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Ulrich Ruhnke

Anschluss nur über die Vermittlung

Erste Veröffentlichung am 01.09.2006
Eingestellt am 05.05.2008

Die babylonische Sprachverwirrung beim bayerischen Spezialistentreffen war äußerst konstruktiv. Wenn annähernd 170 Fachleute aus Kultur, Wirtschaft und Politik zusammenkommen, um über Musikvermittlung zu debattieren, muss dies notwendigerweise zunächst in einer hochintelligenten Konfusion enden. Denn die Meinungen darüber, was Musikvermittlung ist, sind beinahe so zahlreich wie die Teilnehmer selbst. Zuallererst: Ist Musik überhaupt vermittelbar? Tut sie dies nicht aus sich selbst heraus? Und wenn nein: Wer vermittelt wem wo welche Musik wofür? Es ist eben ein Unterschied, ob ich einer gymnasialen Oberstufe Wagners Tristan vermittle, Kindergartenkinder in einem Teddybär-Konzert beglücke, der treuen Konzert-Abonnentin durch eine Einführungsveranstaltung einen Mehrwert verschaffen will, musikferne Publikumsschichten erstmals für mein Programm gewinnen möchte, der Gruppe der 30-Jährigen die Klassik als Möglichkeit der gerade in Mode kommenden Ästhetisierung ihres Alltags anpreise oder in Berlin-Neukölln für eine musikalische Erstsozialisation sorgen möchte, was einer Grundlagenarbeit gleichkommt. Die Reihe der Beispiele ließe sich noch ein gutes Stück fortsetzen, und doch hätte man sich am Ende nur um den Klassikbereich gekümmert. Auch Rock, Pop, Rap, Hip-Hop, Jazz usw. wollen vermittelt werden, wenn man will, dass Deutschland in Zukunft wieder mehr klingt und singt.

Doch wer soll dafür sorgen? Die Orchester, die Radio- und Fernsehanstalten, die Sozial­ämter durch Einstellung musikalisch ausgebildeter Kindergärtnerinnen, die Schulen, die Musikhochschulen, indem sie nicht nur Musiker, sondern auch Musikvermittler ausbilden, oder die Hörbuchverlage mit musikpädagogischen Titeln? Sie alle können es tun, müssen es tun. Und je näher die Institution am Musik-Machen dran ist, desto größer ist bei ihr die Notwendigkeit zu musikvermittlerischer Aktivität – schon allein aus Gründen der eigenen Existenzsicherung. Wer braucht noch Orchester und Orchestermusiker ausbildende Hochschulen, wenn keiner mehr Konzerte hören will?
Ist Musikvermittlung also nicht mehr als eine Marketingstrategie? Oder gar nur der Kitt zur Reparatur sozialer Missstände wie sie an der Rütli-Schule zutage getreten sind? Musik als Mittel zum Zweck? Selbst wenn man diese Instrumentalisierung bejaht – angesichts des Gelegenheitscharakters, mit dem solcherart Musikvermittlungs-Programme immer noch nur projektweise durchgeführt werden, sind sie nicht mehr als güldener, aber nahezu wirkungsloser Feenstaub auf reale, tief klaffende gesellschaftliche Wunden. Praktische soziale Relevanz kann Musik erst durch die breite Verankerung in der Gesellschaft gewinnen, dann aber ist sie von mächtiger Wirkkraft. Und genau um diese breite Verankerung ging es in Wildbad Kreuth zum einen. Zum anderen, und dies noch zuallererst, ging es um ein Wissensdefizit. Wie soll man die Großartigkeit von Musik und Musikmachen oder ganz einfach: den Spaß und die Freude, die beides vermitteln, vermissen, wenn man nichts von Musik weiß? Was man nicht kennt, das vermisst man nicht. Hier Abhilfe zu schaffen, breite Begeisterung für Musik als Selbstzweck zu schaffen, das war die zweite, fast missionarische Absicht, unter der sich alle Teilnehmer des Kongresses, so unterschiedlich ihre He­ran­gehensweisen an das Thema Musikvermittlung im Einzelnen sonst auch sind, wiederfanden.

Das anfängliche Sprachgewirr war insofern nichts anderes als ein großes, auf gemeinsame Ziele gerichtetes Brainstorming, an dessen Ende ein grundlegendes Positionspapier stand. Verfasst wurde es am letzten Tag von den vier großen Arbeitskreisen, auf die sich die Kongressteilnehmer verteilt hatten: „Schulen, Hochschulen, Musikschulen“, „Orchester“, „Medien“ und „Weitere Institutionen“. In dem Papier wird u. a. eine Verbesserung des musischen Ausbildungsangebots für Erzieherinnen und Erzieher in den Kindergärten und eine Aufwertung von Musik in der Schule mit einer Verbesserung der entsprechenden Rahmenbedingungen gefordert. Außerdem wird die Vereinfachung der öffentlichen und privaten Förderstrukturen für freie Musik­initiativen, mehr Musikvermittlungsprogramme im Radio und Fernsehen sowie – was einem Perspektivwechsel gleichkommt – ein stärkerer Praxisbezug in allen Bereichen der Musikausbildung an den Hochschulen und die Öffnung für neue Berufsbilder im Bereich Musikvermittlung als Ziel formuliert. Mit dem nicht nur an die Politik, sondern auch an die Institutionen selbst gerichteten Ziel- und Forderungskatalog ist der Anfang gemacht. Das war die frohe Botschaft dieser klausurhaften Tagung im still-romantischen Wildbad Kreuth. Der Katalog bildet die Grundlage sowohl für gemeinsame Aktivitäten im Sinne der Sache als auch für die Planungen des nächsten Musikvermittlungskongresses, der bereits 2007 stattfinden soll.
Die immer weiter voranschreitende Diversifizierung der Gesellschaft ist ihr Segen und Fluch zugleich. Wo sich immer mehr gesellschaftliche Schichten mit unterschiedlichen Lebensstilen und Interessen entwickeln (begünstigt auch durch Hinzukommen neuer Musikrichtungen), schrumpfen zugleich die großen Gruppen wie das Bildungsbürgertum immer weiter. Großen Traditionen wie die klassische Musik, die eben hier besonders gepflegt wurde, ist bereits zu großen Teilen die Basis weg gebrochen. Die Konsequenz hieraus kann für die Orchester heute nur lauten: Musikvermittlung muss Pflichtaufgabe werden – und zwar nicht nur als Musikvermittlung für Kinder und Jugendliche, sondern auch für Erwachsene in all ihren unterschiedlichen Lebensphasen. Auch muss es Musikvermittlung für verschiedene Bedürfnisse geben: zur Fortbildung ebenso wie als erste musikalische Sozialisation. Für all diese unterschiedlichen Ziele und Altersgruppen muss es entsprechende Angebote geben, und zwar auf professionellem Niveau. Das wird nicht schnell zu bewerkstelligen sein und kann auch nur in Absprache mit anderen Institutionen und in Kooperation mit Bildungseinrichtungen geschehen. Denn eines ist auf dem Kongress auch klar geworden: Orchester können und sollen kein Ersatz für schulischen Musikunterricht liefern, ihr Kerngeschäft bleibt Konzert und Oper. Sie können aber zusätzlich Unterricht an einem anderen Ort ermöglichen. Und eine wirklich breite Musikalisierung der Gesellschaft ist ohnehin nur durch eine konzertierte Aktion von Kulturinstitutionen, Bildungseinrichtungen, Medien und verantwortlicher Politik zu schaffen.

Vorerst haben die Orchester den Spagat zu leisten, einerseits die Notwendigkeit von Musikvermittlung laut zu verkünden und andererseits die entsprechenden Angebote hierfür auch bereitzuhalten, was angesichts leerer Kassen nicht immer leicht sein dürfte. Die Überzeugungsarbeit muss hierbei zugleich in zwei Richtungen gehen: nach innen in Richtung Orchestermanagement, wo es gelegentlich leider noch immer kein echtes Verständnis für Musikvermittlung aus dem Orchester heraus gibt, und dann vor allem nach außen in Richtung Kultur- und Bildungspolitik, also in Richtung Schulen, Schulämter, Kultus- und Kulturdezernenten. Beides darf zudem ruhig mit mehr Emotionalität und Fonstärke geschehen als bisher. Thomas Goppel, bayerischer Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst, brachte die Sachlage diesbezüglich auf den Punkt: Vor- und Nachteil der Demokratie sei, dass nur gemacht würde, was gesagt sei und wofür es eine Mehrheit gäbe.


zuerst erschienen in: "das Orchester", 9/2006, S. 40ff.
Mit Genehmigung der SCHOTT MUSIC GmbH & Co. KG, Mainz - Germany


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