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Ingrid Allwardt

Ohren auf – für mehr Musik!

Erste Veröffentlichung am 03.03.2008
Eingestellt am 06.04.2009

Dringend – so wurde im Laufe der vergangenen Jahre in verschiedenen Diskussionen und Foren festgestellt – sei die Öffentlichkeit für Fragen der Musikvermittlung zu sensibilisieren; und so machten sich Verbände, Vereine, Institutionen und Einzelkämpfer an die Arbeit: Im Jahr 2000 startete die Jeunesses Musicales Deutschland ihre verdienstvolle Initiative „Konzerte für Kinder“ und setzte damit wesentliche Impulse in der Musiklandschaft. Fünf Jahre später lobte sie zusammen mit der Deutschen Orchestervereinigung, dem WDR und der „Initiative Hören“ einen Preis für vorbildliche Projekte in der Praxis der Musikvermittlung im deutschsprachigen Raum aus. Erstmalig wurde im Jahr 2006 der „junge ohren preis“ mit seinem Fokus auf das Qualitätsbewusstsein von Musikvermittlungsprojekten an die Berliner Philharmoniker verliehen. Im gleichen Jahr initiierte der Deutsche Musikrat in Wildbad-Kreuth den Kongress „Musikvermittlung“. Die verschiedenen Diskussionen brachten es hier auf den Punkt: Sollten die Möglichkeiten musikalischer Erfahrungen nicht weiterhin von Zufällen abhängen und somit unkoordiniert und oftmals frei von erkennbaren Zielrichtungen, Ortsbestimmungen oder gesellschaftlichen Kontextualisierungen stattfinden, so seien Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam gefordert, neue Zusammenhänge zu entwickeln. Diese implizite, dringliche Handlungsaufforderung löste eine Dynamik aus, die im Mai 2007 zur Gründung des Vereins netzwerk junge ohren führte. Bereits ein halbes Jahr später konnte dieser dank tatkräftiger Unterstützung seiner Initiatoren und Gründungspartner1 die Türen seines Büros in Berlin eröffnen.

Seit dem 1. November 2007 geht das Netzwerk der Frage nach, ob allgemein geltende Standards für die Vermittlung von Musik entwickelt werden können und wie sich die „Kunst des Hörens“ etablieren lässt. Viele Projekte, Kooperationen und Konzeptionen in unterschiedlichs­ten Formaten und Kontexten offenbaren sich als beispielhafte und nachahmenswerte Modelle. Diese Aktivitäten sollen künftig mehr Gehör und Unterstützung finden. Das netzwerk junge ohren versteht sich dabei als kompetenter Dialogpartner, der Kontakte vermittelt und Aktivitäten miteinander vernetzt. Zugleich will der Verein auch jenen, die sich in diesem Bereich weiterentwickeln möchten, wertvolle Informationen und Arbeitshilfen bereitstellen. Die künftige Vergabe des „junge ohren preises“ durch das netzwerk junge ohren ist hier ein erstes Signal, um konsequent die Aufmerksamkeit auf zukunftweisende Initiativen für die kulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen zu richten.

Schon die zweite Ausschreibung des „junge ohren preises“ erzeugte in der Spielzeit 2006/07 ein breites internationales Echo. Viele von hoher Qualität gezeichnete Konzert- und Musiktheaterprojekte im Bereich Musikvermittlung für Kinder und Jugendliche aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden eingereicht. Die international besetzte Jury vergab je einen Preis nach Basel, Wien und Heidelberg. Der erste Preis an das Projekt „Windrose“ des „kammerorchesterbasel“ ließ anhand der kreativen Umsetzung von Mauricio Kagels Salonorchesterstück Die Stücke der Windrose Musikvermittlung als eigene Kunstform erscheinen. Der zweite Preis („Oper zum Anfassen – Julius Cäsar im Theater an der Wien“) vermittelte einen kindgerechten und anschaulichen Einblick sowohl in die Gattung als auch in den „Betrieb“ Oper. Den dritten Preis erspielten sich das Theater Heidelberg und sein Philharmonisches Orchester. Unter dem Titel „Das Neue Wunderhorn“ brachte es Profis und Laien im Alter von 6 bis 81 zusammen, die sich ein Jahr lang probend auf den großen Auftritt am Ende der Spielzeit 2006/07 vorbereiteten. Inspiriert durch die Lyrik von Achim von Arnim und Clemens Brentano griffen die Heidelberger Bürger selbst zur Feder und dichteten Texte, nach denen neue Kompositionen, abenteuerliche Choreografien und Inszenierungen entstanden, die anregten, auch abgelegene Räume eines Theaters sinnlich zu erleben. Der „junge ohren preis“ wird 2008 nun erstmalig vom netzwerk junge ohren zusammen mit seinen Koopera­tionspartnern, dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) und der „Initiative Hören“, vergeben und ist mit 3000 Euro dotiert.2

Mit der Eröffnung des Büros wurden hervorragende Start- und Rahmenbedingungen für die Entwicklung zukunftsweisender Ideen der Musikvermittlung innerhalb der Kulturlandschaf­ten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz geschaffen. Informationen zum Thema Musikvermittlung sollen fokussiert und kommuniziert, Qualitätsstandards und Zertifizierungen von Produktionen, Aktionen und Programmen sollen entwickelt und Professionalisierungsmaßnahmen (Kurse, Workshops, Tagungen, Kongresse etc.) in Zusammenarbeit mit Hochschulen und Universitäten initiiert werden. Die Konzeption und Gestaltung eines Kommunikationsportals im Internet und einer angeschlossenen Informationsdatenbank sind die ersten Schritte, die den Vernetzungseffekt schneller nutzbar machen und optisch sichtbar ans und ins Netz stellen sollen.

Erfährt der Begriff „Netzwerk“ zwar in letzter Zeit eine inflationäre Verwendung, so lässt sich der positive Effekt der Vernetzung nicht leugnen. Diesen qualitativ nutzbar zu machen, ist das Anliegen des netzwerk junge ohren e. V. (njo). Es führt ab sofort Institutionen, Organisationen, Initiativen, Verbände und Aktive im Feld der Musikvermittlung zusammen. Präsentationsflächen werden entstehen, die den Partnern Raum für die Darstellung von Projekten geben, Informationen und Erfahrungen sollen künftig im Netz austausch- und unkompliziert abrufbar werden.

Im Dialog mit seinen Partnern wird das njo darüber hinaus auch inhaltliche Akzente setzen, reflektorischen Fragestellungen folgend: Was hö­ren wir eigentlich, wenn wir hören, und wie hö­ren wir, wenn wir hören? Wie kann das Hören selbst zum Thema werden? Welche Arten des Hörens und der Wahrnehmung von Klängen sind möglich? Fragen der Ausbildung künstlerischer Fantasien, der lustvollen Erforschung musikalischer Strukturen und der sinnlichen Erfahrung des Geistigen von Musik leiten dieses Netzwerk, dem der musikphänomenologische Ansatz als theoretischer Bezugspunkt für die Entwicklung eigener Ansätze zur Seite steht.

Den Zuspruch, den das njo seit seiner Büroeröffnung erhält, ist beeindruckend und ermutigend. Der Enthusiasmus der Kolleginnen und Kollegen in der Praxis ist Ansporn, genau diese Aktivitäten und die damit verbundenen Erfahrungen über das Internetportal kommunizierbar zu machen.

Die „jungen ohren“ halten Augen und Ohren auf, können aber nicht zur gleichen Zeit an allen Orten hören. Um einen lebendigen Dialog moderieren zu können und offene Ohren im Bereich Kultur, Wirtschaft und Politik zu erlangen, ist das Netzwerk auf jedwede Mitarbeit angewiesen. Deshalb: Treten Sie in Kontakt mit dem njo und machen so auf Ihre Aktivitäten aufmerksam. Die „jungen ohren“ greifen Aktivitäten von nationalen und internationalen Partnern auf, regen Projekte an und initiieren künftige Entwicklungen im aktiven Dialog mit allen Beteiligten – und sind in dieser Offenheit selbst angewiesen auf aktive Netzwerker und offene Ohren in Kultur, Wirtschaft und Politik.


1 die Deutsche Orchestervereinigung (DOV), die Jeunesses Musicales Deutschland (JMD), die Deutsche Phonoakademie, der Deutsche Musikverleger­Verband, der Verband deutscher Musikschulen, der Schweizerische Musikerverband, die Sektion Musik der Kulturgewerkschaft Österreich sowie die Landesmusikakademie Berlin.
2 Weitere Informationen und Ausschreibungsunterlagen zum Download unter: www.jungeohren.com


zuerst erschienen in: "das Orchester" 3/2008, S. 36 f. 
Mit Genehmigung der SCHOTT MUSIC GmbH & Co. KG, Mainz - Germany


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