sich solche Blockaden bei den wirklich überzeugten "Vermittlern in spe" aber auch durchbrechen? Dafür braucht es aber mehr als didaktisches Lernen.


Wolfhagen Sobirey
(Direktor der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg, Lehrbeauftragter Hochschule für Musik und Theater Hamburg, Präsident des Landesmusikrats Hamburg, Mitglied im Präsidium des Deutschen Musikrats, Mitglied im Vorstand des Verbands deutscher Musikschulen)


Der Musikvermittler muss wirklich musikbegeistert sein, und wenn er "vermittelt", muss ihm die Musik anzusehen sein und seine Begeisterung muss sich übertragen. Er muss seine Freude in der Freude der anderen finden. Auf mehreren Wegen, mit Interaktionen, Klang, Worten, Bildern, Bewegungen, Gestik-Mimik,... versucht er sein Publikum für die Musik zu gewinnen.


Christoph Thoma
(künstlerischer und kaufmännischer Geschäftsführer der Grazer Spielstätten GmbH (Orpheum, Dom im Berg, Kasemattenbühne))


Jeder Künstler ist Vermittler, sei das ein Orchestermusiker, ein Solist oder im Umfeld agierende Menschen, wie Moderatoren, Ausstatter oder Organisatoren. An oberster Stelle steht immer das Faktum, bedingungslos die künstlerische Qualität in den Mittelpunkt zu stellen. Die Vorbereitung eines vermittelnden Programms ist mindestens ebenso intensiv wie die Einstudierung eines Konzertprogramms. Handwerkliche Fähigkeiten für die Vermittlung von Musik im Kontext von Implementierung von zweiten Ebenen neben der Musik, können ebenso erlernt werden, wie das "Handwerk Instrument". Moderation, Konzeption, oder Dramaturgie bedürfen der Liebe zum Detail, der Nähe zum Publikum und die Auseinandersetzung mit dem Zielpublikum. Die daraus resultierende Lust auf das permanente Suchen nach neuen Ideen kann nicht erlernt werden, sie bedarf einer Offenheit für Neues und einer sozialen Kernkompetenz.


Stefanie Fricke
(Flötistin und Musikvermittlerin, Hamburger Symphoniker


Sofern man sagt, dass sich Musik selbst vermittelt, ist jeder Musiker auch ein Musikvermittler. Von ihm aber zu erwarten, dass er seine eigene Faszination auch adäquat verbalisieren und in pädagogische Ansätze umwandeln kann, ist indes zu viel verlangt, obwohl es sicher viele gibt, die das sehr wohl könnten. Soll die Musik berühren, muss sie von hoher Qualität sein. Die Verbindung von hervorragenden Musikern und gut ausgebildeten Konzertpädagogen verspricht den größten Erfolg und ermöglicht eine Vielzahl an unterschiedlichsten Konzepten.

Aber trotz aller wichtigen, innovativen und engagierten Konzepte gilt auch: Manchmal ist ein Konzert einfach ein Konzert, nicht mehr und keinesfalls weniger.


Prof. Dr. Karl Heinrich Ehrenforth
(ehem. Dekan der Musikhochschule Detmold und Bundesvorsitzender des Verbandes Deutscher Schulmusiker)


Vermittlung beginnt schon sehr früh im privaten, nicht professionellen Bereich. Die singende Mutter am Bett ihres Kindes. Der Vater, der im Posaunenchor bläst und den Sohn dafür begeistert. Der ältere Bruder, der im Keller Schlagzeug spielt und seine Freunde damit beeindruckt. Der Grossvater, der die Enkelin zum Familienkonzert einlädt. Die Tante, die ihrem Patenkind eine CD mit guten Volksliedern schenkt. Der Nachbar, der sich nicht ärgert über Kinder, die nebenan musizieren. Die Kindergärtnerin, die wenigstens dies ihren Zöglingen beibringt: still zu werden und hinzuhören, wenn Leopold Mozarts "Schlittenfahrt" von der CD erklingt. Der Lehrer in der Grundschule, der zum Singen und Tanzen ermuntert. Der Musiklehrer weiterführender Schulen, der das Schulleben begeisternd in Schwung bringt. Der Manager, der sich der wachsenden Ökonomisierung von (Schul)bildung widersetzt und sich für die Humanfächer einsetzt. Und schliesslich der Politiker, dem das Herz brennt, wenn er an die sozial- und bildungspolitischen Chancen einer breiten Musikalisierung der Gesellschaft denkt. Hier gibt es Vorbilder: Bundestagspräsident Dr.Norbert Lammert und der verstorbene Bundespräsident Johannes Rau. Der Urvater der Musikvermittlung aber bleibt Leonard Bernstein. Seinen Spuren sollten wir folgen.


Prof. Dr. Hermann Rauhe
(Ehrenpräsident der Hochschule für Musik und Theater Hamburg)


1. Liebe zur Musik und zu den Menschen sind Grundvoraussetzungen der Musikvermittlung.

2. Musik kann jeder vermitteln, der von Musik begeistert ist und damit andere Menschen anzustecken vermag.

3. Er muss verfügen überdifferenzierte Hör-, Interpretations- und Gestaltungsfähigkeit auf der Basis eines vielseitigen Wissens über Musik und Kunst und eines kreativen Umgangs mit diesen Wissen. Kommunikative Kompetenz:
- Einfühlungsvermögen in Menschen und Situationen
- Kontaktfähigkeit
- Kooperationsbereitschaft
- Fähigkeit zur verbalen und nonverbalen Kommunikation
- Fähigkeit, das Publikum zum (Mit-) Singen und musizieren zu motivieren
- persönliche Ausstrahlung, geprägt durch Authentizität und Lebendigkeit, Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft, Selbstvergessenheit und Hingabe, Intuition und Spontaneität

Der überwiegende Teil der Wahrnehmungs- und Verhaltensvorgänge ist emotional und nicht rational. Dies gilt besonders für Musik, die Menschen ganzheitliche anspricht und die Herzen erreicht. Insofern kann man Musikvermittlung weniger in der Theorie, als in der lebendigen Praxis erlernen, die selbstverständlich der Reflexion und Rechtfertigung bedarf.


Rainer O. Brinkmann
(Musiktheaterpädagoge an der Staatsoper Unter den Linden, Berlin)


Wer ist Musikvermittler? Welche fachlichen und persönlichen Kompetenzen verlangt erfolgreiche Vermittlungsarbeit?

Der Musikvermittler hat viel auf dem Kasten. Er kann zuhören, der Musik und den Menschen. Er muss ein Gespür für Töne, Zwischentöne und Untertöne haben. Er ahnt, was der Künstler wollte und erforscht, was die Zeit mit dem Kunstwerk anstellt. Er kann ein Musikstück zumindest in Teilen reproduzieren und Ideen entwickeln, wie man andere ebenfalls dazu bringen kann. Er animiert Künstlerinnen, ihr Knowhow zur Verfügung zu stellen und wird als "Übersetzer" tätig. Er macht eine Institution (Schule, Konzerthaus, Oper) darauf aufmerksam, dass sie möglicherweise den Sinn für die Alltagsrealität verloren hat. Er vermittelt zwischen Alltag und utopischem Gehalt.

Wie kann man lernen, Musik zu vermitteln?

Sich für den fantastischen Studiengang "Opern- und Konzertpädagogik" einschreiben und dort folgende Fächer belegen:

Ø Haupt- und Nebenfachinstrument, Klavier und Kazoo
Ø Musikwissenschaft und klinisches Sezieren
Ø Methodik-Didaktik als Weg ins Nirwana
Ø Gruppenharmonisierung und -aufmischung
Ø Geschichte und was in ihr falsch gelaufen ist
Ø Leben und leben lassen (auch in Krisenzeiten)
Ø How to fuck the institution
Ø ?

Wo gibt es diesen fantastischen Studiengang eigentlich?


Benedikt Stampa
(Intendant des Konzerthaus Dortmund)


Jeder muss bei sich selbst anfangen. Ich bin in meinen Rollen als Vater, Ehemann, Bruder, Kollege, Freund und Bürger verantwortlich für die Vermittlung von Musik und Bildung von Empathie. Je mehr in der direkten zwischenmenschlichen Interaktion passiert, desto nachhaltiger wirken die Veränderungen im Gesellschaftlichen. Insofern ist Musikvermittlung, sprich die Sensibilisierung für Kunst, eine Haltung, die man einnimmt.


Iris Winkler
(Musiktheater- und Konzertpädagogin, Berlin)


fachliche Kompetenzen:
- musikalische Fähigkeiten auf einem Instrument, u.a. für das künstlerische Einschätzungsvermögen
- stimmliche Fähigkeiten, u.a. bei öffentlichen Gesprächssituationen
- musikalische Kenntnisse
- pädagogische Fähigkeiten
- organisatorische Fähigkeiten

persönliche Kompetenzen:
- gesundes, angemessenes Selbstvertrauen
- Liebe zum musikalischen Gegenstand, die überzeugende Begeisterung verströmt

Wie kann man's lernen?

Aufgrund der vielfältigen fachlichen Kompetenzen führen hier viele Wege nach Rom, von denen keiner direttamente verläuft. D.h. der Musikvermittler wird nie ausschließlich Musikvermittler sein; sondern er wird den Bedarf aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen selbst verspürt haben und sich dazu fortbilden.


Christoph Gotthardt
(Leiter der Musikvermittlung/Schülerkonzerte der Stadt Frankfurt am Main und Fachberater Musik am Staatlichen Schulamt)


Musikvermittlung zu lernen, sollte eigentlich überflüssig sein, denn jede/r erfolgreiche Musiker/in hat im Grunde Musikvermitter/in zu sein. Das Verständnis von dem, was/wie ein Musiker heute ist, orientiert sich aber viel zu sehr am Geniekult des 19. Jh. und gaukelt uns vor, der Musiker als Künstler habe mit dem Musiker als einem Vermittler und Pädagogen wenig zu tun. Dieses unzulängliche Musikerbild gilt es - bereits in der Ausbildung - zu korrigieren und (wieder neu) auf eine breitere Basis zu stellen, die künstlerische und pädagogische Anteile selbstverständlich vereint. Folglich sollten in beiden Bereichen erfahrene Ausbilder/innen in den musikbezogenen Studiengängen unterrichten und die Professionalisierung von Musikvermittlung voranbringen.


Stephanie Riemenschneider
(Konzertdramaturgin und Konzertpädagogin der Niederrheinischen Sinfoniker)


Für alle musikvermittelnden Aktivitäten, sei es durch die "erste Garde" (Eltern, Lehrer, Musiker, Komponisten) oder durch die "ergänzende Helfer" (Konzertpädagogen, Dramaturgen, Veranstalter), gelte frei nach Klaus Zehelein: "Glaube nicht, dass das, was dir keinen Spaß macht, anderen Spaß macht."


Dr. Susanne Keuchel
(Institut für Kulturforschung, Bonn)


Jeder ist ein "Musikvermittler", der respektiert wird von den Zielpersonen und in der Lage ist, die Zielpersonen auf eine oder mehrere neue Perspektiven im Zugang zur Musik aufmerksam zu machen, sei es in Form neuer biographischer Einblicke zum Komponisten, der Tonkomposition, den Hintergründen zur Entstehung des Werks, emotionaler Erlebnisse zum Werk und vieles mehr. Je mehr unterschiedliche Perspektiven und Zugänge vermittelt werden, desto kompetenter ist der Musikvermittler. Dies sollte Ziel der Musikausbildung sein!


Ursula Heidecker
(Konzertpädagogin und Geigerin beim Royal Scottish National Orchestra)


Am besten jemand, der selbst ausübender Musiker ist oder war, denn wir kennen aus eigener Erfahrung die Freude und Begeisterung, die Musik bringen kann, aber auch (wieder mehr für die kreative Arbeit mit Nichtmusikern) den Kampf mit technischen Schwierigkeiten, die Schwellen- und Bühnenangst - kurz, die ganze Palette, die das Musikerdasein mit sich bringt, im Guten wie im Bösen. Man muss fähig sein, auf Menschen aller Art und allen Alters einzugehen, sie zu inspirieren und zu ermutigen, man muss sensibel sein, aber auch führen können.

Als Orchestermusiker, der sich normalerweise hinter dem eigenen Instrument verstecken kann, muss man erst mal lernen, über seinen eigenen Schatten zu springen und frei vor Menschen zu sprechen. "Learning by Doing" ist die beste Art, Vermittlung zu lernen, geführt von erfahrenen Vermittlern, an deren Beispiel man lernt, wie man vorgehen könnte (oder auch manchmal nicht vorgehen sollte!). Mit zunehmender Erfahrung kann man selbst anfangen, Projekte zu leiten. Musikvermittler werden heißt in die Aufgabe hineinzuwachsen, und das dauert seine Zeit. (Dies schließt die Konzertmoderation aus, mit der ich keine Erfahrung habe, sondern bezieht sich lediglich auf die Arbeit in Schulen und die kreative Arbeit.)


Dr. Ulrich Wüster
(Generalsekretär der Jeunesses Musicales Deutschland)


Musikvermittler ist der Komponist: Er hält das fest, was in ihm Klang geworden ist. Meist denkt er dabei an potenzielle Hörer. Seine Musik ist auf Kommunikation angelegt. Musikvermittler ist der Musiker: Seine Aufgabe ist es, die trockene Skizze der Partitur richtig zu deuten, umzusetzen in Klang, mit seinem eigenen Sinn und Verstand zu füllen, mit seiner Emotion zu beleben. Denkt er dabei nur an die Kunst, ans Artifizielle, ans Artistische seines Instruments, wird er schwerlich den Weg zum Publikum finden. Ein Musiker muss - immer - so spielen, dass die Chance besteht, seine Zuhörer zu erreichen. Musiker in diesem Sinne sein, ist eine Haltung, aus der heraus der Einsatz des instrumentalen Könnens, des im Studium und in der Praxis über Musik Gelernten und die persönliche Präsenz im Moment des Spielens abhängen.
Musikvermittler ist der Moderator: Ob er live sprechend vor oder während der Aufführung in Erscheinung tritt, ob er sich nur textlich im Programmheft oder sonstigem Begleitmaterial zu Wort meldet - seine Informationen, seine Hinweise und Fokussierungen lenken die Wahrnehmung des Hörers - hoffentlich auf Wesentliches. Er ist es, der Kriterien der Wahrnehmung liefert, welche die stets natürliche "Distanz" zwischen Sender und Empfänger der Kommunikation "Musik" überbrücken helfen (sollten). Er wählt auch den Stil - ob "Edutainer", ob "Erzählonkel" der "Dozierender" oder ob "Pfadfinder", "Poet" oder "Animateur": Es gibt vielfältige Rollen. Nicht jeder findet die richtige, nicht jeder ist für jede Rolle der Berufene.
Musikvermittler ist die Musikpädagogik: in der Schule, in der Musikschule, an den Orchestern. Wer die Chance hat, in längeren und intensiveren Kontexten Annäherungen an Musik durch aktive Mitwirkung zu vollziehen, dem werden selbst mit-erlebte Zugangsformen gleichsam "in die Musik hinein" verfügbar. Der wird auch als Hörer, als Publikum, als Rezipient sich anders, sachgerechter, kompetenter, stilsicherer verhalten.

Wie man diese Funktionen lernen kann? Naturtalente gibt es immer wieder, aber ganz ohne fundierten Input an Wissen, Information und Technik kommen auch sie nicht aus. Fortbildungen sind das mindeste, und zwar in den von der Person am wenigsten beherrschten Gebieten (Musikwissenschaft, Didaktik, Schreiben, Auftreten). Ganze Studiengänge werden verwendet, mancher bleibt - gottlob - auch nach dem Diplom ein ewig Lernender und neugierig Forschender. Für den Moderator gibt es hier zweifellos noch zuwenig. Wichtig wäre auch ein Coaching in der Praxis: ehrliches Feedback könnte in vielen Fällen Schlimmeres vermeiden und engagierte, das Beste wollende Personen auf den rechten Weg bringen.


Regula Stibi
(Kabel Musikvermittlung, Zürich)


Voller Ideen, Neugier und Kreativität, ernsthaft, respektvoll und im richtigen Moment auch respektlos, so stelle ich mir Musikvermittlerinnen vor. Es geht darum das Kunstwerk Komposition permanent zu reflektieren, was hat es dem Hörenden des 21. Jahrhunderts zu sagen. Auf dass Beziehungen aufgebaut werden und neue aber auch alte Musik immer wieder frisch gehört wird.

Es gibt ein Handwerk, das gelernt werden kann. Daneben aber gilt es auch, Erfahrungen zu sammeln und eine individuelle Sprache der Vermittlung zu entwickeln.


Thomas Oesterdiekhoff
(Geschäftsführer der musikFabrik, Köln)


Ich glaube nicht, dass es schon ein komplettes Berufsbild eines Musikvermittlers gibt (und vielleicht auch nie geben wird). Von der Warte der musikFabrik aus gesprochen, ist es für uns von besonderer Bedeutung, dass auch Künstler in dieser Vermittlung tätig sind. Diese haben zum Teil komplett andere Vorgehensweisen und Ziele und besitzen oft mehr künstlerische Überzeugungskraft als die Pädagogen. S. Antwort 1: "Musik vermittelt sich doch schon in dem Moment, in dem sie erklingt. "

Esa gibt kein Berufsbild, es gibt keinen definierten Typ des Musikvermittlers, also auch mehrerer Wege um Musikvermittler zu werden.


Romy Sarakacianis
(Konzertpädagogin, Gürzenich-Orchester Köln)


Ein guter "Musikvermittler" muss gleichermaßen das Handwerkszeug in der Musik beherrschen wie auch emotional offen sein. Mitentscheidend für seinen Erfolg ist, dass er seine Gruppe da abholt, wo sie steht.


Simon Halsey
(Chefdirigent des Rundfunkchors Berlin)


The best educators are musicians with enthusiasm and good communication skills - the "personalities" in our groups. Every group contains a few born enthusiasts and these are the educators amongst us.

You can learn to teach, of course - but to learn you must believe in music education. It is not necessary for all of us to be teachers - in each group we should celebrate and use the skills of each individual.

Die besten Musikvermittler sind Musiker mit Begeisterung und guten kommunikativen Fähigkeiten - die "Persönlichkeiten" in unseren Gruppen. In jeder Gruppe finden sich einige geborene Enthusiasten - das sind die Vermittler unter uns.

Man kann natürlich lernen zu vermitteln - aber, um es zu lernen, muss man an Musikvermittlung glauben. Wir müssen nicht alle Lehrer werden - in jeder Gruppe sollten wir die Fähigkeiten und Talente eines jeden Einzelnen pflegen und ausschöpfen.


Sabine Berlin
(Leiterin des Jugendprogramms "Ohren auf" des Radiosinfonieorchester Stuttgart des SWR)


Musikvermittlung besteht in erster Linie darin, Raum für eine gute Begegnung zwischen Profis und Publikum zu schaffen. Denn die besten Vermittler sind gleichzeitig Experten ihres Faches - Musiker, Toningenieure, Musikjournalisten. Ihre didaktische Kompetenz ist die Begeisterung für die Musik.


Joachim Litty
(Leiter der Landesmusikakademie Berlin)


Von jedem - von der Mutter bis zum/r Musiklehrer/in!


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