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Ingrid Allwardt

Von der Begegnung zum Werden

Erste Veröffentlichung am 06.08.2008
Eingestellt am 20.09.2008

Geradezu inflationär ist das Wort „Musikvermittlung“ in aller Munde. Was genau, wem und wo­zu soll jedoch vermittelt werden? Darüber versucht man sich vielerorts in unterschiedlichen Kontexten zu verständigen und den Begriff auszuleuchten. Eines ist dabei klar: Als unfruchtbar erweist sich der Alleingang, ist Vermittlung doch ein Initiieren von Begegnungen.

Begegnungen schaffen Räume für das Aufeinandertreffen von Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten, schaffen Mixturen aus Konsonanzen und Dissonanzen. Bezeichnet das Wort Begegnung eine besondere Form des Zusammentreffens und aufeinander Reagierens von Personen einerseits, umfasst es darüber hinaus auch die Begegnung mit Kulturen, Künsten, Denkweisen oder anderen Systemen. Dabei vollziehen sich Begegnungen nicht zwangsläufig auf symmetrische Weise. Häufig entsteht gerade aus der (vorübergehenden) Asymmetrie zwischen unterschiedlichen Gegebenheiten besondere Kraft. Kunstwerke, vergangene Zeiten, Argumente oder auch philosophische Begriffe lassen sich auf diese Weise anschauen. Das klingt abstrakt. Entscheidendes Moment, gerade für denjenigen, der als Initiator solcher Zusammentreffen agiert, ist das, was geschieht, wenn eine Person, ein Betrachter sich auf die Begegnung mit etwas, zum Beispiel einem Werk, einlässt. Was dann passiert, ist nur bedingt steuerbar. Es geschieht in einer Art Unvorhergesehenheit, die ihre eigene Aura um Werk und Betrachter entfaltet.
Gehört es zur Wirkungsweise der Kunst, sich nur im Erleben erschließen zu lassen, kommt sie ohne die aktuelle Erfahrung nicht aus. Kein Bewusstsein über Wirkungen der Kunst ohne die konkrete Wahrnehmung. Ermöglicht die Abstraktion in der Kunst, Strukturen, Figuren, Konturen, Ideen jenseits aller Begrifflichkeit zu erproben, und findet Kunst in ihrer Anschauung nur im Erscheinen statt, so lässt sich Wahrnehmung von Kunst als konkreter Prozess und Bestandteil von Erkenntnis beschreiben. Wie nun aber das Wie des künstlerischen Gestaltens und Wahrnehmens reflektieren ohne dabei die Verbindung zum aktuellen Erleben von Kunst zu verlieren? Um die Kunst der Anschauung und Formen der Transformation durch die Begegnung unterschiedlicher Künste geht es in einem internationalen Kongress in Österreich im September.

Neben dem Denken – verstanden als Bilden von Begriffen und Zusammenhängen – ist das Wahrnehmen als eine der Grundbefähigungen des menschlichen Bewusstseins anzunehmen. Was passiert, wenn wir hören, sehen, tasten, riechen, schmecken über das Physiologische hinaus? Wie lassen sich Zusammenhänge, Prozesse, Begegnungen, Beziehungen oder auch Qualitäten und Werte, die sich außerhalb der traditionell definierten Sinnesbereiche befinden, im Modus des Wahrnehmens fassbar machen? Unter welchen Bewusstseinsbedingungen vollzieht sich Wahrnehmen? Wie verlaufen Bewusstwerdungsprozesse, wie greifen sie ineinander? Welche Funk­tion hat das Wahrnehmen für die Konstitution des Wirklichkeitsbewusstseins? Welche Rolle spielt hier die Kunst?

Kunst als Gestalten von Sinnlichem für das Wahrnehmen verstanden, lässt das Kunstwerk seinen Sinn erst in der Wahrnehmung entfalten. Führen Töne, Klänge, Melodien, Formen, aber auch Farben, Bewegungen und Worte zu einer sinnlichen Gestalt, so nennen wir deren Präzi­sion Kunstwerk. Stets ist hierbei nicht allein das Was, sondern die Art und Weise der Gestaltung wahrzunehmen. Kunst zeigt das Wie am Was – der Sonderfall, in dem das Wahrnehmen wahrnehmbar wird, ist in der Kunst der Regelfall. Sinn im Sinnlichen zu erfassen, ist der höchste Sinn der Kunst.

Praxis und Denken vieler Kunstschaffender und Kulturvermittler, die in der Entwicklung von Werken und Formen Veränderungen bewirken, sind geprägt von Begegnungen. Von Begegnungen, die flüchtig oder dauerhaft, umgehend oder verzögert ihre Wirkung auf verschiedenen Ebenen bewusst und/oder unbewusst entfalten. Zum Wert für das Bewusstsein wird das Kunstwerk erst durch den Prozess des Wahrnehmens. Es ist Anlass zu einer spezifischen Sinnstiftung durch das anschauende Bewusstsein, indem es verknüpfend Zusammenhänge herstellt. Die Sinn­stiftung, die der Schaffende mit dem Gestalten seines Werks ermöglicht, wird erst durch den Wahrnehmenden zur Sache des Bewusstseins und damit eigentlich erst realisiert. Der Schaffende konfrontiert den Rezipienten mit einem sinnlichen Phänomen, das durch sein Wie zu einer Sinnstiftung anregt, die stets genuin ist und als spezifische Erfahrung weder ohne das Werk noch den Betrachter zugänglich werden kann. Erst im Auge des Betrachters wird das Bild zum Bild, tönend bewegte Form zur Musik. So gilt es nicht, den Betrachter mit einem geschlossenen Objekt zu konfrontieren, sondern ihn ins Kunstwerk „eintauchen“ zu lassen. Funktioniert das „Eintauchen“, so findet eine Begegnung statt. Doch an welcher Stelle in diesem Prozess kann, darf oder muss vermittelt werden? Für wen und von wem?

Das Symposium „Hören – Spielen – Schauen“ geht diesen Fragen nach. Leitgedanke der Dramaturgie der Tagung ist die Haltung der Begegnung. Die Kunst der Begegnung im Feld der Musik zu befragen, stellt in den Mittelpunkt, wie über Musik mit Hilfe anderer Künste gesprochen werden kann. Gibt es für Musik eine Eigenart ästhetischer Erfahrung? Lässt sich innerhalb des Ästhetischen eine Eigenart der Kunsterfahrung bestimmen? Kann innerhalb der Kunst von einer besonderen Erfahrung der einzelnen Künste gesprochen werden? Wie lässt sich über die Darstellende Kunst Musik ganz anders vermitteln? Wieso überhaupt vermitteln? Kann sich Musik nicht mehr durch sich selbst vermitteln? Warum entwickeln sich Projekte mit anderen Kunstformen? An welchen Rändern entstehen Brücken zur Bildenden Kunst? Vermittelt Kunst Musik? Welche Kommunikationswege werden beschritten? Wie kommunizieren Künste über andere Künste?

Vermittlungsmethoden und Kommunikationsstrukturen sollen im Rahmen des Symposiums in der Begegnung der Künste miteinander befragt werden. Zusammen mit dem netzwerk junge ohren stellt die Remise Bludenz als Veranstalter mit ihren Partnern einen Raum für Begegnungen bereit, der Fragen nach dem Zusammenspiel von Musik, Raum und Bewegung nicht nur provoziert, sondern der gegenseitigen Inspiration Tor und Tür öffnet. Mit internationalen Referenten von Jeunesse Österreich, Kunsthaus Bregenz, Kunsthalle Hamburg, Bregenzer Festspiele, Dschungel Wien, Theater Heidelberg, Wiener Konzerthaus, KulturKontakt Austria, Ernst Krenek Forum und den Wiener Symphonikern lädt das Symposion Künstler, Konzeptionisten, Veranstalter aus den Bereichen Musik, Theater, Bildende Kunst und Museen, Kunst- und Kulturvermittler und Pädagogen ein, sich tatsächlich zu begegnen und vor Ort an einer lebendigen Diskussion um das Thema Musik und ihre gesellschaftliche Relevanz zu beteiligen. Frei nach dem Motto Vermittlung, aber…, wie bitte?

www.jungeohren.com


zuerst erschienen in: "das Orchester" 7-8/2008, S. 40 f. 
Mit Genehmigung der SCHOTT MUSIC GmbH & Co. KG, Mainz - Germany


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